Die Multiminoritätengesellschaft

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

Der demografische Wandel verändert das Verhältnis von Jung und Alt, Einheimischen und Migranten und unsere Sprache

Im Jahr 2025 wird die Bevölkerung Österreichs laut Statistik Austria auf 8,8 Millionen angewachsen sein. Die Zahl der 15- bis 19-Jährigen schrumpft von derzeit knapp 500.000 auf rund 432.800, die der 20- bis 24-Jährigen von 522.600 auf etwa 476.000. Die 90- bis 94-Jährigen werden sich fast verdoppeln, von 36.500 auf rund 66.400. Über 95-Jährige wird es statt wie derzeit 11.300 fast 18.000 geben. Im Jahr 2050 stehen 451.400 15- bis 19-Jährigen fast 45.000 über 95-Jährige gegenüber - bei einer Bevölkerung von 9,4 Millionen.

Weniger Unfälle & Kriminalität

Eine Folge dieses Älterwerdens, so der Bevölkerungsexperte Rainer Münz, werden u.a. niedrigere Kriminalitäts- und Unfallraten sein: "Junge Gesellschaften haben einen höheren Level an tödlichen Verkehrsunfällen, sind mehr testosterongetrieben.“ Es könnte auch die Innovationsbereitschaft abnehmen, so Münz.

Im Jahr 2010 lebten 8,38 Millionen Menschen in Österreich. Davon wurden 1,29 Millionen im Ausland geboren (375.000 in Ex-Jugoslawien (ohne SLO), 192.000 in Deutschland, 159.000 in der Türkei). "Die Menschen, die vor 40 Jahren aus Jugoslawien und der Türkei gekommen sind, hatten ein geringes Bildungsniveau, das zum Teil kompensiert, zum Teil weitergegeben wurde, u.a. durch Familienzusammenführung“, erklärt Rainer Münz, "denn unser Schulsystem, das auf die Zuwanderung nicht vorbereitet war, hatte da einen Katalysatoreffekt. Das hat aber nichts mit der Zuwanderung der Gegenwart zu tun.“

Die Multiminoritätengesellschaft

Und wie geht es den Neo-Österreichern und Migranten heute in der Schule?

"Um deren Bildung steht es schlecht“, meint die Migrationspädagogin und Linguistin Inci Dirim von der Uni Wien. "In Österreich spielt die ethnisch-kulturelle Herkunft von Schülern eine große Rolle. Das Bildungssystem verfolgt zwar die Absicht, dass alle dieselben Bedingungen haben - aber in Bezug auf Migranten ist genau das das Problem.“

Diese seien sprachlich oft über-, aber kognitiv unterfordert. Bilinguale Schulen seien das Zukunftsmodell. "Aber nicht bloß deutsch-französische oder -englische, sondern auch deutsch-türkische oder deutsch-bosnisch/serbisch/kroatische Schulen wären gefragt. In Ottakring könne man eine deutsch-türkische Schule machen. Auch monolinguale Kinder wären dort gut aufgehoben. Ich sehe da große Chancen“, meint Dirim.

Die Zukunft werde keiner wie auch immer gearteten sprachlichen Mehrheit gehören. Dirim verweist auf Herwig Birg, der eine Prognose für Köln, einer Wien vergleichbaren Stadt, erstellt hat: "Er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass wir auf eine Multiminoritätengesellschaft zusteuern.“ Münz gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken: "Die größte Zuwanderergruppe in Österreich sind die Deutschen. Das heißt, die größte Gruppe der Minderheiten spricht die Sprache der Mehrheit!“

Neue Themen in der Politik

In den Parteien schlagen sich demografische Veränderungen kaum nieder. "Für Parteien ist es mittlerweile wichtiger, welche politischen Inhalte sie anbieten, es geht weniger darum, ein Spiegel soziodemografischer Strukturen zu sein“, so Sylvia Kritzinger, Leiterin des Fakultätszentrums für Methoden der Sozialwissenschaften an der Uni Wien.

Die wachsende Zahl der Pensionisten aber ist wahlberechtigt - ist die Zeit reif für die Pensionistenpartei?

"Pensionist sein oder Frau sein oder Migrationshintergrund haben ist als Parteiprogramm allein zu wenig. Das ist ein soziodemografisches Merkmal, beinhaltet aber keine ideologische Komponente.“

Themen, die für diese Gruppen von Wichtigkeit sind, dürften nicht auf sie beschränkt bleiben: "Dass es ein funktionierendes Gesundheitssystem gibt, ist für alle wichtig.“

In Zukunft werden wir keine Spartenparteien brauchen, sondern solche, diewichtige Inhalte transportieren und sich neuen Politikinhalten widmen. Diese neue, kulturelle Dimension in der Politik werde derzeit von zwei Parteien thematisiert: den Grünen und der FPÖ - mit unterschiedlicher Stoßrichtung. "SPÖ und ÖVP haben es noch nicht so gut geschafft, die neuen Politikinhalte aufzunehmen und zu vermarkten. Sie werden dies tun müssen, wenn sie weiterhin erfolgreich sein wollen“, sagt Sylvia Kritzinger.

