Arme Kinder hamma ned!

Laura Ari | aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Kinderarmut kommt laut dem Familienministerium bei uns nicht vor - entsprechende Abschnitte wurden aus dem Familienbericht gestrichen

Der Begriff "Kinderarmut" ruft Bilder von klebstoffschnüffelnden Buben in Rumänien oder schmutzigen Straßenkindern in Südamerika hervor. Doch auch in einem wohlhabenden Land wie Österreich sind 15 Prozent der Kinder im Alter unter 15 Jahren armutsgefährdet.

Kinderarmut bei uns - gestrichen

Besonders betroffen sind Kinder in Alleinerzieherhaushalten, in Familien mit Migrationshintergrund sowie in Familien mit mehr als drei Kindern. Dieses Ergebnis hält die Studie "Tackling child poverty and promoting the social inclusion of children" (2007) von Karin Heitzman vom Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien fest.

Kinderarmut in Österreich? Ein heikles Thema, besonders in der Politik, meint Michaela Moser, Geschäftsführerin der Armutskonferenz. Wurde doch das Kapitel der "Kinderarmut" aus dem Familienbericht (5. Familienbericht 2009) des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend gestrichen. Die Armutskonferenz stellte das besagte Kapitel online.

Die offizielle Begründung, der Bericht sei inhaltlich nicht fundiert, kann Moser nicht teilen. Kinderarmut wird in der öffentlichen Debatte oft als singuläres Problem diskutiert. Doch Kinderarmut ist nicht von Familienarmut, von Frauenarmut, von Armut aufgrund von Migration zu trennen. Arme Eltern haben arme Kinder. Im Beitrag zur Familienarmut verweist die Armuts-konferenz auf die Analyse der Kostenbeiträge und Selbstbehalte für Familien.

Mütter geraten in Armut

Karin Heitzman nennt Vollzeitbeschäftigung beider Elternteile als wirkungsvollste Waffe gegen Armut. Das Modell "Familie", bestehend aus Vater, Mutter, Kind(ern), hat sich in den letzten Jahrzehnten rapide verändert. Doch die Rechtspolitik, die Familiengesetzgebung und die Sozialpolitik scheinen diese Entwicklung mit all ihren Folgen nicht rechtzeitig erkannt zu haben.

In dem Artikel "Arme Kinder fallen nicht vom Himmel" definiert Michaela Moser unter "Familienarmut" die "überproportionale Armutsbetroffenheit bestimmter Haushaltskonstellationen von Erwachsenen mit Kindern".

In dieser Konstellation sind meist Frauen aufgrund unbezahlter Sorgetätigkeit von Armut betroffen. Wer die Verantwortung der Erziehung für das Kind übernimmt, ob alleinerziehend oder innerhalb einer Partnerschaft, kann selten in vollem Maße der Erwerbstätigkeit nachgehen. Personen mit hohem Einkommen können sich (private) Kinderbetreuung und variable Arbeitszeiten ermöglichen, jene mit niedrigem nicht. Ist man zusätzlich Alleinerzieherin, zeigt sich ein Einkommensproblem bis hin zur Armutsgefährdung als vorprogrammiert. Familienpolitische Maßnahmen, die Frauen wie Männern die Vereinbarkeit von Kinderbetreuungspflichten und Erwerbstätigkeit ermöglichen, fehlen in beinahe allen europäischen Aktionsplänen zur Bekämpfung von Kinderarmut.

Alleinerziehende sind überproportional von Armut betroffen. Im Familienbericht ist im Kapitel "Kinder als Armutsrisiko" nachzulesen, dass 2006 jede fünfte Familie mit Kindern ein Haushalt mit Alleinerziehenden war. Knapp 80.000 alleinerziehende Haushalte mit zusammen 193.000 Erwachsenen und Kindern waren armutsgefährdet. Von den 80.000 wurden 67.800 Haushalte von alleinerziehenden Frauen geführt (177.000 Frauen und Kinder). Flexible Kinderbetreuung sowie familienadäquate Arbeitszeiten müssen dieser (realen) Lebensform angepasst werden.

Neuorientierung an den Frauen

Als mögliche Lösung nennt Moser Nancy Frasers Ansatz der Verwirklichung der Gleichheit der Geschlechter. Die gegenwärtigen Lebensmuster von Frauen sollten als Standard und nicht als eine Abweichung von der Norm gesehen werden. Sozialpolitische Regelungen müssen die gleichmäßige Verteilung von Erwerbs- und Versorgungsarbeit zwischen den Geschlechtern fördern. Das stelle eine Voraussetzung für eine ausreichende materielle und soziale Absicherung von Frauen dar.

