Haben wir noch Ressourcen?

Erich Klein | aus HEUREKA 2/11 vom 25.05.2011

Ein Gespräch mit dem US-amerikanischen Umwelthistoriker Donald Worster über die Bedeutung von Ressourcen in Geschichte und Gegenwart

Donald Worster ist Professor für Amerikanische Geschichte an der University of Kansas. Er gilt als einer der Gründer und führenden Vertreter der Umweltgeschichte. Als langjähriger Präsident der Amerikanischen Gesellschaft der Umwelthistoriker wurde er 2009 zum Mitglied der "American Academy of Arts and Sciences“ ernannt.

Seit Darwin gibt es Umweltbewusstsein

Falter HEUREKA: Beim Thema Natur entsteht der Eindruck, Menschen würden lieber an Biedermeier-Landschaften des 19. Jahrhunderts denken als an Ressourcenknappheit. Haben wir überhaupt die intellektuellen Mittel, um mit komplexen Phänomenen wie Klimawandel umzugehen?

Donald Worster: Das achtzehnte und vor allem das neunzehnte Jahrhundert haben die Natur entdeckt. Manche würden sogar sagen, sie haben die Natur, erfunden‘ - als einen Ort der Freiheit für den menschlichen Geist; in den Naturwissenschaften entdeckte man die Komplexität des Ganzen. Für mich ist die größte Figur in dieser Geschichte Charles Darwin, auf dem unsere ganze moderne Weltsicht beruht. Das werden nicht alle akzeptieren, aber Darwin hat eine grundlegende Revolution in Bezug auf unsere natürliche Umwelt bewirkt. Die Dinge sind in Bewegung, es gibt Konflikte, ständig werden neue Ordnungen geschaffen, und wir selbst sind als Spezies auch ein Produkt derartiger Vorgänge. Was immer man davor dachte, seit Darwin wissen wir, dass wir selbst Tiere sind, Produkte einer langen biologischen Evolution; auch unsere Kulturen entstehen in evolutionären Prozessen.

Was veränderte es, wenn man den Menschen als Teil komplexer Vorgänge sieht?

Worster: Wir sind erstmals imstande zu verstehen, dass wir diesen Planeten auch zerstören können. Davor mag man gedacht haben, die Welt wurde von Gott erschaffen, und zwar auf derart perfekte Weise, dass sie gar nicht beschädigt werden könnte. Gott würde auf sie schon aufpassen, egal, wie sehr man industrialisiert, modifiziert, ausbeutet und konsumiert. Seit Darwin ist das vorbei.

Warum Europa China geschlagen hat

Freud sprach von den drei Kränkungen der Menschheit durch Kopernikus, Darwin und die Psychoanalyse - der Mensch wurde aus dem Zentrum gerückt. Bei der Lektüre Ihrer Bücher fällt Amerikas Sonderstellung auf - es ist, als hätte die Geschichte 1492 gleichsam noch einmal im Paradies begonnen.

Worster: Das Datum habe nicht ich erfunden, es markiert den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Die westliche Welt entsteht um 1500, das ist Standard. Amerika als Garten Eden - das bezieht sich ja auch auf Brasilien. Erfunden haben das nicht die Amerikaner, sondern die Maler und Reisenden. Die Europäer sprachen immer wieder vom, neuen‘ und, goldenen Land‘, von der, neuen Welt‘, die noch in aller Unschuld lebte. Es ist ein Problem, dass die Europäer immer Schwierigkeiten hatten, derartige Umbrüche zu verstehen - das ist einfacher, wenn man selbst außerhalb steht.

Was meinen Sie damit?

Worster: Nehmen wir die industrielle Revolution, die von den Europäern immer, intern‘ erklärt wurde - durch die spezielle Arbeitsethik, oder anhand bestimmter kultureller, etwa wissenschaftlicher und praktischer Vorgehensweisen. Alles sollte sich aus sich selbst erklären. Schließlich fanden aber einige Historiker heraus, dass um 1800, unmittelbar vor der industriellen Revolution, der Lebensstandard in China mindestens so hoch war wie in Westeuropa, vielleicht sogar höher. Die Kenntnisse der Mechanik waren in China ebenso groß wie in Europa; was das Wassermanagement betraf, waren die Chinesen sehr viel weiter; Textilmanufakturen hatten sie schon Jahrzehnte, andere Dinge schon Jahrhunderte vor den Europäern erfunden. Was die Ernährungssituation betraf, so war sie um 1800 in einigen fortschrittlichen Regionen Chinas jener von Westeuropa vergleichbar, vielleicht sogar besser.

