Politologie

Revolutionen in Nordafrika

aus HEUREKA 1/11 vom 13.04.2011

Interview: Martina Powell

Aus gegebenem Anlass untersucht die Politologin Irene Etzersdorfer den Revolutionsbegriff, um zu sehen, ob er auf aktuelle Ereignisse passt.

Irene Etzersdorfer ist Politologin an der Uni Wien und Gastprofessorin an der Donau-Uni Krems.

Heureka: Frau Etzersdorfer, wem gilt Ihre Forschung?

Irene Etzersdorfer: Dem Versuch, die Welt, in der wir leben, zu verstehen und sich entsprechend dieser Erkenntnis zu verhalten. Wenn sich Phänomene ändern, ist es an der Zeit, tradierte Konzepte und Begrifflichkeiten zu überdenken. Mit zeitnahen Vorlesungen lassen sich Erfahrungen aus unserem persönlichen Wahrnehmungsbereich mit theoretischen Analysen verknüpfen.

Stellen die Ereignisse in Nordafrika unser Revolutionsverständnis infrage?

Etzersdorfer: Die Diskussion der letzten Jahrzehnte war durch alte ideologische Grabenkämpfe verstellt, die hier nicht mehr greifen. Die neuen Revolutionen erweisen sich als politische Bewegungen. Auch ökonomische Spannungen erhalten einen politischen Charakter. Das haben liberale Theoretiker von Alexis de Tocqueville bis François Furet schon immer hervorgehoben. Im Gegensatz dazu stellte etwa der revolutionäre Marxismus Gewalt ins Zentrum seiner Argumentation, wie überhaupt Politik als ein Gewaltverhältnis begriffen wird.

Gibt es Modelle, die die Revolution in Ägypten beschreiben und erklären können?

Etzersdorfer: Es geht im derzeitigen Diskurs nicht um abstrakte Begriffe, sondern zunächst um die adäquate Beschreibung gewisser historischer Ereignisse und deren Bedeutung. Die ägyptische Revolution ist zunächst ein Ereignis für sich. Zugleich zeigt sie, dass sich darin ein gewisser Trend zur Verwirklichung jener universellen Werte artikuliert, die das Wesen moderner demokratischer Staaten ausmachen.

Wie läuft die Diskussion unter Wissenschaftlern über die Ereignisse in Nordafrika?

Etzersdorfer: Es gibt die Pessimisten, wie etwa André Glucksmann, die immer die islamistische Gefahr im Hintergrund sehen und nicht merken, dass es keine islamistische Revolte ist. Einige Islamspezialisten scheinen diese Revolution zu verschlafen, wie einst die großen Sowjetologen die Revolutionen von 1989. Auch die Behauptung im Gefolge des israelischen Historikers Dan Diners, dass der arabische Raum in Starre verharrt, zur Demokratisierung nicht fähig ist, erweist sich als unzutreffend. Es gibt auch diejenigen, die aus ökonomischen Gründen ein Scheitern dieser Bewegungen voraussagen, weil sich die soziale Frage nicht befriedigen lässt, wie etwa der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse lassen sich jetzt aus den Ereignissen ziehen?

Etzersdorfer: Während Huntington mit seinem mechanischen Modernisierungsansatz ein weiteres Mal widerlegt wurde, lässt sich mit Fukuyama argumentieren, dass auf Dauer gewisse Prinzipien nicht unterdrückt werden können. Dazu zählt der harte Kern jener aufklärerischen Prinzipien wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Individualismus.

Wie werden Sie das Thema weiter bearbeiten?

Etzersdorfer: Ich würde mir den Transformationsprozess sehr gerne aus der Nähe ansehen und an einer englischsprachigen ägyptischen Universität ein Semester verbringen. Vielleicht sollte ich bei jenen österreichischen Politikern nachfragen, die im ersten Enthusiasmus eine großzügige Unterstützung der Revolution angekündigt haben. Eine lebende Wissenschaftssubvention wäre doch eine solche Unterstützung.

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