Wir werden anders

Emily Walton und Alexandra Aurelia Nemeth | aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

Was bedeutet der demografische Wandel für Österreich? Eine in Österreich aufgewachsene Engländerin und eine aus Ungarn stammende Österreicherin, die nach Kanada will, recherchierten, was die Wissenschaft hierzulande dazu zu sagen hat

Sie wirken beide wie Österreicherinnen, sie sprechen ohne Akzent, sie sind in ihrem Beruf als Journalistinnen erfolgreich - und doch haben beide, wie es heißt, "Migrationshintergrund“. Grund genug, sie zu bitten, im Bericht über wissenschaftliche Erkenntnisse zum demografischen Wandel auch ihre eigene Situation einzubeziehen.

Emily Walton

Engländer und Türken

Was mich an meiner Wohnung faszinierte, als ich sie besichtigte? Ich denke, es war das Wienerische: der Altbau mit hohen Türen, einem Treppenhaus mit verschnörkeltem Geländer und in jedem Stockwerk ein Schildchen: "Mezzanin“, "Hochparterre“, "Erster Stock“. Es versteht sich von selbst, dass diese Wohnung von einem "ur“-wienerischen Makler angepriesen wurde. Mit seinem Schmäh bemühte er sich, mich, die gnä’ Frau, zu überzeugen. Dabei hatte ich mich längst für diese Wohnung entschieden - war bereit, von einem Ende der Stadt ans andere zu ziehen, eine Migration im Kleinen sozusagen.

"Hören Sie, wie ruhig es ist“, sagte der Makler. "Wissen Sie, das ist ein gutes Haus. Der Besitzer achtet auf die richtige Klientel. Kein Gsindl. Keine Ausländer.“ Er zuckte nicht mit der Wimper. Er bemühte sich nicht einmal, politisch korrekt zu sein und statt Ausländer das Wort "Migrant“ oder "kulturell Anderer“ zu verwenden. Aber es war nicht seine Wortwahl, die mich störte, sondern die Bemerkung an sich. Minuten zuvor hatte ich ihm meine Visitenkarte gegeben. Darauf mein englischer Vor- und Nachname.

"San Sie Ameriganerin?“ - "Nein, Engländerin. Seit 19 Jahren hier.“

Der Makler nickte zufrieden. Also eh eine von uns - seine Blicke sprachen Bände. Für diesen Mann - und für viele andere auch - bin ich keine Ausländerin. Obwohl ich nicht in diesem Land geboren wurde. Obwohl ich einen Vater aus England und eine Mutter aus Deutschland habe. Obwohl ich keine österreichische Staatsbürgerschaft habe. Wenn mich ein Österreicher dann doch mal als fremd anerkennt, bin ich eine "gute Ausländerin“. Manchmal eine "Zugereiste“ oder einfach nur "ein bissl exotisch“.

Was unterscheidet mich, die Engländerin, von den Migranten, die in den Medien ein Thema sind? Von Menschen mit türkischer Abstammung zum Beispiel. Bin ich denn keine Migrantin? Migration definiert sich als Wanderungsbewegung zwischen Bevölkerungen aus verschiedenen Staaten.

Ich bin im Jahr 1992 von England nach Österreich gezogen. Per Definition bin ich Migrantin. In der Wahrnehmung anderer bin ich es nicht. "Die Gesellschaft denkt eben in Kategorien“, sagt Christoph Reinprecht, Sozialwissenschaftler und Migrationsexperte an der Uni Wien. "Wir suchen immer nach Merkmalen, die Fremde von uns unterscheiden. Wir neigen dazu, diese Merkmale zu verallgemeinern und anderen einen Stempel aufzudrücken.“

Österreicher und Engländer sind einander in der Alltags- und auch Populärkultur nah: Wir hören dieselbe Musik. Die Hitlisten werden da wie dort von Lady Gaga oder Rihanna angeführt. Die wenigsten Österreicher und Engländer kennen türkische Stars wie Mor Ve Ötesi, Tan oder Hande Yener. Von Tarkan, ja, von dem hat man vielleicht auch hierzulande gehört. Er war in den österreichischen Charts - eine Ausnahme. Ähnliches gilt für die Belletristik, den Film und das Kochen. Jamie Olivers Rezepte zählen zu den meistverkauften Kochbüchern - in England wie in Belgien, Holland, Deutschland und Österreich.