Wie und warum wurde der Westen dann reicher?

Worster: Für eine Reihe von Historikern gibt es zwei Erklärungsmuster: Die britische Kohle hat alles ganz grundlegend geändert. Die Chinesen hatten zwar auch Kohle, verwendeten sie aber aus diversen Gründen anders. Der noch größere Unterschied ist folgender: Die Europäer verfügten über all diese neuen Territorien, die China nicht hatte. Dorthin wurde die überflüssige Bevölkerung geschickt, es gab fast zweihundert Millionen Emigranten aus Europa.

Kohle und Kolonien erklären den Aufstieg Europas?

Worster: Man kann das in Bezug auf England und Frankreich so sehen. Nur die Europäer haben das im Allgemeinen noch nicht wahrgenommen. Würden sie anerkennen, dass sich das europäische Wunder, mit dem sie die Chinesen überflügelt haben, den Ressourcen und nicht dem menschlichen Geist verdankt, also der Natur, dann müsste man auch damit zurecht kommen, dass sich die Ressourcen einmal erschöpfen. Man würde dann auch sehen, dass die Umwelt nicht mehr dieselbe ist, die sie einmal war.

Was Adam Smith übersehen hat

Eines Ihrer Bücher heißt, Wealth of Nature‘. Bei Adam Smith ist es die, unsichtbare Hand‘ des Marktes, die den Wohlstand der Einzelnen und der Nationen hervorbringt - was wäre eine solche,, inivisible hand‘ in Bezug auf Ressourcen?

Worster: Für Adam Smith ist Natur nicht wichtig, weil er glaubt, Reichtum entstehe fast ausschließlich durch menschliche Arbeit. Sein Argument lautet so: Den Menschen ist natürliche Freiheit gegeben, wir handeln rational und folgen unseren eigenen Interessen. Dazu ist anzumerken: Was geschieht, wenn man die natürlichen Ressourcen eines Landes ausgebeutet und erschöpft hat? Die unsichtbare Hand ist dann eher ein unsichtbarer Finger, der darauf hinweist: Wenn du so weitermachst wie bisher, zum Beispiel mit dem CO2-Ausstoß, dann zerstörst du eine Balance, das Klimasystem geht kaputt.

Wir mögen den erhobenen Finger sehen, doch wir verstehen die Natur nicht ganz.

Worster: Trotzdem hält sie einige Lektionen für uns bereit. Die Naturwissenschaft ist nicht die beste Möglichkeit, aber wir haben keine andere. Wir müssen auf die scientific community hören. Zu Adam Smith ist noch zu sagen - er ging an die Sache noch sehr simpel heran, er hatte weder Vorstellungen von Biodiversität noch von Ökosystemen.

Der Beginn der apokalyptischen Umweltsicht

Es gibt einen Unterschied zwischen amerikanischen Naturalisten im Gefolge Thoreau’s, die oft positive Naturgeschichten schreiben, und europäischen Umweltapokalyptikern, wo ständig der letzte Baum gefällt wird.

Worster: Schauen Sie nach Hollywood, was dort an apokalyptischem Zeug produziert wird. Wenn Sie das letzte Jahrhundert untersuchen - was war der Wendepunkt, an dem der Optimismus verschwand? Der Erste Weltkrieg. Die Leute kamen mit der Erkenntnis nach Hause, wie destruktiv die menschliche Natur ist. Und zwar grundlos; dann folgten die weltweite Depression, Hitlers Aufstieg, die Atombombe und die Russen mit ihren Gulags. Wie sollte man da nicht apokalyptisch über das 20. Jahrhundert sprechen - von Umweltfragen ist da noch gar nicht die Rede.

Der Teufel liegt im Detail. Einer der Helden der deutsche Linken und Grünen in den Siebzigerjahren war Woody Guthrie: Wenn er den Columbia River und den Grand Coulee Dam besang, tat er das im Auftrag der amerikanischen Regierung und erwartete die Lösung aller Probleme von einer Staumauer - in Europa demonstrierte man mit Guthrie gegen Kraftwerksbau.

Worster: Es gab auf der Linken viele Leute, die noch in den Dreißigerjahren an die Versprechungen der Technik glaubten. Die Atombombe ließ zwar viele Zweifel entstehen, aber selbst danach sprach man weiter von einer Atom-Welt, in der die Energie quasi gratis wäre. Wirft man den Umweltschützern Pessimismus vor, muss man daran erinnern, dass alles eigentlich mit der Frage, Wie überlebe wir einen Atomkrieg?‘ begann. Mit Strategen wie Herman Kahn, der Pläne für siegreiche Atomkriege entwickelte auf der Basis: Wir Amerikaner werden so und so viele Bomben auf die Russen werfen, die tun dasselbe, bei uns bleiben so und so viele Menschen am Leben - d.h. wir gewinnen. Es war also angebracht, apokalyptisch zu denken - denkt man an die Komplexität heutiger Probleme wie den Klimawandel, fällt es nicht leichter, optimistisch zu sein.

