Kann eine Akademikerin arm sein?

Sonja Burger | aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Eine junge Akademikerin versucht zu ergründen, ob sie arm ist. Sie kommt zum Schluss, dass zur Armutsbekämpfung Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik gehören

Ich möchte mich Ihnen kurz vorstellen: weiblich, Akademikerin mit Berufserfahrung, Kundin beim AMS und froh, dass der Einkauf beim Sozialmarkt das Geldbörsl ein wenig entlastet. "Wie bitte? Eine Akademikerin, die beim Soma einkauft? Das passt doch nicht zusammen!"

Armut ist facettenreich - auch wenn nicht ganz klar ist, ob ich aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich arm bin. Daher habe ich mich zur Klärung an mehrere Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher Disziplinen gewandt.

Armut kennt viele Definitionen

Karin Heitzmann ist Assistenzprofessorin am Institut für Sozialpolitik der WU, Koordinatorin der Forschungslinie "Armut und soziale Ausgrenzung" und bringt sozial- wie wirtschaftswissenschaftliche Expertise ein. Diese Disziplinen bestimmen Armut anhand einer messbaren und damit auch vergleichbaren Größe, nämlich am verfügbaren Einkommen. Arm ist diesfalls eine Person, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. In Euro ausgedrückt waren das vor zwei Jahren in Österreich 951 Euro pro Monat. Das verfügbare Einkommen umfasst Sozialleistungen ebenso wie private Geldleistungen - nicht aber Sachleistungen wie eine Lebensmittelspende von der Oma.

Richtig schlecht geht es jenen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können und sich in der Apotheke nichts leisten können. Sie gelten als "manifest arm". Hier treffen zwei der "Deprivationsindikatoren" zu. Diese bilden den Grad des Mangels oder der Entbehrung ab (in Bereichen wie Nahrung, Wohnraum, Gesundheit etc.). Allerdings berücksichtigt dieses Armutsmodell nicht die Beziehung zwischen verfügbarem Einkommen und Ausgaben, auch nicht deren Anstieg. Darin sieht Heitzmann ein gravierendes Defizit. Die Armutssituation wird nicht wirklichkeitsgetreu abgebildet, die Zahl der manifest Armen unterschätzt.

Im Gegensatz dazu erforscht die partizipative Armutsforschung Zustand, Ursachen und Folgen von Armut. Nadja Lobner ist Politologin und Koordinatorin des Zentrums für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg sowie Expertin für Jugendarmut und partizipative Armutsforschung. Armut ist für sie, grob zusammengefasst, die relative, strukturelle Ausgrenzung vom Zugang zu materiellen wie immateriellen Gütern. Den Betroffenen mangelt es wegen der ungerechten Verteilung des Zugangs an Entscheidungsfreiheit, um für sich selbst und für jene, die sie versorgen, eine Grundsicherung und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Mittlerweile haben die Forscherinnen ihre Definition weiterentwickelt und die Problematik aus der Perspektive von Jugendlichen näher untersucht. Man betrachtet die betroffenen Jugendlichen als Experten ihrer Situation und bezieht sie methodisch ein. Man forscht nicht mehr nur über sie, sondern mit ihnen, und will ihnen "auf Augenhöhe" begegnen. Und was sagt die partizipative Armutsforschung über mich? Lobner stellt mir eine Fülle an Gegenfragen: Fühlen Sie sich arm? Was heißt Armut für Sie? Woran können Sie teilnehmen und woran nicht?

Auch für Wirtschaftspsychologen sind Individuen, besser gesagt deren Konzepte von Geld, Armut oder Reichtum, von zentraler Bedeutung. Wie beurteilt man die Armut oder den Reichtum anderer? Welche Kriterien entscheiden, ob man Hilfe leistet oder nicht? Solche Fragen beschäftigen die Wirtschaftspsychologie. "Aus externer Perspektive ist Armut nicht leicht erkennbar", betont Erich Kirchler, Wirtschaftspsychologe und Vizedekan der Fakultät für Psychologie an der Uni Wien, "erst wenn es nicht mehr möglich ist, ein vernünftiges Maß der Grundbedürfnisse zu befriedigten, wird Armut zu einem objektiv wahrnehmbaren Problem". Die Ursache für dieses Schicksal lokalisieren Mitmenschen bei der betroffenen Person selbst. Dahinter steckt eine Vorstellung, die als "Glaube an die gerechte Welt" bezeichnet wird. Kurz gesagt: Die Fleißigen werden belohnt, die Untätigen bestraft.

Wer ist "schuld" an der Armut?

