Mehr Alte, aber nicht mehr Pflegebedarf

Sonja Burger | aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

Bildung wurde bisher nicht in Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung einbezogen. Das soll sich ändern

Anfang dieses Jahres kam Wolfgang Lutz, Wittgenstein-Preisträger 2010, der Realisierung seiner Vision ein großes Stück näher. Er verfolgt das Ziel, einen global gültigen demografischen Ansatz zu entwickeln, der qualitative Dimensionen wie Bildung berücksichtigt und quantitativ darstellt.

Das von ihm initiierte Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital bündelt Kompetenzen und Stärken dreier unabhängiger Institutionen unter einem Dach. Somit werden in Zukunft das World Population Program (IIASA), das Vienna Institute of Demography der Akademie der Wissenschaften und das neugegründete WU-Forschungsinstitut Human Capital and Development im Bereich globale Demografie und Bildungsforschung eng zusammenarbeiten.

Die WU ist für Lutz ein wichtiger Partner, "weil im deutschsprachigen Raum wegen fehlender Ausbildungsmöglichkeiten ein eklatanter Mangel an qualifizierten Nachwuchsdemografen herrscht“.

Bereits in den späten 1980ern erkannte er, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildung und Lebenserwartung gibt, der sich in weiterer Folge auf Bevölkerungsprognosen niederschlägt. "Das Bildungsniveau eines Menschen wirkt sich auf fast alle Lebensbereiche aus“, so Lutz. "Die Lebenserwartung variiert je nach Bildungsstand um fünf bis zwölf Jahre.“ In Österreich sei sie von Personen mit niedrigem Bildungsniveau im Schnitt um sieben Jahre niedriger als jene von sehr gut Ausgebildeten.

Für Österreichs Zukunft entwirft Lutz folgendes Szenario: "Obwohl sich die durchschnittliche Lebenserwartung noch erhöhen wird, ist die Annahme, dass damit auch automatisch der Pflegebedarf steigt, schlichtweg falsch. Denn die Alten der Zukunft werden ein höheres Bildungsniveau haben als die Alten der Gegenwart. Bezieht man also den Faktor Bildung mit ein, sehen die Prognosen der Pflegebedürftigkeit viel besser aus.“

Die Politik wird jedoch mit einem anderen Problem, nämlich dem Schwund an qualifizierten Arbeitskräften, konfrontiert sein. Für Nikola Sander, Bevölkerungsgeografin und Leiterin des Bereichs "Migration and Education“ am Wittgenstein Centre steht die Politik dadurch vor einer großen Herausforderung. "Wenn bestimmte Arbeitsplätze nicht mehr von Österreichern nachbesetzt werden können, muss sich die Politik die Frage stellen, ob es sinnvoll und möglich ist, den Mangel durch gesteuerte Zuwanderung auszugleichen.“ Wie auch in anderen Ländern sei die Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen allerdings nach wie vor problematisch.

Nikola Sander, Bevölkerungsgeografin/Demografin am VID (Vienna Institute of Demography) der ÖAW

Wolfgang Lutz, Direktor des Wittgenstein Center for Demography and Global Human Capital

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