In Österreich wird zwischen "Armutsgefährdung" und "akuter Armut" unterschieden. Armutsgefährdet ist eine Person, deren gewichtetes Einkommen unter 60 Prozent des Durchschnittseinkommens ausmacht. Wenn dazu noch Einschränkungen der Abdeckung grundlegender Lebensbedürfnisse kommen, ist die "akute Armut" eingetreten. Dazu zählen die Unterkunft in einer Substandardwohnung, Rückstände bei Zahlungen von Mieten und Krediten, Probleme beim Heizen der Wohnung oder Unmöglichkeit, abgenutzte Kleider durch neue zu ersetzen.

Die größte Gruppe der Armen

Die größte Gruppe von armutsbedrohten Personen in Österreich ist jene, die keine EWR-Staatsbürgerschaft besitzt. Von diesen 828.000 Menschen muss etwa ein Viertel mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze leben. Als "besondere Problemgruppe" werden kinderreiche Familien, Familien mit Langzeitarbeitslosigkeit und pensionierte Migranten und Migrantinnen genannt. Asylsuchende, die (kaum) über Bargeld verfügen sowie nicht erwerbstätig sein dürfen, fallen in eine separate Gruppe. Durch die meist lange Dauer der Asylverfahren entstehen familiäre Armutslebenslagen.

Herbert Langthaler, Sozialanthropologe und Journalist, ist Mitarbeiter der Asylkoordination Österreich und Herausgeber des Buchs "Integration in Österreich". Thema der Beiträge verschiedener Autoren ist "Integration" als zentraler, politischer wie wissenschaftlicher, Begriff. Integration ist ein gesellschaftlicher Prozess, in dem sich die ganze Gesellschaft verändert.

Die Aufgabe der Integration

In den Sozialwissenschaften steht der Begriff Integration für eine wechselseitige Anpassung und Veränderung von Aufnahmengesellschaft und Migranten. In der politischen Sprache wurde "Integration" jedoch immer mehr mit "Assimilation" gleichgesetzt. Eine individuelle Leistung der Anpassung an das Land Österreich wurde kommuniziert. Es stellt sich die Frage, ob mit dem Begriff Integration noch wissenschaftlich gearbeitet werden kann. Laut Langthaler müsse kommuniziert werden, dass Integration einen gesellschaftlichen Prozess und, im Gegensatz zur Assimilation, keine Eigenleistung von Individuen darstellt. Kinderarmut trete als eine Begleiterscheinung der ethnischen Unterschichtung auf. Einer Frau mit Migrationshintergrund und geringem Einkommen werden kaum flexible Arbeitszeiten oder passende Kinderbetreuung zur Verfügung stehen. Auch fehle es an sozialen Netzwerken, welche diese Defizite abfedern könnten.

August Gächters Artikel "Der Integrationserfolg des Arbeitsmarkts" behandelt u.a. den Dequalifikationsprozess von Migrantinnen. Anhand der Auswertung von Statistiken belegt er, dass Menschen mit höheren und mittleren Qualifikationen in gering qualifizierten Tätigkeiten beschäftigt sind. Festzuhalten ist "die historische Benachteiligung der Frauen im Bildungswesen und ihre aktuelle Benachteiligung am Arbeitsmarkt". Es lasse sich nicht absehen, "wie lange es noch dauert, bis insbesondere höhere Qualifikationen von Frauen am Arbeitsmarkt ernst genommen werden".

Michaela Moser studierte in Innsbruck und Nijmegen katholische und feministische Theologie. 2007 Dissertation in Philosophie an der University of Wales. Hochschullehrgang Public Relations in Wien. Mitarbeiterin der Armutskonferenz. Öffentlichkeitsarbeit der Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldenberatung

Herbert Langthaler Studium der Kultur- und Sozialanthropologie und Publizistik an der Universität Wien. Dissertation zu Sklaverei in Ostafrika. Journalist und Mitarbeiter der Asylkoordination Österreich. Publikationen, Lehr- und Forschungstätigkeiten zu Asyl, Migration und Rassismus. Lehrveranstaltungen an den Unis Wien und Klagenfurt

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