Was am Ende bleibt

Gut und Böse

Erich Klein | aus HEUREKA 5/10 vom 24.11.2010

Bei einem Besuch in Vukovar drückte der serbische Präsident Tadic kürzlich sein Bedauern über die Massaker an der Zivilbevölkerung im Jahre 1991 aus. Alle Symbolik solcher Veranstaltungen wird durch den "banalen" Umstand des Verbrechens selbst relativiert - die resignative Einsicht ließ Hannah Arendt im Fall Eichmann von der "Banalität des Bösen" sprechen.

Die meisten Bücher über die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre mit mehr als 200.000 Toten und 2,5 Millionen Vertriebenen sind längst vergessen - Ausnahmen wie die von Slavenka Drakulic bestätigen die Regel. Ihre Reportagen, ein Roman über die Massenvergewaltigungen aus der Opferperspektive, "Als gäbe es mich nicht", und "Keiner war dabei", ein Bericht über den Kriegsverbrecherprozess in Den Haag, haben Bestand.

Die Vorgangsweise der Mörder stand in schrecklichem Einklang mit Entwicklungen der jugoslawischen Länder, am Ende der beklemmende Befund: Die Mörder sind Monster, aber auch normale Menschen. Und: "Der Krieg hält nicht inne, bevor er uns nicht zu der schrecklichen Einsicht gebracht hat, dass wir seine Komplizen geworden sind."

Auf merkwürdige Weise noch anstößiger als die Abrechnung mit Milosevic & Co ist Drakulic' jüngstes Buch, "Leben spenden. Was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun". Nach der Diagnose einer Zystenniere hatte sie im Tito-Jugoslawien nur aufgrund der Beziehungen ihres Vaters, der als Armeeangehöriger zu einem der raren Dialyseapparate Zugang hatte, überlebt. Eine erfolgreiche Transplantation musste 2004 wiederholt werden: Drakulic bekam in den USA eine anonyme Spenderniere.

Was bewegt jemand, mit einem Teil seines Körpers das Leben eines Fremden zu retten? Ein New Yorker Priester, einer von Drakulic' Gesprächspartnern, meint: "Gott ist die Liebe, und mit der Organspende hat uns die moderne Wissenschaft eine wunderbare Möglichkeit gegeben, diese Liebe auszudrücken." Wie verhält es sich aber, "wenn wir im 20. Jahrhundert leben und möglicherweise nicht an Gott glauben?". Wenn wir angesichts dieses "Opfers" von einem Wunder sprechen, warum stellen wir Güte eigentlich infrage? Gibt es überhaupt Gründe, von der "Banalität des Guten" zu sprechen?

Slavenka Drakulic: Leben spenden. Was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun

Wien 2008, Zsolnay, 224 Seiten

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