Kommentar

Aufstieg in die europäische Liga

Helga Nowotny | aus HEUREKA 2/11 vom 25.05.2011

Der Begriff der "Leistung“ hat in der österreichischen Hochschulpolitik erneut Konjunktur. Er dient dabei als Gegengewicht zum Schlagwort "soziale Gerechtigkeit“. Doch geht es wirklich um unüberwindbare Gegensätze oder um Österreichs Positionierung in Europa?

"Soziale Gerechtigkeit“ - verstanden als echte Chancengleichheit - erfordert freien (auch gebührenfreien) Zugang zur Hochschule für alle, die ein Bachelorstudium anstreben.

"Leistung“ kommt im Dreierpack: Erstens Leistungen, die von den Universitäten zu erbringen sind, zweitens Leistungen des Staates und der Gesellschaft, um den Universitäten zu ermöglichen, deren gesellschaftspolitisch relevante Aufgaben zu erbringen, und drittens Leistungen der Studierenden, den Anforderungen des Studiums zu entsprechen.

Ein solchermaßen differenziertes Bild von Leistung führt zur Debatte darüber, was Studierende jenseits des Bachelor in der Master- und Ph. D.-Stufe von den Universitäten zu erwarten haben und was von ihnen erwartet wird. Hier sollte der Grundsatz einer gegenseitigen Auswahl bestehen, ganz im Sinn der "Produktwahrheit“. Und weshalb sollten für ein Master- und Ph. D.-Studium keine Studiengebühren eingehoben werden?

Dies setzt allerdings gesellschaftlichen Konsens über Zweck und Stellenwert des tertiären Bildungssektors voraus. Vor fast zehn Jahren entließ das Universitätsgesetz die Hochschulen vom Gängelband. Sie sind daran, sich eigene Profile vor allem in der Forschung zu geben. Nur so können sie in der europäischen Liga mitspielen.

Doch zwei zentrale Probleme bleiben bestehen. Erstens die Finanzierung: ohne budgetären Mehraufwand ist die geforderte Leistungssteigerung kaum zu schaffen. Zweitens der Bologna-Prozess: Er hat eine Studienarchitektur entworfen, doch deren Inhalte vernachlässigt. Was soll jungen Menschen mit freiem Zugang zu den Hochschulen im Bachelorstudium an sinnvollen Lehrinhalten vermittelt werden? Hier wird als Eintrittspreis für die europäische Liga die Leistung einer Curriculum-Reform gefordert.

Österreich hat es in den letzten Jahren zu einer zweifelhaften Meisterschaft gebracht: ein Strategiepapier nach dem anderen zu produzieren, alle ohne Konsequenz. Es ist ein positives Zeichen, dass der neue Minister als Ex-Rektor einen hohen Vertrauensvorschuss an den Hochschulen besitzt. Es ist ihm zu wünschen, dass er es fertig bringt, Leistung mit sozialer Gerechtigkeit sinnvoll zu verknüpfen. Das Spiel in der europäischen Liga erfordert nämlich beides.

Helga Nowotny lehrte an der ETH Zürich und ist Präsidentin des European Research Council ERC

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige