Macht unser Wasser unfruchtbar?

Xaver Forthuber | aus HEUREKA 2/11 vom 25.05.2011

Wasser ist ein Lebensmittel, ein Energielieferant, ein Transportweg und ein Teil des Ökosystems. Bei der Frage nach der Wassernutzung stehen diese Interessen manchmal zueinander im Widerspruch

Wir sind stolz auf unser Wasser. 97 Prozent von uns gaben in einer Befragung an, das Trinkwasser hierzulande sei das beste, das sie kennen. Über die tatsächliche Wasserqualität sagt das freilich nichts aus. Aber die Statistik zeichnet ein Stimmungsbild, das den Stellenwert der Ressource Wasser für das Nationalbewusstsein deutlich macht.

"Doch in Österreich gibt es große Unterschiede bei der Verfügbarkeit und Qualität von Wasser“, sagt der Geologe Robert Spendlingwimmer. Er forscht am Austrian Institute of Technology AIT in Seibersdorf an der Erschließung und Bewertung von Wasservorkommen. "Es gibt durchaus auch in Österreich Wassermangelgebiete, etwa im Wein- und Mühlviertel. Wasserleitungen über 60 Kilometer sind da keine Seltenheit.“ Spendlingwimmer erwartet, dass es durch den Klimawandel zu einer weiteren Verknappung kommt. "In mehr Regionen als bisher wird künstliche Bewässerung notwendig sein. Nicht überall kann dafür Flusswasser entnommen werden. Manchmal wird man auf Grundwasser zugreifen müssen und kommt dann in Konflikt mit der Wasserversorgung.“

Interessenkonflikte sind bei der Wassernutzung ein wiederkehrendes Thema. "Es gibt Regionen, wo die intensive Landwirtschaft Probleme bereitet“, sagt Spendlingwimmer. "Immer wieder werden bestimmte Agrarchemikalien verboten, dann tauchen neue Substanzen auf, und in wenigen Jahren kann man die dann im Trinkwasser nachweisen.“ Die strengen Grenzwerte für die Wasserqualität können dabei nicht immer eingehalten werden. "Hier gibt es oft Ausnahmeverordnungen, weil viele Gemeinden nicht in der Lage sind, das völlig zu eliminieren. Im Moment werden etwa 200.000 Österreicher mit Wasser versorgt, das Pestizide enthält. Das sind cancerogene, zum Teil mutagene und hormonell wirksame Substanzen.“

An neuen Techniken zur Wasserreinigung wird intensiv geforscht. "Beim Abwasser sind durch neue Membranfilter große Fortschritte erzielt worden“, sagt Herwig Waidbacher, Professor für Wasser, Atmosphäre und Umwelt an der BOKU Wien. Selbst Schwermetallpartikel im Nanometer-Bereich können diese Membranen zurückhalten. Eine weitere Bedrohung geht aber von endokrinen Disruptors aus, die erst in jüngster Zeit in den Fokus der Forschung gelangt sind. Diese im Wasser gelösten Chemikalien beeinflussen das Hormonsystem des Menschen und stehen im Verdacht, Unfruchtbarkeit bei Menschen und Tieren zu verursachen.

Wasser weist eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit auf. So erklärt Herwig Waidbacher: "Die Selbstreinigungskraft des Wassers beruht auf den Biofilmen, die an den Oberflächen der Sedimentkörper mit dem Wasser in Kontakt sind. Diese Mikroorganismen können auch sehr kritische Substanzen zwar nicht abbauen, aber sehr effektiv binden.“ Dabei spielen die Beschaffenheit des Bodens eine Rolle und die Zeit, die das Wasser im Kreislauf verbringt.