Laut Christoph Reinprecht sind meine Merkmale, also die einer Engländerin, nicht auffallend genug. Manche mögen zwar glauben, ich esse gerne Baked Beans, trinke Tee mit Milch und stelle mich gerne brav britisch an der Bushaltestelle an. Aber das reicht nicht, um fremdartig zu wirken.

Umgekehrt ist es bei Menschen aus der Türkei, die Klischees übergestülpt bekommen: Jeder Türke ist gläubiger Muslim, hat einen niedrigen sozialen Status und spricht kein Deutsch.

"Diese Klischees sind oft historisch bedingt“, sagt Sprachwissenschaftler Erol Yildiz von der Uni Klagenfurt. Ein Schlüsselwort ist hier "Gastarbeiter“. Ungebildete Türken wurden vor Jahrzehnten geholt, um Hilfsarbeit zu verrichten. Da das Bildungsniveau sich in der Regel von den Eltern auf die Kinder vererbt, sind viele Gastarbeiterfamilien ungebildet geblieben. Diese Entwicklung hat das Türkenbild in der Gesellschaft geprägt: Im Alltag kennen wir nicht "die Türken“, sondern Anatolier aus kleinen Dörfern. Selbst wenn nun qualifizierte Türken nach Österreich kommen oder die zweite und dritte Generation aus der Ungebildetheit ausbricht, bekommen alle denselben Stempel.

Wenn ich keine Migrantin bin, was bin ich dann? "Westeuropäer, die migrieren, bezeichnet die Gesellschaft meist als Mobile. Menschen, die aus Osteuropa kommen, heißen Migranten“, sagt Forscher Yildiz.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen ist einfach: Migrant hat in den Köpfen vieler eine negative Konnotation. Mobile (Westeuropäer) gelten als weltoffen, interessiert und integrationsfähig. Und teilweise hat es einen wahren Hintergrund. "Die meisten Westeuropäer, die nach Österreich kommen, sind gebildet. Sie fallen nicht weiter auf“, so Demograf und Wittgenstein-Preisträger Wolfgang Lutz. Engländer kommen nun mal meist als Manager, als Übersetzer, als Universitätsprofessoren, vielleicht zum Studium.

Anders ist es bei Migranten aus dem Osten: In den meisten Fällen sind sie auf der Flucht - vor politischen Systemen oder einem niedrigen Lebensstandard. Der Schlüssel liegt für die Wissenschaftler in der Bildung. "90 Prozent der Integrationsprobleme sind auf mangelnde Bildung zurückzuführen“, sagt Lutz. Bildung führt zu Spracherwerb und qualifizierten Jobs. "Bildung hilft auch bei der Aneignung ungeschriebener Verhaltenscodes, die das Zusammenleben und Vermischen erleichtern“, so Migrationsexperte Reinprecht.

Im Alltag schützt Bildung aber nicht vor dem Schubladendenken der Gesellschaft: Soziologe Yildiz, der in der Türkei maturierte, in Deutschland studierte, später an der Uni Köln arbeitete und seit 2008 an der Alpen-Adria-Uni Klagenfurt ist, kennt solche Situationen: "Wollen Sie hier eine Dönerbude aufmachen?“ Das hat man ihn bei einem seiner ersten Einkäufe in Klagenfurt gefragt. Der Name und ein leichter Akzent bringen ihn in die "Türken“-Schublade.

Hätte sich der Universitätsprofessor Yildiz für meine Wohnung beworben, hätte er sie bekommen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es ist eben auch Bildung aufseiten des Österreichers gefragt. Kann ein Migrant Teil des "Wir“ werden? Stereotype können aufgebrochen werden, allerdings nur langsam. "Derzeit sind die Haltungen so verkrustet, dass Migranten sich den stereotypen Zuschreibungen kaum entziehen können“, so Soziologe Reinprecht. "Auch Migranten müssen die Chance haben, sich selbst zu definieren.“ Jeder Einzelne soll für sich selbst bestimmen können, wie er sich fühlt: Als türkischer Österreicher? Als Österreichischer Türke? Als Österreicher mit türkischen Wurzeln? Als Türke mit österreichischem Wohnsitz?

"Identität ist wandelbar und gestaltbar“, sagt Reinprecht. Sie kann von der jeweiligen Situation, dem Umfeld, abhängen. Tatsache ist: Österreich muss aufgeschlossener werden, sagen die Wissenschaftler. Aber wird das gelingen? Demograf Lutz zeigt sich optimistisch: "Die jungen Türken von heute sind gebildeter als die älteren. Sie sind die besser gebildeten 45-Jährigen von morgen.“ Wichtig ist, dass Österreich diesem Nachwuchs Chancen gibt. Denn in Zeiten der Globalisierung und der sogenannten zirkulären Migration, ziehen Qualifizierte schnell weg und nehmen ihr wertvolles Wissen mit. Dann wandern jene jungen Migranten, die in Österreich ausgebildet wurden, ab - nach Istanbul, Berlin, London, egal wohin.