Umweltkatastrophen als Gottesgericht

In Ihrem Buch über den "Dust Bowl“ beschreiben Sie anhand verheerender Staubstürme im Amerika der 1930er-Jahre den sehr konkreten Zusammenhang zwischen Natur- und von Menschenhand gemachter Katastrophe.

Worster: Als ich in den Fünfzigerjahren in Kansas aufwuchs, sah alles nach Wohlstand aus. Plötzlich gab es aber noch einmal eine Dust Bowl. Ich hatte das längst vergessen, als ich in den Siebzigerjahren als Professor an einem Projekt über die Sahel-Zone, das Gebiet südlich der Sahara, mitarbeitete. Es ging dabei um den Zusammenhang von Hungersnot und Zerstörung der Landschaft durch Abholzen der Wälder, Überweidung und Übernutzung durch Landwirtschaft. Ich kehrte damals nach West-Kansas zurück, wo noch immer diese dramatisch anmutenden Kornspeicher herumstehen - doch statt weiß zu sein, waren sie von dicken, braunen und roten Staubschichten überzogen. Das Buch hat auch einen autobiografischen Aspekt, meine Eltern wurden von der Dust Bowl vertrieben - wobei sie eigentlich den ganzen Kontext nie verstanden. Niemand von diesen Leuten hat je den Ausdruck, Ökologie‘ oder, Ökonomie‘ verwendet, für sie war es eine Naturkatastrophe, eher ein Gottesgericht als von den Menschen gemacht.

"Ressourcen & Umwelt“ sind das Thema des 21. Jahrhunderts

Ein Vorwurf im Zusammenhang mit Umweltschutz, Ressourcenknappheit und -verteilung lautet, es handle sich um eine Art luxuriöses Problem der sogenannten, Ersten Welt‘.

Worster: Das war auch in den USA lange Zeit immer wieder der Fall - als wir in der akademischen Welt erstmals mit Umweltfragen auftauchten, stießen wir auf ein Gemisch aus Gleichgültigkeit und Ablehnung. Die einzigen Themen, die Geltung besaßen, waren, Race‘,, Class‘ und, Gender‘. Das hat sich zum Glück geändert - mittlerweile ist diese akademische Tyrannei beendet. Selbst die elitärsten Institutionen wie das Englisch-Department in Harvard und das Geschichte-Department in Stanford wurden geknackt: Ein führender Vertreter des Ecocriticism wie Lawrence Buell sitzt heute in Harvard. Das letzte Jahrhundert beschäftigte sich mit Armut und Diskriminierung, das Thema des 21. Jahrhunderts ist Umwelt im weitesten Sinn. Das bedeutet nicht, dass die früheren Probleme gelöst sind. Aber wir können weder über Armut noch über Gender sprechen, ohne über die Umwelt nachzudenken. Nehmen Sie Japan - worum geht es dort? Um einen Tsunami, um eine Naturkatastrophe, um Atomkraft? Wir brauchen Historiker, um zu verstehen, wie es zu all dem kam, wie alles zusammenhängt. Vielleicht ist es auch sinnvoll, zu wissen, was ein Goethe über diese Dinge schrieb und dachte.

Ein anderes Ihrer Bücher,, Rivers of Empire‘, behandelt das Thema Wasser und den Traum von einer grenzenlos florierenden, hydraulischen‘ Gesellschaft.

Worster: Auch dieses Buch hat einen familiären Hintergrund. Meine Eltern flohen vor der Dust Bowl nach Kalifornien, wie etwa auch die Eltern von John Steinbeck, dessen Roman, Früchte des Zorns‘ von den Folgen dieser Katastrophe handelt. Ich wurde in Needles, einer kleinen, staubigen Eisenbahnstadt am Colorado River, geboren und wollte wissen, was danach kam. Über die kalifornische industrialisierte Landwirtschaft wurde massenhaft geforscht - was waren aber deren Grundlagen? Merkwürdigerweise hatte danach niemand gefragt. Mit Roosevelts New Deal wurde die Eroberung des Westens ganz neu geplant - man schuf für die Opfer der Dust Bowl Arbeitsplätze. Mich interessierte die Ideologie hinter all dem staatlichen Planen.