Robert Spendlingwimmer verfolgt daher den Isotopengehalt von verschiedenen Wasserkörpern. "Isotope dienen als Marker, mit denen man die Verweilzeiten sehr genau messen kann. So lassen sich Prognosen erstellen, wie lange man mit giftigen Substanzen im Untergrund kämpfen muss. Bei sehr seichten Grundwasserleitern können das wenige Monate sein; dagegen gibt es beispielsweise im Seewinkel Grundwasservorkommen, die bis zu 10.000 Jahre altes Wasser führen.“

Herwig Waidbacher meint, dass sich das Bewusstsein für die Ressource Wasser in den letzten Jahrzehnten stark verbessert hat. "Seit den Sechzigerjahren wurden auf diesem Gebiet massive Investitionen getätigt, vor allem mit Seesanierungskonzepten.“ Phospate wurden aus Waschmitteln beseitigt, aufwendige Ringkanalisationen gebaut, Abwässer gezielt in große Kläranlagenkomplexe geleitet. Die Positionierung Österreichs als Tourismusland mit viel unberührter Natur habe dieses Umdenken entscheidend beeinflusst.

Strom aus Wasserkraft gilt als Musterbeispiel für "saubere“ Energie. "Trotzdem ist die Errichtung eines Wasserkraftwerkes ein massiver Eingriff in das Ökosystem“, betont Robert Spendlingwimmer. "Wir haben bei der Wasserkraft schon jetzt eine sehr hohe Ausbaudichte - und vieles liegt noch in den Schubladen. Gegen einen weiteren Ausbau spricht das ökologische Interesse: Man sollte gewisse Restwassermengen in den Flüssen erhalten. Auf dem Stromsektor gibt es auch noch ein riesiges Einsparungspotenzial. Bevor man das nicht angeht, ist der Ausbau der Wasserkraft zweitrangig.“

Weitreichende Eingriffe in die Natur sind schon seit dem Beginn des Industriezeitalters geschehen - teilweise mit ungeahnten Spätfolgen, wie sie momentan im Nationalpark Donauauen zu beobachten sind: Dort erodiert das Flussbett der Donau pro Jahr um etwa zwei Zentimeter.

Verantwortlich ist die mangelnde Zufuhr an Geschiebe - kleinen Steinchen, die sich am Flussbett bewegen. Die Staustufen und Regulierungen im Stadtgebiet und flussaufwärts halten dieses Material zurück.

Die Folge ist eine fortschreitende Entkopplung von Fluss und Ökosystem. "Bei der gegenwärtigen Rate wird nach unseren Prognosen der Auwald in hundert Jahren völlig austrocknen“, warnt Helmut Habersack. Der Universitätsprofessor für Wasserbau leitet seit 2010 in Wien ein Christian-Doppler-Labor für Fließgewässermonitoring.

Im Rahmen des Flussbaulichen Gesamtprojektes (FGP) arbeitet er an Reparaturmöglichkeiten für das gefährdete Ökosystem. Dabei geht es darum, die Au zu erhalten, den Hochwasserschutz zu sichern und gleichzeitig eine gewisse Wassertiefe für die Schifffahrt zu garantieren. Habersack und seine Mitarbeiter entwickeln zur Zeit integrierte Computermodelle, in denen Sedimentbewegungen, Strömungsdaten und die Ansprüche der etwa sechzig in der Donau vorhandenen Fischarten miteinander kombiniert werden sollen.

Vielversprechend erscheint eine granulometrische Sohlverbesserung - das zusätzliche Einbringen von Schotter mit einer bestimmten Korngröße. "Wir haben Kunststeine gebaut und mit Sendern versehen, sodass wir ihre Bewegung über ein Jahr hinweg beobachten konnten. Nach unseren Ergebnissen muss man nicht befürchten, dass diese Steine ein fixer Panzer werden und den Austausch zwischen Fluss- und Grundwasser verhindern würden. Sie sind aber trotzdem groß genug, damit sie weniger schnell und weniger weit weggeschwemmt werden.“

Wenn die Erosion nicht bald gestoppt werden kann, droht ein sogenannter Sohldurchschlag - das Flussbett könnte auf die darunterliegende Schicht durchbrechen. Statt der Au gäbe es dann einen Canyon, bis zu zehn Meter tief und 80 Meter breit. Verursacht werden könnte das im Extremfall durch ein einziges Hochwasserereignis. "Wenn der Sohldurchschlag einmal passiert ist, wird es zu spät sein“, sagt Habersack. "Das Einbringen von Kies wäre dann nur noch Kosmetik, aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu rechtfertigen. Die letzte verbleibende Lösung wäre, den Fluss zu stauen und ein Kraftwerk hinzustellen.“

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