Entstehen in Europa neue Staaten?

Gunnar Heinsohn | aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Gunnar Heinsohn über den demografischen Wandel in Europa

Von sechs Kindern pro Frau 1870 sank die Anzahl in Europa bis 1916 auf drei, 1965 waren es 2,5 und im Jahr 2000 gar nur 1,4 Kinder pro Frau.

2010 liegen 36 der weltweit 56 Staaten mit weniger als 1,8 Kindern pro Frau in Europa. Die lebenslange und durch Anhang noch erschwerte Konkurrenz auf Arbeitsmärkten zum Gewinn oder zur Verteidigung einer Position erweist sich zuerst in Europa und dann global als stärkstes Verhütungsmittel überhaupt.

Im privaten Sektor Europas fällt der Rückgang besonders krass aus. Bei jenen Menschen, die sich selbst versorgen, tendiert die Kinderzahl zu einer schlanken 1. Nur die Ostasiaten sind nicht nur in Mathematik, sondern auch beim Verhüten noch besser. Die ersten drei Plätze gehen an Macao (0,91), Hongkong (1,04) und Singapur (1,1). Taiwan (1,15) und Japan (1,2) geben sich nur knapp geschlagen.

Westeuropa setzt bei der Vermehrung auch auf einen der Konkurrenz entzogenen staatlichen Sektor, folgt also zwei Prinzipien: Erstens, wer Nachwuchs will, soll selbst dafür bezahlen oder kinderlos bleiben. Beihilfen ändern nichts, denn für 100 Euro Kindergeld gehen erst einmal 115 Euro an den Fiskus. Und bei Ermäßigung des Steuersatzes wird dem Bürger vom ohnehin eigenen Geld nur etwas weniger abgezwackt.

Zweitens, wer bildungsfern ist, das Landesidiom nicht versteht, psychisch leidet, nicht arbeiten kann und keine Steuern entrichtet, erhält jedes Kind zu 100 Prozent aus den Börsen der Mitbürger bezahlt.

Obwohl auch Österreich dem zweiten Prinzip verpflichtet ist, setzt es niemand radikaler um als Deutschland. Zwischen 1965 und 2010 steigt die Zahl seiner Hilfekinder unter 15 Jahren von 130.000 auf zwei Millionen. Da keineswegs alle, aber doch viele Migranten die Kriterien des zweiten Prinzips erfüllen, liegt ihr Anteil bei den staatlich versorgten Kindern zwei- bis dreimal über ihrem Bevölkerungsanteil. Von den Müttern unter 25 Jahren kommen in Deutschland 57 Prozent aus der untersten Ausbildungsstufe. Im Bundesland Bremen werden 2003 sogar 97 Prozent erreicht. 2011 sind dort 54 Prozent aller Erstklässler Migranten. Zugleich haben fast 50 Prozent der Neueingeschulten - keineswegs nur Migranten - keine Kompetenz für den Schulbesuch.

Auch Österreich strebt mit 28 Prozent seiner 15- und 16-Jährigen, die bei Pisa 2009 nicht sinnerfassend lesen konnten, in diese Richtung. Es liegt keineswegs nur daran, dass 1990 bei den Wiener Neugeborenen 65 Prozent Katholiken nur neun Prozent Muslime gegenüberstanden, während sie 2008 bereits 24,2 Prozent stellten und die Römisch-Katholischen auf 36,7 Prozent abrutschten.

Besser fahren Länder wie Norwegen oder die Schweiz. Ihre Grenzhoheit erlaubt eine gezielte Auswahl der Zuwanderer. Sie sperren keineswegs jene etwa aus Afrika und dem Islambogen aus, sondern gewinnen von dort die Besten.

Zudem fliehen immer mehr hochqualifizierte und steuerlich geplünderte Europäer gen Norden oder Eidgenossenschaft.

Doch Auswandern ist kein Spaziergang. Weshalb also nicht daheim bleiben, aber politisch umziehen?

In Vorarlberg, Baden-Württemberg und der Lombardei wünschen 2010 fast drei Viertel der Menschen unter 35 Jahren den Beitritt ihrer Gebiete zu einer Mega-Schweiz. Im Norden wird zwischen Grönland, Dänemark und Estland ebenfalls ein neuer Souverän konzipiert. Grenzen jenseits der alten Nationalismen ermöglichen dann Räume, in die auch die Tüchtigen aus den demografisch unrettbaren Gebieten östlich der Elbe entkommen können.

Gunnar Heinsohn ist Soziologe und Ökonom

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