Die Rückkehr der alten Garde

Dieter Hönig | aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

Die demografische Entwicklung erzwingt eine längere Verweildauer älterer Menschen im Arbeitsprozess

Greise oder Weise - von wem Wirtschaft und Gesellschaft künftig geführt werden, hängt davon ab, wie wir den demografischen Wandel deuten. "Immer stärker ins Blickfeld rückt dabei das Modell von Reife als Ressource“, sagt der Schweizer Sozialwissenschaftler und "Zukunftsphilosoph“ Andreas Giger.

Er berichtet vom Journalisten eines deutschen Wirtschaftsmagazins, der genervt gefragt habe, ob denn die Rückkehr der alten Männer bei der Deutschen Telekom, Bertelsmann und ABB als Vorbote eines neuen Trends zu betrachten sei. "Übernehmen die Alten etwa jetzt endgültig das Ruder? Droht eine Gerontokratie, eine Herrschaft der Greise, in der alles erstarrt und kein Raum mehr ist für junges Blut und Innovationen?“

Dem widerspricht die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen keine Mitarbeiter über 50 beschäftigen. In Österreich ist es nicht viel anders.

Die Angst vor dem Gespenst "Überalterung“ dürfte dennoch sehr tief sitzen, meint Giger: Zusammenbruch des Rentensystems, enormer Bedarf an neuen Pflegeplätzen, für deren Finanzierung die aktive Bevölkerung aufkommen muss, etc. Als Gegenpol werde dagegen das Bild der "neuen Alten“ heraufbeschworen: fröhliche Best Ager, die über ausreichend Geld und Zeit verfügen und durch ihren Konsum die Wirtschaft ankurbeln. "Beide Positionen sind eindeutig überzogen.“

Laut dem "Europäischen Demografiebericht“ trat 2008 ein Wendepunkt ein. Europas Bevölkerung der über 60-Jährigen und Älteren wird in den nächsten 25 Jahren um durchschnittlich zwei Millionen jährlich wachsen. Die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter ab 2014 jährlich um eine bis 1,5 Millionen abnehmen.

Die EU muss sich mit Phänomenen wie Bevölkerungsrückgang, schwachem natürlichem Wachstum und der Überalterung eines Teils der Bevölkerung auseinandersetzen. Eine Folge der Fortschritte, die auf wirtschaftlichem, sozialem und medizinischem Gebiet erreicht worden sind. Die Lebenserwartung ist von 1960 bis 2006 um acht Jahre gestiegen. Sie könnte von 2006 bis 2050 noch um weitere fünf Jahre zunehmen.

"Köpfe und Alter lassen sich zählen“, sagt Giger. "Die wichtigsten Faktoren wie Lebenserwartung und Geburtenrate sind bekannt und stabil. Wenn der Demograf über die 60-Jährigen in 30 Jahren nachdenkt, sind seine Forschungsobjekte alle längst geboren. Das Phänomen der immer länger lebenden Menschen ist global. Kommen zur steigenden individuellen Lebenserwartung sinkende Geburtenraten, steigt das Durchschnittsalter bei abnehmender Bevölkerungszahl. Zuwanderung kann diese Entwicklung abschwächen, aber kaum aufhalten.“

Ähnlich sieht es der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Gunnar Heinsohn. Er weist überdies auf die mangelnde Qualifikation mancher Einwanderer hin: "Auch die Einwanderung kann das demografische Problem nur strecken, da die Elite - so sie überhaupt kommt - selbst zur Kinderlosigkeit tendiert. Daher gibt es nur eine mutuelle Kannibalisierung zwischen Spitzennationen. Sie haben eine Elite, die den anderen fehlt, die sie selber aber nicht verlieren wollen.“ Die besten "Anwerber“ seien Länder mit kontrollierbaren Grenzen und eigener Hoheit über die Verwendung ihrer Steuern.

"Die Zeit wird kommen, in der sich die EU-Mitgliedsstaaten die besten Köpfe gegenseitig abjagen“, sagt der deutsche Bildungsexperte Knut Diekmann, Referent beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag in Berlin.

"Früher lag der Vorteil bei den Unternehmen, da sie leicht aus einem größeren Angebot an potenziellen Erwerbstätigen auswählen konnten - insoweit war es ein Anbietermarkt. Heute verkehrt sich die Situation: Der Vorteil wird allmählich bei den Erwerbstätigen liegen, die sich ihre Jobs auswählen können. In Deutschland gab es in den letzten Jahrzehnten heftige politische Diskussionen um die Versorgung der Jugendlichen mit Lehrstellen. In den letzten zwei Jahren hat sich das Blatt gewendet: Betriebe buhlen um die besseren Jugendlichen mit iPads oder Gala-Essen. Das wird beispielgebend für die Zukunft.“

Noch wird diese Entwicklung eher zaghaft und unwillig zur Kenntnis genommen. "Dieser Widerstand“, sagt der Philosoph Giger, "speist sich aus der Verschränkung zwischen unserer persönlichen und unserer gesellschaftlichen Existenz. Die wird kaum je so sichtbar wie beim Thema Älterwerden: Wir altern sowohl als Einzelne wie als Gesellschaft. An das Altern der Gesellschaft zu denken erinnert deshalb unweigerlich an das eigene Alter und damit verbunden an Krankheit und Tod. Damit beschäftigen sich die wenigsten gern.“

Das zunehmende Älterwerden unsere Gesellschaft lässt sich, so Giger, nicht abwenden - aber analysieren und nutzen. Das gebräuchliche Wort "Überalterung“ lehnt er ab, bezeichnet es als "Unwort“.

Er sieht eine Ressource "in der Reife. Sie korreliert mit dem Alter, das heißt, sie tritt mit zunehmendem Alter mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf, ist aber keineswegs eine automatische Frucht des Älterwerdens. Älter werden wir von selbst, reifer nicht.“

Die älteren Manager stünden nicht wegen ihrer Lebensjahre an der Spitze von Unternehmen, sondern weil sie wüssten, wie der Laden läuft, und weil sie ein Risikobewusstsein haben, das über jenes von jungen Menschen hinausgeht.

Es werden bald nicht mehr genug junge Nachwuchskräfte zur Verfügung stehen, meint auch Giger. Daher ginge es nicht mehr um die Organisation eines Gnadenbrots für ältere Menschen, sondern darum, wie ihre Reife als Ressource in den Arbeitsprozess eingebracht werden könne.

"Eine unserer Umfragen zeigt: In der Schweiz fühlen sich reifere Menschen mit ihren speziellen Werten und Anliegen von der Politik ungenügend vertreten. In der Wirtschaft fühlen sich ältere Menschen zwar als Zielgruppe angesprochen, aber nicht wirklich wahrgenommen.“

Gefordert werde, so Giger, von allen etwas, wenn die Ressource Reife im Arbeitsprozess genutzt werden soll: von den Unternehmen Angebote für anspruchsvolle ältere Mitarbeiter. Von der Politik Rahmenbedingungen, die berücksichtigen, dass der Trend zur Individualisierung von Arbeitsverhältnissen gerade auch im reiferen Alter unaufhaltsam ist. Und von den älteren Menschen schließlich die Einsicht, dass der eigene Reifungsprozess auch jenseits der 50 weitergeht und auch eigener Investitionen bedarf.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige