Bereichernde Begegnungen

Christian Zillner | aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Ein neues Sozialprojekt in Wien bringt Studierende und Obdachlose in einem gemeinsamen Haus unter

Es begann mit einer Begegnung. Cecily Corti traf im Jahr 2002 Pfarrer Wolfgang Pucher. Der, ein Mitglied des Lazaristenordens, hatte 1993 im Grazer Stadtteil St. Leonhard ein VinziDorf gegründet, eine Ansammlung von Baucontainern für obdachlose Menschen. Mittlerweile gibt es die mobile Essensausgabe VinziBus, den VinziMarkt, die ärztliche Betreuung VinziMed sowie eine Reihe anderer Vinzi-Sozialeinrichtungen.

Die Gründung der VinziRast

Cecily Corti war von Puchers Arbeit beeindruckt. Sie wollte in der Vinzenzgemeinschaft tätig werden. Mit Spendengeldern erwarb sie ein Haus in der Meidlinger Wilhelmstraße. Zunächst sollte es, von freiwilligen Helferinnen und Helfern betrieben, als Notschlafstelle dienen.

"Wir führen es als niederschwellige Einrichtung", erklärt sie. "Bei uns dürfen alle herein: Frauen, Männer, Pärchen - egal, ob Ausländer, ja sogar Alkoholiker - und Hunde. Unseren Gästen begegnen wir mit Respekt. Wir nehmen sie an, wie sie sind."

2008 wurde das VinziRast genannte Haus umgebaut, um ein Stockwerk und einen Dachausbau erweitert und heißt jetzt VinziRast-CortiHaus. Es beherbergt neben der Notschlafstelle auch 16 Wohnungen für 29 Frauen und Männer. Zwei Häuser weiter wurde heuer eine Wohngemeinschaft für ehemals obdachlose Menschen, die nach einem Alkoholentzug oder einer Therapie abstinent leben und einander dabei unterstützen wollen, eröffnet.

"Im VinziRast-CortiHaus arbeiten ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", sagt Corti, die Leiterin und Obfrau des Trägervereins Vinzenzgemeinschaft St. Stephan. "Nur der Geschäftsleiter Christian Spiegelfeld ist Teilzeit angestellt."

Es begann mit einer Begegnung. Während der Besetzung des Audimax im Rahmen der Studierendenproteste 2009 trafen Studierende, unter ihnen der Lehrer und Anglizistikstudent Peter Nitsche, auf obdachlose Menschen, die im Saal nächtigten. Er wollte für sie eine längerfristige Unterkunft und vor allem Beschäftigung schaffen. Mit einem E-Mail wandte er sich an den Bauunternehmer Hans-Peter Haselsteiner. Der wiederum, ein großzügiger Unterstützer des VinziRast-CortiHauses, verwies Nitsche an Cecily Corti.

Studierende und Obdachlose

Aus dieser Begegnung entstand die Idee zu VinziRast-Mittendrin, ein Haus für Obdachlose, Studierende und an Sozialprojekten Interessierte. Mittendrin deshalb, weil das Haus an der Währinger Straße mitten im Studierendenviertel und nahe der Innenstadt liegt. Haselsteiner kaufte das desolate Gebäude, Cortis Verein wird es renovieren, ausbauen und 2012 eröffnen.

"Im Haus sollen nicht nur Wohnungen für Obdachlose und Studierende, sondern auch ein Café ohne Konsumzwang, Räume für Beratung, Begegnung und kulturelle Veranstaltungen sowie eine Werkstatt entstehen", sagt Corti. So haben die Studierendenbewegung "Unibrennt" und die Begegnung von Studierenden um Peter Nitsche mit der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan ein nützliches Ergebnis für Wiens Obdachlose erbracht.

Es wird zu Begegnungen führen, das Projekt VinziRast-Mittendrin. Auch zur Begegnung der akademischen Welt mit Obdachlosen. "In diesem Haus sollen Studierende mit Obdachlosen leben", erklärt Gregor Kollwinger, ein Politologiestudent und Mitarbeiter am Projekt. Es wird Wohnungen geben, deren Mieten den Betrieb des Hauses teilweise finanzieren.

"Die Studierenden sollen aus der täglichen Begegnung mit Obdachlosen etwas für ihr Studium mitnehmen. Vielleicht finden sie hier eine interessante Forschungsfrage. Jedenfalls erleben sie die Probleme von Obdachlosen hautnah und können ihnen mit praktischer Hilfe beistehen."

Ein einzigartiges Pilotprojekt

Die stellvertretende Obfrau der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan und Primaria am Landesklinikum Krems Michaela Seyr sieht eine Reihe weiterer Möglichkeiten in der Begegnung von Uni und Obdachlosen. "Man weiß wenig über die Menschen am Rand der Gesellschaft", sagt sie. "Das Haus soll über die Beratungseinrichtung hinaus zur Erforschung der Lebenswelt der Obdachlosen anregen. Etwa, wie sie mit Krankheiten wie Grippe und Ähnlichem umgehen - sie leben ja auch damit auf der Straße."

Ihre Aufgabe ist es, "zu verschiedenen Fakultäten der Uni Wien und der MedUni Kontakt herzustellen, aus dem sich konkrete Projekte ergeben sollen. Außerdem soll das Haus ein Begegnungsraum für Menschen in Sozialprojekten werden. Ich denke an kleine Symposien und Workshops. Vor allem aber kann hier Forschungsarbeit in Zusammenarbeit mit Obdachlosen geleistet werden."

Mittendrin in der akademischen Welt, wo junge Menschen nach ihrem Platz in der Gesellschaft suchen, werden nun bald jene leben, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben. Hoffen wir, dass sich aus diesen Begegnungen auch neue Einsichten für unser aller Zusammenleben ergeben.

Interessierte kontaktieren:

Christian Spiegelfeld, Tel. 0699/10 97 37 22,

oder Cecily Corti, Tel. 0650/368 31 74.

VinziRast,

Wilhelmstraße 10, 1120 Wien

kontakt@vinzirast.at

www.vinzirast.at

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