Ist ein Mensch von Armut betroffen, sind laut der Sozialwissenschaftlerin Heitzmann drei Säulen von Bedeutung: familiäre Unterstützung, sozialstaatliche Leistungen und Erwerbseinkommen. Je nachdem, wie die Säulen ausgeprägt sind, läuft ein Mensch Gefahr, in Armut zu geraten. Speziell die Höhe von Erwerbseinkommen und sozialstaatlichen Leistungen wie dem Arbeitslosengeld können zu einer Ursache von Armut werden.

An diesem Punkt setzt Heitzmanns Kritik an, da weder beim einen noch beim anderen derzeit eine Mindesthöhe existiert. Da die Ursachen von Armut hochkomplex sind, ist die Berücksichtigung mehrerer Faktoren notwendig, um sie zu erfassen.

In der partizipativen Armutsforschung bedient man sich deshalb eines Mehrebenenmodells. Die Ursachen ergeben sich aus einem Zusammenspiel verschiedener Aspekte und den Wechselwirkungen zwischen allen drei Ebenen: Mikroebene (Individuum), Mesoebene (Unternehmen, Nationalstaat etc.) und Makroebene (globale politische/wirtschaftliche Verflechtungen). Als Beispiel für solche Wechselwirkungen nennt die Politologin Lobner den Zusammenhang zwischen den aktuellen Entwicklungen in der Arbeitswelt und Armut. Erwerbstätige sind immer weniger Gestalter der Arbeitswelt, sondern werden von ihr gestaltet. So ist es kein Zufall, dass psychische Erkrankungen wie Burn-out oder Depressionen zunehmen. Schlechte Lebensbedingungen und Arbeitsbedingungen machen krank, Krankheit wiederum führt zu Arbeitslosigkeit und Armut. Armutsbekämpfung schließt also auch Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik ein.

Arbeitslose ohne Vertretung

Warum vertritt niemand die Interessen der Arbeitslosen? Wieso entsteht es nicht aus der Gruppe heraus? Diesen Fragen gingen Wirtschaftspsychologen nach. In einer Studie wurden unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen (Arbeiter, Beamte, Angestellte, Hausfrauen, Studierende, Arbeitslose) nach den Charakteristika eines typischen Vertreters ihrer eigenen Gruppe befragt. Alle Gruppen, mit Ausnahme der Arbeitslosen, werteten die eigene auf und die anderen ab.

Dieses Verhalten zielt darauf ab, den eigenen sozialen Selbstwert zu steigern und die soziale Zugehörigkeit zu festigen. Wenn die Gruppenzugehörigkeit wie bei den Arbeitslosen aber keine positiven Auswirkungen auf den Selbstwert hat, besteht für den Einzelnen die einzig gangbare Lösung in der Distanzierung. Man ist "anders" als ein typischer Arbeitsloser. Da viele Betroffene so handeln, verhindert dies die Bildung einer Interessenvertretung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Angehörigen aller anderen Gruppen wegen deren "Glauben an die gerechte Welt" die Arbeitslosen sich selbst überlassen.

Aktive Armutsbekämpfung?

Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin Heitzmann weist auf Fehlentwicklungen hin, etwa darauf, dass der österreichische Sozialstaat nicht "armutsfest" sei. Die Geldleistungsorientiertheit sei zu dominant, gleichzeitig hinkt deren Unterfütterung mit Infrastruktur- und Dienstleistungen massiv hinterher. Um dies zu ändern, ist politischer Wille nötig.

Für den Wirtschaftspsychologen Erich Kirchler ist das Thema Aufklärung von zentraler Bedeutung. Daran könnten sich Medien wie auch Unternehmen aktiv beteiligen. Erste positive Erfahrungen gäbe es mit dem vom Unternehmen selbst initiierten Seitenwechsel. Mitarbeiterinnen können sich im Rahmen der Weiterbildung statt in die Arbeit zu gehen für eine gewisse Zeitspanne in einem Obdachlosenheim engagieren. Auf institutioneller Ebene existiere auch noch Spielraum. Die Politologin Nadja Lobner setzt mit dem Zentrum für Ethik und Armutsforschung auf die Entwicklung eigener Projekte zur Armutsbekämpfung. Ihr dient auch die Armutsberichterstattung, die erst durch den EU-Beitritt Österreichs richtig begonnen hat. Davor gab es kaum Studien zu Armut. Nun erstellt die Statistik Austria einen jährlichen Armutsbericht. Aber daraus erfahre ich auch nicht, ob ich arm bin oder nicht.

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