Kommentar

Frauenquote: zu wenig

Sabine Seidler | aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

Seit 15. März 2011 hat Österreich offiziell eine Frauenquote. Sie drückt einen politischen Willen aus. Doch die Ursachen für die Probleme sind zu vielschichtig, um mit einer so einfachen Maßnahme, die noch dazu in vielen Bereichen gar nicht kurz- oder mittelfristig umsetzbar ist, eine Lösung bieten zu können. Die Quote unterstützt Bewusstseinsbildung und kann im Einzelfall auch Ungerechtigkeiten ausgleichen, die systemische Aufgabe ist jedoch so nicht zu bewältigen.

Wenn die bis 2018 angestrebte Prozentzahl dazu führt, dass sich Prozesse in die richtige Richtung entwickeln, wird die Diskussion, ob 35 oder 50 Prozent, obsolet. Die Menschen, die sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern im Arbeitsleben einsetzen, haben nicht die Erfüllung einer Planzahl im Kopf, sondern betrachten die gesellschaftliche Dimension. Auch wenn fraglich ist, wie ehrgeizig 35 Prozent zu bewerten sind, sie erscheinen realistisch.

Um die geplante siebenjährige Übergangsfrist beurteilen zu können, kommt es auf die angestrebte Wirkung der Quote an. Wenn es nur darum geht, diese zu erfüllen, lässt man sich zu viel Zeit. Geht es aber darum, gesellschaftliche Änderungen herbeizuführen, für die 35 Prozent letztlich nur eine Zwischenetappe sind, dann ist der Zeitrahmen angemessen.

Nun stellt sich noch die Frage, ob der Staat durch ein vermeintliches Herbeirufen kultureller Änderung ein Vorbild für Privatbetriebe sein kann. Man ist im ersten Moment versucht, mit "Nein“ zu antworten. Im Gesamtkontext betrachtet, scheint es aber logisch, dass der Staat dort beginnt, wo er direkte Eingriffsmöglichkeiten hat.

Die Quote ist ein Schritt in die richtige Richtung, der mutlos wird, wenn er der einzige Schritt bleibt. Auf die begleitenden Maßnahmen kommt es an. Doch damit sind nicht sogenannte "Frauenförderungen“ gemeint, die fast alle bei vermeintlichen Schwächen und nicht bei den Stärken ansetzen.

Um die Aufgaben in einer Spitzenposition zu erfüllen, müssen die bisherigen Leistungen des/der BewerberIn Voraussetzung sein. Denn jemanden mit einer Aufgabe zu betrauen, der er/sie nicht gewachsen ist, macht keinen Sinn. Doch wer definiert, welches die notwendigen Voraussetzungen sind? Es gilt, eingefahrene Wege zu verlassen und sich zu überlegen, ob ausschließlich das, was man als "klassische Karriere“ bezeichnet, letztlich zu der Qualifikation führt, die benötigt wird.

Sabine Seidler ist ab Oktober 2011 Rektorin der TU Wien

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige