Forschungslandschaft

Wo steht die außeruniversitäre Forschung?

Martina Powell | aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

Vor knapp einem halben Jahr gingen die Wogen hoch: Da war von "budgetärem Kahlschlag“, von "Vertreibung der Intelligenz“ und vom "Aushungern des Wissenschaftssystems“ die Rede. Und nun?

Für Aufregung hatte 2010 ein Budgetentwurf der rot-schwarzen Regierung gesorgt, der unter anderem im Sektor der außeruniversitären Forschung drastische Kürzungen vorsieht: Acht Millionen Euro sollen durch die Streichung der Basissubventionen jährlich eingespart werden.

Prompt wurde die Protestplattform "Wissen/schafft/Österreich“ gegründet, im November formierte sich der Verein Wissenschaftskonferenz Österreich (Wiko), um die Interessen aller unabhängigen wissenschaftlichen Einrichtungen und Forschungsorganisationen sichtbarer zu machen. Die "Strukturbereinigungen“, wie sie das Ministerium nennt, könnten für viele Einrichtungen, die auf offizielle Zuschüsse angewiesen sind, das Aus bedeuten: Laut "Wissen/schafft/Österreich“ werden dem Wissenschaftssystem pro Jahr etwa 80 Millionen Euro durch die Kürzungen genommen.

Nun, ein halbes Jahr später, ist das Budget im Parlament beschlossen und in Umsetzung. Die Proteststimmen sind nur scheinbar leiser geworden: Mitte März lud die Wissenschaftskonferenz Österreich zu ihrer ersten Jahrestagung ins Rathaus. Dort diskutierten etwa 160 Wissenschaftler, wie der österreichische Forschungsraum gestaltet werden soll. Eingeladen war ebenfalls die Wissenschaftsministerin, die sich jedoch aufgrund eines Termins in Brüssel entschuldigen ließ.

Die Stimmung beschreibt Peter A. Bruck, Präsident der Wiko und Initiator der Plattform "Wissen/schafft/Österreich“, als "dynamisch und engagiert“: "Die Kürzungen haben einen budgetären, aber nicht einen institutionellen Kahlschlag bewirkt. Manche Auswirkungen wie die Streichung der Druckunterstützungen für Publikationen und Zeitschriften werden erst sichtbar werden.“

Bei der Tagung habe sich die Vielfalt des Sektors gezeigt: "Mit dieser Energie und dieser Dynamik möchten wir weiterarbeiten. Klare Rollen geben auch mehr Kraft.“

Den Versuch, der Situation positive Seiten abzugewinnen, unternimmt nicht nur der Wiko-Vorsitzende: Gabriele Ambros, Präsidentin der Forschung Austria, der Vereinigung der staatlichen und korporativen außeruniversitären Forschung, meint, dass ohne den Schockeffekt im November die "Energie, die nun zu einer Nachjustierung der außeruniversitären Forschungslandschaft führen könnte, anders nicht aufgebracht worden wäre“.

Über die unabhängigen Institute, deren Existenz durch die Kürzungen gefährdet sein könnte, gibt es von der Wiko keine Auskunft. Erst in den nächsten Wochen werde sich nämlich zeigen, ob Einrichtungen "ins Exit“ gehen müssen oder ob es lediglich zu Neustrukturierungen kommt, sagt Bruck.

Dieser Einschätzung schließt sich Ambros an. Etwa ein Drittel jener 65 Einrichtungen, die von den Kürzungen betroffen sind, wird in Universitäten integriert, schätzt die Präsidentin von Forschung Austria.

"Die meisten der anderen Institute haben bisher seitens der öffentlichen Hand so geringe Mittel erhalten, dass dieser Wegfall nicht existenzgefährdend sein dürfte.“

Beim Demokratiezentrum Wien setzt man auf eine interinstitutionelle Zusammenarbeit: Gemeinsam mit zwei weiteren außeruniversitären Instituten und dem Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik an der Universität Klagenfurt will man einen "Friedenscluster“ aufbauen.

In den nächsten drei Jahren sollen der Inhalt und die Organisationsform des Pilotprojekts zur Friedens-, Konflikt- und Demokratieforschung entwickelt werden. Durch diese Kooperation erhalten die drei außeruniversitären Institute jene Förderung, die bei der Streichung der Basissubvention weggefallen war.

Während Wissenschaftsministerin Beatrix Karl bei einer Pressekonferenz den "Friedenscluster“ als "Role-Model“ bezeichnet, sieht Gertraud Diendorfer die gesetzte Strukturreform kritischer. Die Mittel für den Cluster seien nur bis 2013 gesichert, sagt die Leiterin des Demokratiezentrums Wien. "Ich bin dafür, dass mit dem Ministerium und anderen Einrichtungen gemeinsam gearbeitet wird, Synergien genutzt und Förderungen transparent abgewickelt werden. Aber eine Zusammenarbeit des außeruniversitären Sektors mit den Universitäten setzt voraus, dass der außeruniversitäre Sektor im Forschungsförderungsplan einen entsprechenden Platz hat und nicht ausgehungert wird. Daher stellt sich die Frage: Wie wird es nach 2013 weitergehen? Mir fehlt die langfristige Perspektive.“

Auch bei anderen stoßen BMWF-Modelle nicht nur auf Zustimmung: wie die Eingliederung von außeruniversitären Instituten in universitäre Strukturen. Laut Gabriele Ambros mache das nur "in einigen Fällen“ Sinn. "In anderen wiederum verlieren wir durch diese Zusammenführung natürlich geistige Wertschöpfung.“

Ein Wiko-Vorschlag lautet, Projektfinanzierungen durch das Ministerium in Zukunft in einem offenen Call-System abzuwickeln. Für größere Institute wären Leistungsvereinbarungen in einem Rahmen von fünf bis sieben Jahre abzuschließen.

Einen gemeinsamen Tenor scheint man nach den ersten Monaten gefunden zu haben: Man reagiert positiv auf die neuen Bedingungen. Eine Justierung der Struktur im außeruniversitären Bereich wird teilweise begrüßt. Am Kernargument des Protestes hält man jedoch fest. Ambros: "Wir dürfen auf unser wertvollstes Gut - das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter in den Forschungsstätten - nicht leichtfertig verzichten. Die Auswirkungen wären jedenfalls fatal. Und sind mit dem errechneten Einsparungspotenzial in keinster Weise zu rechtfertigen.“

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige