Mitteleuropas Spermien halbiert

Martina Weinbacher | aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

70 Prozent der Männer seiner Patientinnen seien unfruchtbar, erklärt ein österreichischer Arzt. Haben wir bald keine Kinder mehr?

Laut Weltbank ist die Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Geburtenrate pro Frau, in Österreich von rund 2,6 Kindern 1960 auf 1,4 Kinder gesunken. Demnach gebiert eine Frau in Österreich heute durchschnittlich fast ein Kind weniger als noch vor 50 Jahren. "Es kommen immer weniger Kinder zur Welt. Der Anteil der älteren Menschen steigt. Da kommt ein Megaproblem auf uns zu“, meint der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Johannes C. Huber, Univ.-Prof. am AKH.

Martina Beham-Rabanser, Soziologin an der Uni Linz, nennt mehre Gründe für die niedrigen Fertilitätsraten. Einerseits hat der Anteil der Mehrkindfamilien abgenommen, vor allem in städtischen Gebieten. Auch bleiben heute mehr Frauen kinderlos. Und besonders auffällig: Frauen bekommen immer später Kinder. "Noch 1970 lag das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes bei 23 Jahren. Heute liegt es bei 28“, sagt die Soziologin.

Ähnliche Beobachtungen macht Frauenarzt Huber: "Heute kommt der Prinz oft nicht mehr mit 20, sondern mit 35. Der potenzielle Zeitraum des Kinderkriegens wird kürzer.“

"Junge Menschen sehen in vielen Fällen einer längeren Ausbildungszeit entgegen“, sagt Rudolf Richter, Soziologe an der Uni Wien. "Paare mit höherem Bildungsgrad bekommen nicht nur später, sondern auch seltener Kinder.“ Anders ist es mit Paaren aus den unteren sozialen Schichten. Diese und vor allem Migranten aus Südosteuropa haben deutlich mehr Kinder, erläutert Richter.

Eine in Österreich geborene Frau bekommt in Wien durchschnittlich 1,1 Kinder, eine in Wien lebende Frau mit Migrationshintergrund jedoch 1,83 Kinder.

Während im Falle der Migranten laut Richter die Kultur eine Rolle spielt, sind weitere Gründe nicht eindeutig festzumachen: "Eventuell steht die Überlegung, was sie ihren Kindern bieten können und sollten, nicht so stark im Mittelpunkt. Eines ist allerdings klar: Paare aus den unteren Bildungsschichten haben weniger beruflichen Flexibilitätsanspruch.“

Dass bei hochbezahlten Berufen tendenziell eine höhere örtliche Mobilität und zeitliche Anpassungsfähigkeit gefordert wird, die sich schwieriger mit Kindern vereinbaren lässt, bestätigt Frauenarzt Huber: "Natürlich ist das alles eine Einstellungssache, aber dass Kinder bei beruflich erfolgreichen Paaren als Belastung gesehen werden, hört man heute öfter.“

"Es ist auffällig“, sagt Martina Beham-Rabanser, "dass der höchste Anteil der kinderlosen Frauen in jenen Branchen ist, die sehr dynamisch und gleichzeitig unplanbar sind.“ Alle befragten Experten sind sich einig, dass das derzeitige globale System, das Flexibilisierung propagiert und von Instabilität geprägt ist, die Fruchtbarkeit negativ beeinflusst. "Mit der Globalisierung sinkt die Fertilitätsrate weltweit“, sagt Richter.

Neben wirtschaftlichen und sozialen Gründen spielt auch die Psyche eine Rolle: "Besonders bei Frauen wirkt sich Stress negativ auf die Fruchtbarkeit aus. Stress kann dazu führen, dass kein Eisprung stattfindet“, erklärt Johannes Huber. Auch Unter- und Übergewicht können die Fruchtbarkeit einschränken.

Viel wesentlicher ist für Huber und seinen Kollegen Leonhard Loimer, Leiter der KinderWunschKlinik Wien und Wels, die signifikante Erhöhung toxischer Stoffe in der Umwelt. "Bei 70 Prozent meiner Patienten ist der Mann unfruchtbar. Einer der Verursacher könnte das giftige Bisphenol A sein, das als Weichmacher in Plastikflaschen und sogar Windeln verwendet wird“, sagt Loimer.

Laut WHO halbierte sich die Anzahl der Spermien in Mitteleuropa in den letzen 40 Jahren. Zu den Stoffen, die maßgeblich dafür verantwortlich sein könnten, zählt Huber auch die Pestizide: "Sie sind besonders gefährlich. Sie verändern den epigenetischen Code. Die Belastung wird an die nächste Generation weitervererbt.“ Zugleich nennt Huber den zu hohen Hormonanteil in der Umwelt - und hier vor allem das Östrogen im Abwasser - als entscheidende Ursache für männliche Unfruchtbarkeit. Er spricht diesbezüglich von wissenschaftlichen Beobachtungen über veränderte Geschlechtsmerkmale bei Reptilien, die an Flussmündungen gemacht wurden.

Leonhard Loimer verweist auf Studien zu Östrogenwerten im Wiener Abwasser. Diese seien um neun Uhr vormittags um ein Vielfaches höher als am Nachmittag. Als Ursache nennt er unter anderem die Antibabypille: "Untersuchungen zeigen, dass Frauen morgens beim Urinieren am meisten Hormone ausscheiden.“

Wie lässt sich die Geburtenrate ankurbeln? Der Soziologe Richter plädiert dafür, dass mehr berufliche Kombinationsmöglichkeiten, etwa Halbtagsplätze, für Eltern geschaffen werden. Hier sei der Mann miteinzubeziehen. Schon jetzt dürften zehn bis zwanzig Prozent der Männer Karenz in Anspruch nehmen, auch wenn sich dies aus rechnerischen Gründen statistisch nicht belegen lässt.

Auch bei der institutionellen Versorgung der Kleinkinder sieht Richter Handlungsbedarf: "Die Berufstätigkeit der Frau ist nicht per se der Grund für die Kinderlosigkeit unserer Gesellschaft. Das sieht man am Beispiel der skandinavischen Länder. Was fehlt, sind Kinderbetreuungsplätze und ein familienfreundliches Umfeld.“

Dies sollte laut der Soziologin Beham-Rabanse auch bei Ausbildungsstätten gegeben sein. Nur wenn die Gefahr der Armutsfalle gebannt sei, würden junge Menschen den Schritt zur Familie wagen. "Sie leben in der rush hour of life. Das ist jene Phase, in der viel zusammenkommt: Beruf, Kinder etc. Alles, was dazu beiträgt, diese Rushhour zu beruhigen, kann sich positiv auf die Fruchtbarkeitsrate auswirken.“

Auch ein verpflichtendes Kindergartenjahr, wie es derzeit in Österreich diskutiert wird, könnte zur Entlastung der Familien beitragen, sind sich die Soziologen einig. Als Einzelmaßnahme wäre dieses jedoch ein Tropfen auf den heißen Stein. Zusätzlich sieht Richter in der Verpflichtung eine Frage der Werthaltung. Bei allem Optimismus weisen beide Soziologen auf die Grenzen der Sozialpolitik hin. Diese könne zwar hilfreich sein, indem sie ein familienfreundliches Umfeld schafft und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördert. Sie könne die Fertilität generell aber nicht beeinflussen. Durch künstliche Befruchtung könnte die Fertilität maßgeblich beeinflusst werden. Auch spräche medizinisch nichts dagegen, sagen die Loimer und Huber.

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