Zeit ist in der Migrationsdebatte ein wichtiger Faktor. "Der natürliche Lauf der Zeit lässt sich beschleunigen: Wenn ein Migrant eine gesellschaftlich relevante Leistung erbringt, wird sie groß gefeiert“, sagt Forscher Yildiz. Sichtbar wird dies im Sport. Ümit Korkmaz ist türkischer Abstammung, Aleksander Dragovic ist serbischer Herkunft. Sie spielen für das österreichische Nationalteam und werden zwar als Migranten, aber im positiven Sinne wahrgenommen. Als unsere Fußballer. Apropos Fußball: Wer sind eigentlich meine Fußballer? Ich würde gern zu Österreich halten, aber leider sind die Engländer nun mal die besseren Kicker. Aber zumindest beim Skifahren - da halte ich zu Österreich.

Alexandra Nemeth

Tut Migrantin sein weh?

Sommerferien in Ungarn. Meine Großmutter tischte immer eine Wagenladung an gebratener Ente mit allen nur vorstellbaren Beilagen auf. Die Verwandten stets dabei und laut. Nicht weil sie stritten. Aus einem einfachen Grund: der ungarischen Mentalität. Zurück in Österreich nahm ich meine Schulkameraden als etwas kühl und distanziert wahr. Ein kleiner Kulturschock nach drei Monaten Ungarn.

Hilde Weiss vom Institut für Soziologie in Wien, erklärt dieses Gefühl so: "Alle Herkunftsgruppen zeigen darin Übereinstimmung, dass die, geringe Wärme‘ im gegenseitigen Umgang der Österreicher und die Tatsache, dass Familien zu wenig zusammenhalten, als ‚kalt‘ empfunden wird.“

In der geistesgeschichtlichen Literatur wird die österreichische Identität als eine von "Ambivalenz geprägte“ beschrieben. Weiss weiter: "Die Ambivalenz der Österreicher ist nicht nur feindlich, aber auch keineswegs offen, stark oszillierend, also je nach Situation schwankend.“ Österreicher, sagt sie, nehmen "sich selbst als eher freundlich und emotional wahr“. Im benachbarten Norden fühlen sich Österreicher wie hier die "Südländer“. Es komme hier zu einer Verschiebung der Selbst- bzw. Fremdklischees.

Als "oszillierend“ habe ich manche Szenen aus der Schulzeit in Erinnerung. "Du hast doch Paprika im Hintern“, sagten meine österreichischen Schulkameraden. Wenn ich heute darüber nachdenke, lache ich. Als Kind verstand ich die Welt nicht. In der Schule war ich vorsichtig und introvertiert.

Max Haller, Soziologe an der Karl-Franzens-Universität Graz würde solche Erfahrungen eher "als leichte Diskriminierung“ bezeichnen. Er führt aus: "Ob sie stattfindet, hängt ein wenig auch von den Betroffenen selber ab. Wer eher introvertiert ist, Mitmenschen gegenüber grundsätzlich misstrauisch, wird eher unter solchen Erfahrungen leiden als jemand, der offen ist“, also "kleine Missverständnisse oder Äußerungen allgemeiner Stereotypen nicht ernst nimmt“.

Als Kind aber nimmt man alles ernst. Zu Hause angekommen, in den sicheren vier Wänden, erblühte ich "zur kleinen Paprikaschote“ - konnte keine Minute still sitzen. Oft fühlte ich mich hin und her gerissen zwischen zwei Welten. Das ist heute noch so. Diese Problematik, "in zwei Welten zu Hause zu sein, wird immer akut bleiben“, weiß Max Haller. Das bedeutet vielleicht "eine Belastung, vor allem anfangs. Das wird sich bei guter Integration wohl immer mehr reduzieren.“ Doch Haller sieht auch klare Vorteile im Migrantendasein: "Die Kenntnis unterschiedlicher Kulturen und Sprachen schafft mehr Offenheit gegenüber Neuem. Auch sind Migranten im Beruf flexibler und kreativer.“

Das statistische Jahrbuch 2010 der Statistik Austria und der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung bestätigt, dass der "Bildungsstand der zweiten Generation sich dem der inländischen Bevölkerung annähert“.

