Energie bis ins 24. Jahrhundert

Gunnar Heinsohn | aus HEUREKA 2/11 vom 25.05.2011

Was kommt nach Öl, Erdgas und Atomstrom? Schiefergas soll unsere Energiesituation und Welt verändern

Unsere nervöse Seite, die immer Angst hat, dass alles nicht reicht und wir bald hungern oder frieren müssen, wird im April von der U.S. Energy Information Administration (EIA) beruhigt: Schiefergas soll uns als Energiequelle dienen (www.eia.gov/analysis/studies/worldshalegas/pdf/fullreport.pdf).

Für 32 der rund 200 Staaten der Welt hat sie die - bei heutigen Techniken und Preisen - sicher förderbaren Menge auf 6600 Billionen Kubikfuß veranschlagt. Die Reserven dieser Länder an herkömmlichem Gas, mit dem wir heute heizen und produzieren, liegen bei nur 1000 Billionen Kubikfuß. Da sie pro Jahr 55 Billionen Kubikfuß verbrauchen, reichte das bisher verwendete Gas nicht einmal für zwanzig Jahre. Mit der neuen Quelle hingegen können wir uns weitere 140 Jahre wärmen.

Noch 2005 hatte Doug Reynolds errechnet, dass Nordamerika (Kanada, USA, Mexiko) bereits 2007 den Gipfel seiner Gasproduktion (peak gas) überschreiten würde. Heute - nur sechs Jahre später - sieht man den Produktionsgipfel für dieses Gebiet jenseits von 2050.

Obwohl in den USA seit 1821 Schiefergas gefördert wird, liefert es noch 2009 gerade sieben Prozent der gesamten Gasproduktion. 2020 jedoch sollen es schon 50 Prozent sein - eine Revolution der Energieversorgung. Schaut man auf die gesamte Welt, liegen die förderbaren Mengen von herkömmlichem und Schiefergas gemeinsam bei 22.600 Billionen Kubikfuß. Bei einem aktuellen Verbrauch von 106 Billionen Kubikfuß reicht das für gut 200 Jahre.

Wenn sich beim Gas das Muster der Reservenanhebung für Öl wiederholt, gibt es Energiesicherheit bis weit in das 24. Jahrhundert. 1950 wurden die globalen Ölreserven auf 100 Milliarden Fass geschätzt. 1980 auf 650 Milliarden, 2010 auf 1243 Billionen Fass. Die sollen bis 2065 reichen. Das wirkt immer noch knapp. Doch man vergleiche es mit der Perspektive 1919: Damals wurde das Ende des Öls für 1939 veranschlagt. 1956 nahm man an, die Petroleumwirtschaft gehe 1970 zu Ende.

Das Schiefergas bringt neue Produzenten nach vorne. In Europa liegt Polen mit Reserven von 187 Billionen Kubikfuß auf dem ersten Platz. Energiechampion aber bleibt Frankreich. Sein Export von Atomstrom kann mit dem Schließen der deutschen Meiler nur weiter zulegen. Überdies kommt es mit 180 Billionen Kubikfuß Schiefergas an Polen ganz nah heran. Deutschland hingegen mit gerade acht Billionen Kubikfuß Reserven an Schiefergas (bei einem jährlichen Verbrauch von 3,3 Billionen Kubikfuß) steht am Beginn einer prekären und womöglich nie endenden Energieabhängigkeit. Österreich hingegen hofft auf das Wiener Becken, wo die OMV erfolgreiche Testbohrungen gemacht hat. Und als potenter Lieferant von Schiefergas macht sich Ungarn bereit.

Dramatisch wird es für Russland. Als global größter Produzent von herkömmlichem Gas erzielte es mit seinen Exporten nicht nur überlebenswichtige Einnahmen, sondern übt auch Macht aus. Einmal mehr werden dabei die Deutschen getroffen.

Unter ihrem Exkanzler Gerhard Schröder haben Wintershall und Eon Ruhrgas Megabeträge in die Ostsee-Pipeline Northstream gepumpt. Jetzt stecken sie im Knebel langfristiger Verträge für hochpreisiges Erdgas. Auch die antirussische Nabucco-Pipeline unter Deutschlands ehemaligem Außenminister Joschka Fischer, bei der sich auch die OMV hoch exponiert hat, ist für den Transport von teurem Erdgas gedacht. Beide Unternehmen könnten ihre Leitungen alsbald zum Schrottwert bilanzieren, während Polen und Frankreich den neuen Schiefer-Brennstoff konkurrenzlos billig und auf kürzestem Wege liefern.

Gunnar Heinsohn ist Soziologe und Ökonom

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