Der Auftritt des Maiswurzelbohrers

Sonja Burger | aus HEUREKA 2/11 vom 25.05.2011

Weltweit steigt der Verbrauch an Biomasse. Das dokumentiert eine NASA-Studie. In Österreich treten neue Schädlinge auf

Von früh bis spät verbrauchen wir pflanzliche Biomasse. Meist ohne uns dessen bewusst zu sein. Wie viel die Weltbevölkerung insgesamt pro Jahr entnimmt, wollte ein Team um NASA-Forscher Marc Imhoff genauer wissen. Sie werteten Satellitendaten der Terra-Mission von 1995 bis 2005 aus und präsentierten die Ergebnisse im Vorjahr bei einer Tagung der US-Geophysiker.

Der Verbrauch an Biomasse steigt

Ihre Analysen ergaben, dass der Verbrauch im Untersuchungszeitraum von 20 auf 25 Prozent angewachsen war. Diese Entwicklung ist nicht sonderlich überraschend, wenn man bedenkt, dass weltweit die Bevölkerungszahlen weiter in die Höhe kletterten und der Raum Südostasien und China einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten. Was den Forschern wirklich Sorgen bereitet, ist der Anstieg des Pro-Kopf-Verbrauchs in dieser Region um 30 Prozent.

Wo führen diese Entwicklungen hin? Wie viel Biomasse-Entnahme verträgt die Pflanzenwelt, ohne dass mit einer Verknappung zu rechnen ist? Von einer realistischen Gefahr wagt noch niemand zu sprechen - bei der jetzigen Datenlage würde dies einem Blick in die Kristallkugel gleichkommen.

Energie statt Nahrungsmittel

Weltweit konkurrieren Energie- und Nahrungsmittelpflanzen um Ackerflächen. Dies führt zu einer stark polarisierten öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte. Nach der anfänglichen Euphorie um die scheinbar umweltfreundliche Alternative zu fossilen Energieträgern wurden allmählich die Schattenseiten von Energiepflanzen deutlich.

Mittlerweile steht fest, dass die Produktion von Biomasse nicht per se umweltfreundlich ist, sondern bei fehlgeleiteter Nutzung zu einer Verstärkung des Treibhauseffekts und zur Zerstörung von natürlichem Lebensraum führen kann.

"Je nachdem, zu welcher der beiden Positionen eine Studie tendiert, fallen die Prognosen für die Biomasse-Ressourcen im Jahr 2050 eher optimistisch oder pessimistisch aus“, sagt Martin Mittelbach, Chemiker und Leiter der Renewable Resource Group an der Karl-Franzens-Universität Graz. Seine Forschungsgruppe beschäftigt sich seit Langem u. a. mit alternativen Möglichkeiten zur Gewinnung von Biokraftstoffen.

Wir essen Steinzeitpflanzen

Ist die Zukunft ungewiss, sollte in der Gegenwart vorausschauend gehandelt werden. "Wir müssen mit den vorhandenen Biomasse-Ressourcen sorgsamer umgehen“, erklärt Mittelbach. "Das funktioniert nur durch deren nachhaltige Nutzung.“ Das Prinzip nachhaltiger Nutzung ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Man zweigt der Natur nur so viel ab, wie wieder nachwächst.

Die Sorge der NASA-Forscher um eine mögliche Verknappung der Biomasse-Ressourcen teilt Mittelbach nicht. Seiner Ansicht nach ist ausreichend unausgeschöpftes Potenzial an Biomasse vorhanden.

So schreibt etwa Bill Bryson in seinem neuen Buch "At home: A Short Story of Private Life“: "Von den rund dreißigtausend Pflanzen, die für essbar gelten, tragen nur elf - Mais, Reis, Weizen, Erdäpfel, Maniok, Sorghumhirsen, Hirse, Bohnen, Gerste, Roggen und Hafer - zu 93 Prozent von allem bei, was Menschen essen - und jede dieser Pflanzen wurde einst von unseren steinzeitlichen Vorfahren kultiviert.“

Klimawandel beeinflusst Biomasse

Zumindest was die Notwendigkeit der nachhaltigen Nutzung betrifft, ist Siegrid Steinkellner, Leiterin des Instituts für Pflanzenschutz an der Universität für Bodenkultur in Wien, der Meinung von Martin Mittelbach.