Machen die Zeitungen dümmer?

Auch Hannes Haas, stv. Vorstand des Instituts für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien, hält nicht viel von einer altersmäßigen Spartenbildung: "Wer verlangt in der Trafik schon gern die Pensionistenzeitung?“

Es gebe sicherlich Bedarf hinsichtlich Service und Sozialrecht, doch der Grat zwischen einem Angebot, das Orientierung und Zusammenhalt schaffe, und einem, das eine Form der Ghettoisierung betreibe, sei schmal. Für gelungen hält Haas das Magazin Biber, wo quasi alle für alle schreiben. "Das ist nach beiden Richtungen offen, daher spannend. Wenn hier nur Türken für Türken schrieben, wäre es zu wenig.“

Ist ein jüngeres und/oder migrantisches Publikum gefährdeter, durch kurze Artikelchen à la Österreich Lesekompetenzen einzubüßen? "Ich glaube nicht an Entweder-oder, es gibt Info-Junkies, die alles lesen und nicht genug kriegen. Und Social Media, Internet, Tweets sind auch eine Form von Lesen“, so Haas. "Wo es für einen selber spannend wird, da sucht man auch. Egal, ob es um den Lieblingssportverein geht oder um die Pensionsregelung.“

Aber auch Haas bestätigt eine Kluft: "Die These von der Wissenskluft ist auch die einer wachsenden Kluft: Eine Gruppe ist gut informiert und weiß, wie man sich noch besser informieren kann; die andere nicht.“ Man setze aber schon in der Schule verstärkt auf Medienkompetenz: "Das ist mehr als nur die technische Beherrschung, das ist auch Quellenkritik. Dass man nicht auf jedes E-Mail reinfällt, zum Beispiel.“

Sind die Medien Spiegel der Gesellschaft - oder umgekehrt? Hannes Haas: "Beides, aber in Wahrheit ist es komplexer. Wir kriegen das, was wir verdienen, solange wir es hinnehmen. Wir sind nicht ferngesteuert, sondern wenden uns den Medien zu, denen wir uns zuwenden wollen. Wenn das Volk Habermas-Diskurse in der Zeitung lesen will, haben wir die auch!“ Rainer Münz weist darauf hin, dass es noch nie so viel Mediennutzung bzw. Zeitungsleser gegeben habe wie seit dem 20. Jahrhundert.

Keine "Verlotterung“ der Sprache

Warum gibt es die Habermas-Diskurse hierzulande trotzdem nicht? Und woher kommt die Verlotterung der (Zeitungs-)Sprache?

Der Linguist Hans-Jürgen Krumm von der Uni Wien warnt davor, von "Verlotterung“ zu reden: "Sprachen verändern sich, immer. Deshalb ist größte Vorsicht geboten, von ‚Verlotterung‘ zu sprechen. Gleichzeitig gebe ich Ihnen Recht: Gerade in Printmedien finden sich viele Fehler und sprachliche Merkwürdigkeiten - offenbar wird immer weniger sorgfältig Korrektur gelesen.“

Vieles sei, so Krumm, wohl eher ein Unterschied Jung versus Alt. "Jugendliche haben zu allen Zeiten ihre eigenen Sprachen entwickelt - vielleicht ist der Unterschied, dass heute Medien und Werbung diese stärker ans Licht der Öffentlichkeit bringen und auch vereinnahmen.“

"Gemma Billa“ belegt Integration

Eine typische Form solchen Sprechens sei das unter türkischstämmigen Jugendlichen in Wien häufig verwendete "Gemma Billa?“. "Aus linguistischer Perspektive ist das ein vom Türkischen beeinflusster Ethnolekt“, sagt Inci Dirim. Das Türkische kennt keine Artikel oder Präpositionen, grammatische Merkmale werden agglutiniert. Auf das Anhängen verzichtet, wer "Gemma Billa“ sagt. "Das ist ein Anzeichen für Integration, die leider nur zu oft als Assimilation verstanden wird. Bei ‚Gemma Billa‘ aber zeigt sich die Verbundenheit mit der österreichischen Sprache, weil sie mit dem Sprachmaterial arbeiten, das sie vorfinden. Sie vermischen es mit dem, was sie mitgebracht haben, und formen etwas Neues daraus, eine Zugehörigkeit.“

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