Kommentar

Wie Jesus reden

Gottes Sprache

Martina Weinbacher | aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

Jesus war kein Aramäer, sondern Jude. Dennoch war die Muttersprache von Jesus von Nazareth nicht Hebräisch. Christus sprach das damals weit verbreitete und ebenfalls zur semitischen Sprachfamilie gehörige Aramäisch.

"Aramäisch ist die älteste bekannte Buchstabenschrift. Sie existiert seit dreitausend Jahren. Der aramäische Dialekt von Edessa, genannt Syrisch, hat sich bereits vor über zweitausend Jahren mit dem Christentum bis nach Zentralasien, Indien und China verbreitet“, erklärt Univ.-Prof. Aho Shemunkasho von der Uni Salzburg. Die Aramäer waren ursprünglich eine vorderasiatische Völkergruppe, deren Existenz seit der Bronzezeit in Syrien und Mesopotamien nachgewiesen ist. Obwohl die antiken Aramäer ihre Herrschaft abgeben mussten, wurde ihre Sprache ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. zur Verkehrs- und Diplomatensprache im Vorderen Orient.

"Ein Großteil des antiken Wissens aus dem Nahen Osten wurde vorerst ins Aramäische übersetzt. Das Aramäische fand unter anderem Eingang in die Bibel und die Targumim“, sagt Shemunkasho.

Während die Einzelstämme der historischen Aramäer durch Umsiedlungen und Bevölkerungsverschiebungen bald nicht mehr zu identifizieren waren, bekam der Begriff "Aramäer“ eine neue Bedeutung. Er gilt ethnisch als Sammelbezeichnung für verschiedene Nomadenstämme aus dem heutigen Länderdreieck Türkei, Syrien und Irak. Auch eine religiöse Zuordnung der Aramäer gibt es, wie Shemunkasho ausführt: "Ab dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. bekannte sich der Großteil der Aramäer zum Christentum. Die Aramäer, auch syrische Christen genannt, waren maßgeblich an der Verbreitung des Christentums beteiligt“.

Heute sind die Aramäer als syrische Christen in ihren Heimatländern eine Minderheit, denn seit dem späten 14. Jahrhundert wurden sie ihres Glaubens wegen verfolgt. "Besonders im 20. Jahrhundert flüchteten zahlreiche Aramäer aufgrund des Genozids aus der Türkei in den Westen. Nur wenige Familien blieben zurück. Wie viele Aramäer es derzeit weltweit genau gibt, ist unklar“, sagt Shemunkasho.

Univ.-Prof. Wolfram Reiss von der Uni Wien fügt hinzu, dass Schätzungen je nach Motivation höchst unterschiedliche Angaben bieten. In Österreich leben derzeit 5000 Aramäer. Diese gehören der syrisch-orthodoxen Kirche an. Faszinierend ist, dass sich die heutigen Aramäer - wenn auch mit einem anderen Dialekt - theoretisch problemlos mit Jesus von Nazareth unterhalten könnten.

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