In Stalins Planwirtschaft wurde zur selben Zeit etwas Ähnliches unternommen.

Worster: Es war kein Zufall, dass ich in diesem Zusammenhang auf Karl A. Wittfogel und seine Theorie der, hydraulischen Gesellschaft‘, aber auch auf die Frankfurter Schule stieß. Die Leute hatten immer gewusst, dass Kalifornien ein trockenes Land ist, niemand hatte aber von der Wasserwirtschaft gesprochen, die zur Beseitigung der Trockenheit notwendig war. Wie sah die soziale, politische und die ökonomische Macht dafür aus?, Empire’ ist ein guter amerikanischer Ausdruck, der auf Thomas Jefferson zurückgeht, und Herrschaft über die Natur spielte seit ihrem Beginn eine wichtige Rolle in der amerikanischen Geschichte. Im Zentrum stand für mich bald der Traum von der Beherrschung des Wassers - der Fluss eines jeden Wassertropfens, wie er kontrolliert und reguliert wird, um eine menschliche geschaffene Oase zu erschaffen. Es gab dafür rechte und linke Lösungen. Manche Konservative schätzen das Buch, weil sie meinten, es sei gegen die Regierung gerichtet. Viele Linke waren erzürnt, weil die Idee der Technik als Moment der Befreiung dabei herausgefordert wurde.

Maßhalten auch bei Umweltprognosen

Nach einer Reihe theoretischen Arbeiten und Strukturgeschichten haben Sie zuletzt Bücher biografischer Art geschrieben - eines über den Schriftsteller und Naturforscher John Muir, der am Beginn der amerikanischen Naturschutzbewegung steht.

Worster: Meine Professoren haben mich nicht gerade dazu ermuntert, Biografien zu schreiben. Sie meinten, das sei nicht Geschichte. Ich glaube, erst dann, wenn man weiß, wie es ist, mit sechzig in der Früh aufzuwachen, versteht man, was einen Lebenszyklus ausmacht - dass ein Leben nie jenen Verlauf nimmt, den man erwartet hat. Versuchen Sie, sich vorzustellen, was die Person, die Ihnen gegenüber sitzt, eigentlich am Funktionieren hält - nach fünfhundert Fragen bleibt noch immer ein Rätsel übrig. Wissen Sie, was es für das Selbstvertrauen eines Historikers bedeutet, wenn er nicht einmal eine einzelne Person verstehen kann? Wie soll ich dann ein ganzes Land wie Österreich verstehen - oder wie der ganze Planet funktioniert? Wir müssen uns um Erkenntnis bemühen, unser Nicht-Wissen aber anerkennen - das führt zu einer gewissen Bescheidenheit, wenn es ums Ganze geht. Ein Freund hat das als, ignorance-based world view‘ bezeichnet.

Der bald vierzig Jahre alte Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972 über, Die Grenzen des Wachstums‘ war nicht gerade bescheiden. Bis heute sind die düsteren Prognosen über Industrialisierung und Erschöpfung der Rohstoffe umstritten.

Worster: Ich glaube nicht, dass in dieser Forschergruppe allzu große Arroganz vorherrschte - sie gaben zu, dass sie die Zukunft nicht voraussagen konnten. Die Schlüsse müssen natürlich immer überprüfbar sein - und vielleicht dürfen manche Dinge auch nicht mit allzu großer Vehemenz vorgetragen werden, was eine gewisse Weisheit voraussetzt. Auch darin müssen wir unsere Grenze anerkennen. Jene, die so tun, als wüssten sie genau, was mit dem Klimawandel passiert, oder wie wir das Überleben der bald neun Milliarden Menschen sichern sollen, sind verrückt. Der Großteil der scientific community weiß aber, dass es darum geht, sorgfältig abzuwägen - und ich glaube, dass dies auch ein allgemeines Modell für unseren Umgang mit Natur darstellt. Extravagante Ansprüche sind dabei fehl am Platz. Am arrogantesten sind ja gerade jene, die den Klimawandel leugnen und immer nur sagen, wir machen wie bisher weiter. Solches Vertrauen ist komplett unsinnig.

Die wichtigsten Bücher von Donald Worster: "Nature‘s Economy“ (1977), "Rivers of Empire“ (1985), "The Wealth of Nature: Environmental History and the Ecological Imagination“ (1993), "An Unsettled Country“ (1994), "A River Running West: The Life of John Wesley Powell“ (2001) und "A Passion for Nature: The Life of John Muir“ (2008)

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