Kommentar

Brief aus Brüssel

Christian Bretter | aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Ich könnte Ihnen von der Schneekugel Europa erzählen. Jenem Ding, das nach kurzem Schütteln seine in Flüssigkeit schwebenden Flocken wieder sanft auf das Riesenrad, auf den Eiffelturm, auf die Hagia Sophia oder auf die Tower Bridge legt. Die Schneekugel Europa kam mir letzten Sonntagnachmittag in den Sinn.

Meine kleine Tochter wurde von ihrer Freundin und deren englischen Eltern besucht. Die junge Mutter der Freundin meiner Tochter ist ebenso wie die Mutter meiner Tochter als Verhandlerin und Informantin für ihr Herkunftsland im Europäischen Rat tätig. Hier arbeiten die Jungmütter an der täglichen Rechtsetzung der EU (http://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsetzung_der_EU), finden mit Geduld Kompromisse und versuchen Lichter am Horizont auszumachen, die es sich lohnt anzusteuern. Diese Jungmütter - natürlich sind es nicht nur Mütter, es ist ein bunter Haufen Europäer, meist zwischen 30 und 40 - stellen eine Kernzelle des Organismus EU dar. Auf ihren von Übersetzerkabinen gesäumten Sesselkreisen pumpen sie unentwegt Neuerungen in die Regionen Europas.

Den Regierungschefs wird dadurch das Wasser abgegraben. Um ihre Legitimation zu betonen, wettern sie in ihren Ländern gegen die EU: Natürlich sind die in Brüssel schuld. Nur sind jene, die in Brüssel entscheiden, dieselben Regierungschefs. Gern verschweigen sie, dass sie sich mindestens zweimal pro Halbjahr im Rat in Brüssel treffen, um neue Gesetze zu beschließen. Irgendwie scheint versteckte Autoaggression eine psychopolitische Mechanik in Europa zu sein.

Zurück zur Schneekugel. Willkürlich wie die Flocken in der geschüttelten Schneekugel treffen in Brüssel Menschen und europäische Geschichte aufeinander. So gibt es den australischen Anwalt mit holländischen Vorfahren, der sein Haus vermietet; die Frau aus Portugal, die die österreichische Vertretung bei der EU putzt; den spanischen Vater, der sich über belgische Schulbücher aufregt, in denen seinen Kindern von den barbarischen Taten der Spanier in Südamerika erzählt wird, aber nichts über belgische Barbarei im Kongo.

Einer auf der Kunstbühne der Nordhalbkugel ist Franz West. Dieser nennt seine aktuelle Ausstellung im Grazer Kunsthaus "Autotheater". Meint zwar nicht das europäische Theater. Aber auch Europa ist ein Autotheater im griechischen Sinn.

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