Für sie verdeutlicht die NASA-Studie, dass die Menschheit mit den Biomasse-Ressourcen ein wenig zu großzügig umgeht. "In Zukunft werden wir uns verstärkt mit der nachhaltigen Nutzung auseinandersetzen müssen und mit den Auswirkungen des Klimawandels auf heimische und globale Biomasse-Ressourcen.“

Wie die Expertin für Pflanzenschutz betont, ist der Klimawandel ein zentraler Faktor, wenn es um die Einschätzung der zukünftigen Biomasse-Ressourcen geht. Allerdings seien Hochrechnungen äußerst schwierig, weil "noch weitgehend offen ist, wo der Klimawandel hinführt und wie er sich auf die pflanzliche Biomasse auswirkt.“

Nicht nur die Vegetationsperioden von Kulturpflanzen könnten sich ändern, sondern auch das Krankheits- und Schädlingsspektrum. Siegrid Steinkellner berichtet, dass in Österreich etwa der Maiswurzelbohrer bis vor einem Jahr für die Landwirte kein Thema war. Das Klima hat sich bei uns aber zu seinen Gunsten entwickelt.

Der Maiswurzelbohrer wurde in Österreich erstmals 2002 gefunden und hat sich inzwischen auch über die nördlicher gelegenen Maisanbaugebiete in Österreich ausgebreitet. Die Pflanzenschutzexpertin Steinkellner nennt noch einige andere Krankheiten und Schädlinge, die vor allem eines verdeutlichen: Der Klimawandel stellt sowohl die Landwirtschaft als auch den Pflanzenschutz vor neue Herausforderungen.

Neue Schädlinge im Land

Wann das Limit für die Biomasse-Erzeugung in der Landwirtschaft erreicht ist, hängt laut Steinkellner von mehreren Faktoren, wie etwa der Art der Bewirtschaftung (ökologisch, konventionell, integriert) bzw. mit der Schadschwelle zusammen.

Dieser Wert ist eine Entscheidungshilfe für den wirtschaftlichen Einsatz von Pflanzenschutzmaßnahmen. Im Bereich der Forschung stehen immer stärker die Wechselwirkungen zwischen Kulturpflanze, Schädling und Nützling im Zentrum der Aufmerksamkeit.

In Zukunft werde es laut Steinkellner darauf ankommen, verschiedene Pflanzenschutzmaßnahmen so miteinander zu kombinieren, dass eine höhere Effektivität zum Schutz der Kulturpflanze vor natürlichen Gefahren erzielt wird. Das Stichwort lautet also Ertragssicherheit.

Denn obwohl die Erträge kontinuierlich erhöht werden konnten, liegt der Ertragsverlust wie auch schon in den 1960ern zwischen 25 und 30 Prozent. Der Bereich der Pflanzenzüchtung spielt in puncto Ertragssteigerung ebenfalls eine zentrale Rolle. Gleichzeitig stehen der Erhalt und Schutz der Biodiversität an erster Stelle.

Wir brauchen Ertragssteigerungen

In Österreich ist eine Verknappung der pflanzlichen Biomasse zwar kein Thema, allerdings besteht durchaus noch Steigerungspotenzial.

Beim Rohstoff Holz, einem wichtigen heimischen Biomasse-Lieferanten, zeigt der jährliche Zuwachs, dass weniger verbraucht wird, als nachwächst. "Allein in diesem Bereich steckt noch viel Potenzial“, sagt Martin Mittelbach von der Uni Graz.

Ein Hoffnungsträger der Zukunft ist auch die Züchtung von Mikroalgen, die einige Vorteile im Vergleich zu Energiepflanzen wie Mais besitzen (siehe Seite 16).

Und in der Landwirtschaft? Hier muss man sich die Realität vor Augen halten, dass in Bezug auf die Anbaufläche kaum noch Spielraum besteht.

"Deshalb werden wir nicht um Ertragssteigerungen umhinkommen“, erklärt Siegrid Steinkellner. Durch die Kombination verschiedener mechanischer, biologischer wie chemischer Pflanzenschutzmaßnahmen, wie dies auch heute schon im integrierten Pflanzenbau praktiziert wird, stehen ökonomische Anforderungen und der Erhalt der Biodiversität nicht im Widerspruch zueinander.

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