Kommentar Kulturressource

Handschrift Ade?

Claudia Eipeldauer | aus HEUREKA 2/11 vom 25.05.2011

Brauchen wir eigentlich noch die Handschrift? Laut Unterrichtsministerium "wird darauf in den Grundschulen noch größter Wert gelegt“. Auf meine Frage, ob wir dank moderner Hilfsmittel vielleicht bald aufhören, mit der Hand zu schreiben, versucht man im Ministerium mich zu beruhigen.

Spricht man allerdings mit den Praktikern direkt in den Bildungsinstitutionen, scheint sich ein Wandel abzuzeichnen: "Das Schriftbild wird bereits zunehmend weniger streng bewertet“, sagt die Direktorin Maria-Theresia Strouhal. Sie leitet die Volksschule Stiftgasse in Wien, wo die Kinder bereits ab der zweiten Schulstufe auch am Computer erste Sätze produzieren.

Dem Erlernen des Schreibens mithilfe von Stift und Papier kann die Volksschuldirektorin trotzdem noch viel abgewinnen. Sie erklärt, dass "durch das motorische Lernen wertvolle kognitive Prozesse in Gang gesetzt werden“.

In pädagogischer Hinsicht haben wir uns von der Idee des Schreibens also noch nicht losgelöst. Medienphilosoph Frank Hartmann sieht dennoch wenig Hoffnung für die Schriftkultur: "Schrift hat ihre zentrale Funktion als Speichermedium in unserer Kultur verloren. Die Handschrift als eine ihrer Ausprägungen ist davon nicht ausgenommen. Dies ist ein Effekt nicht nur des Computers, sondern einer auf neuen audiovisuellen Aufzeichungstechniken basierenden Medienrevolution.“

Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, die ihre Ressource Wissen völlig neu organisiert und, statt Informationen aufzuschreiben, Inhalte digital speichert?

Professor Franz-Markus Peschl, Wissenschaftstheoretiker an der Uni Wien, erklärt: "Wir lernen heute anders als zu der Zeit, als wir etwa noch in Büchern gelesen und daraus abgeschrieben haben. Die Aneignung von Wissen hat natürlich eine Auswirkung auf die Wissensproduktion. Das Bedienen eines Computers ist viel abstrakter als das Schreiben auf dem Papier. Wir entfernen uns vom Objekt und schaffen einen neuen Zugang.“

Besonders spannend findet Peschl, wie neueste, Touchscreen-basierte Technologien wieder den direkten haptischen Kontakt anbieten.

Frank Hartmann vermutet: "Eine personalisierte Kulturtechnik, so wie die Handschrift, werden wir auch künftig haben, aber wie sie aussieht, wissen wir überhaupt noch nicht. Das Design unserer Computer-Interfaces in den letzten Jahrzehnten kann da nicht maßgeblich sein. Es war ja stark an der Schreibmaschine orientiert, weil der Hersteller IBM seine Computer als Bürogeräte etablieren wollte.“

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