Der Anteil der Berufs- und Fachschulabsolventen bei den in Österreich geborenen Migranten ist mit 51 Prozent höher als bei den im Ausland geborenen Zuwanderern und näherte sich dem Wert der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (59 Prozent), heißt es in dem Bericht. Die Maturanten- und Akademikeranteile der Angehörigen der zweiten Generation unterschieden sich geringfügig von jenen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund; sie waren mit zusammen 28 Prozent niedriger als bei den Migranten der ersten Generation (35 Prozent).

Auch Johann Bacher von der Johannes-Kepler-Universität Linz bestätigt diese Fakten: "Es gibt zwei Gruppen von Migranten. Eine sehr erfolgreiche Gruppe im Schulsystem, die nach der VS eine AHS besucht, maturiert und studiert hat. Etwa 21 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund besuchen mit 15, 16 Jahren eine AHS - bei den Inländern sind das 24 Prozent. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von marginalisierten Migranten, die mit geringen Kenntnissen das Schulsystem mit keinem oder nur niedrigem Abschluss verlassen.“

Was fehlt, sei eine "mittlere Bildungsgruppe“. Beispiel für die Erfolgreichen: meine schulische Laufbahn. Nach der Matura studierte ich. Ich denke nicht, dass ich in Ungarn so eine gute Ausbildung genossen hätte wie in Österreich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich schloss mein Bachelorstudium innerhalb der vorgeschriebenen sechs Semester ab. Auch arbeitete ich nebenbei 25 Stunden pro Woche in einem Büro. Ich hatte eine österreichische Studienkollegin, die zeitgleich mit mir anfing. Sie brauchte zwei Semester länger, obwohl sie nicht neben dem Studium arbeitete. Immer wieder stellt sich mir die Frage nach dem Warum.

Johann Bacher erklärt dies so: "Es gibt eine Gruppe von erfolgreichen Schülern und Studierenden mit Migrationshintergrund, die zu Recht auf ihre Leistungen stolz sind. Aber leider gibt es auch diese Gruppe von VerliererInnen.“

Die Zahlen belegen, dass "AusländerInnen ihr Studium in kürzerer Zeit abschließen“ als einheimische Studierende. Das statistische Jahrbuch 2010 gibt an, dass "im Studienjahr 2007/08 fast 24.000 Studierende, darunter 3500 ausländische Staatsangehörige, ihr Hochschulstudium abschlossen. Inländische Studierende benötigen für ihr Diplomstudium im Mittel 12,3 Semester, während ausländische Studierende bereits nach 11,6 Semestern abschließen.“ Vielleicht ist es auch nur Ehrgeiz, der sich bei "Migrantenkindern“, wie mir, anders zeigt.

Stichwort Ehrgeiz. Bei genauem Hinsehen wäre ich ohne ihn heute nicht dort, wo ich bin. Immer kam die Pflicht zuerst. So wurde ich erzogen. Als Kind waren die kleinen Erinnerungen meiner Mutter lästig: "Du musst jetzt Hausaufgaben machen.“ Noch ein wesentlicher Punkt meines beruflichen Erfolges: meine Hartnäckigkeit. Sie hat sich bezahlt gemacht: Ich verdiene heute gutes Geld in meinem Traumberuf.

Doch wie geht es dem Rest der zweiten Generation in Österreich? Immerhin lebten 2009 1,468 Millionen Personen mit Migrationshintergrund in Österreich, so der Auszug aus dem statistischen Jahrbuch 2010. Hochgerechnet sind das 17,8 Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung. Davon sind lediglich 385.500 Personen Migranten der zweiten Generation.

August Gächter vom Zentrum für Soziale Innovation sagt, dass "man es nicht weiß, wie es der zweiten Generation einkommensmäßig geht. Beruflich geht es ihr so lala.“

Das "so lala“ wird durch folgende Zahlen bestätigt: 27 Prozent der 15- bis 59-Jährigen (Frauen) bzw. 64-Jährigen (Männer) sind noch in Ausbildung. Interessant ist auch, dass die Beschäftigen sich auf 19 Prozent in höheren Tätigkeiten, 30 Prozent in mittleren und 22 Prozent in Hilfs- und Anlerntätigkeiten verteilen.

Fazit: Alles in allem bin ich "voll integriert“. Erleichterung. Was für ein Glück: "Migrantin zweiter Generation“ zu sein tut doch nicht weh.

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