Wie groß ist Ihr Ökologischer Fußabdruck?

Martina Weinbacher | aus HEUREKA 2/11 vom 25.05.2011

Jeder von uns hinterlässt einen persönlichen Ökologischen Fußabdruck oder trägt einen Ökologischen Rucksack. 15 Kilogramm pro Tag stünden uns daraus zu. 88 Kilogramm verbraucht ein US-Amerikaner

Die Schlacht um die Ressourcen hat begonnen. Derzeit verbraucht die Menschheit jährliche sechzig Milliarden Tonnen an Rohstoffen. Das sind rund fünfzig Prozent mehr als noch vor dreißig Jahren und entspricht dem Gewicht von 41.000 Empire-State-Buildings, errechnete das Forschungsinstitut SERI (Sustainable Europe Research Institute).

Besonders die Industrieländer, allen voran Europa und die USA, bedienen sich der biotischen und abiotischen Rohstoffe in überschwenglicher Weise. Einwohner reicher Länder konsumieren bis zu zehnmal mehr natürliche Ressourcen als jene der ärmsten Länder.

Auch der technische Fortschritt konnte den Ressourcenverbrauch des globalen Wirtschaftssystems nicht senken. Um einen Euro Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften, benötigt die Weltwirtschaft zwar heute rund dreißig Prozent weniger Rohstoffe als noch vor dreißig Jahren. Trotzdem steigt der Verbrauch seit der industriellen Revolution stetig.

"Es gibt einen regelrechten Run auf Rohstoffe wie Coltan und Lithium, die man für die Herstellung von Handy, Laptops und anderen elektronischen Geräten braucht“, sagt Lisa Kernegger, Ökologin und Mitarbeiterin bei Global2000. "Jeder will sich den Zugang zu den Märkten sichern.“ Dabei ist die globale Verteilung des Verbrauchs nicht gerecht. "Würden alle so leben wie die Menschen in den Industrieländern, bräuchten wir drei Planeten von der Qualität der Erde.“

Mittlerweile ist nicht mehr nur der Norden gierig auf Rohstoffe, Entwicklungsaufsteiger wie China und Indien wollen ihren Teil vom Kuchen. Durch neue Produktionsbedingungen ändert sich auch in diesen Ländern der Ressourcenverbrauch.

Das Aufsteigen der Entwicklungsländer verschärft die Ressourcensituation und verdeutlicht die tiefer liegende Problematik: Das derzeitige Wirtschaftssystem verbraucht zu viele Rohstoffe und ist deshalb nicht globalisierbar.

"Die Menschheit lebt heute im Overshoot“, sagt Wolfgang Pekny von der Plattform Footprint. Das bedeutet, weltweit werden mehr Ressourcen entnommen als nachwachsen. Gleichzeitig entstehen zu viele Schadstoffe, die nicht abgebaut werden. "Wir leben vom Kapital selbst und nicht von den Zinsen, um es in der Sprache der Wirtschaft zu sagen.“ Zentrale globale Aufgabe sei es, dieser Übernutzung ein Ende zu machen. "Sonst ist ein gutes und gesundes Leben auf der Erde schon in einigen Jahrzehnten nicht mehr möglich.“

Eine soeben veröffentlichte Studie vom Institut für Höhere Studien (IHS) belegt das in Zahlen. Die Verfasser der Studie "Energy (R)evolution 2050“ ziehen Vergleiche aktueller Energieprognosen heran, die von internationalen Organisationen wie der OPEC und der Internationalen Energieagentur IEA erstellt wurden. Diese ergeben einen deutlichen Anstieg des globalen Energiekonsums, wenn keine drastischen Änderungen in der Energiepolitik eintreten. Bei einem "Current Policy Scenario“ steigt die Primärenergienachfrage laut IEA im Zeitraum von 2008 bis 2035 über 47 Prozent. Das würde einen Anstieg der CO2-Emissionen auf 42,6 Gigatonnen und eine Erderwärmung von etwa vier Grad Celsius bedeuten.

Die zunehmende Umweltverschmutzung führt nicht nur zu Umweltproblemen, sondern hat auch drastische soziale Auswirkungen: Es kommt zu Völkerwanderungen aufgrund von Überflutungen und Dürren, zur zunehmenden Verstädterung und steigender Kriminalität, wenn etwa Güter knapp werden.

Laut Bernhard Felderer, Direktor des IHS, könnte Österreich bis 2050 eine Halbierung des Energieverbrauchs sowie eine Reduktion der CO2-Emissionen von mehr als 90 Prozent schaffen. Bei diesem Szenario müssten 85 Prozent der benötigten Energie aus erneuerbaren Energiequellen kommen. Dies ist laut der Studie mit dem derzeitigen Stand der Technik machbar.

Damit ökologische Berechnungen überhaupt möglich werden, ist eine ökologische Kostenwahrheit nötig. Dazu wird Informationsmaterial gebraucht. Ein international anerkanntes Maß für den Naturverbrauch ist der Ökologische Fußabdruck, der mittlerweile für rund 180 Länder erstellt wird.

Ausgehend von der Einwohnerzahl der Erde wird errechnet, wie viel jeder an Platz in Global Hektar (1 gha = 10.000 m² mit global durchschnittlicher Biokapazität) zur Verfügung hat, um seine täglichen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne das globale ökologische Gleichgewicht negativ zu beeinflussen. Je größer der Footprint, desto stärker wird die Umwelt beansprucht.

Zur Herstellung von Produkten und für Serviceleistungen, die der Einzelne konsumiert, wird ein gewisser Anteil an bioproduktiver Fläche gebraucht. Da weltweit nur eine begrenzte Fläche verfügbar ist, muss die Nutzung dieser eingeteilt und gerecht verteilt werden.

Auf www.mein-fussabdruck.at, einer Seite des Lebensministeriums, kann man seinen eigenen Fußabdruck erstellen und herausfinden, wie stark der persönliche Lebensstil die Umwelt beeinträchtigt.

Aus den Sparten Wohnen, Ernährung, Mobilität und Konsum wird eine Gesamtgröße errechnet. Eine ähnlich etablierte Kennzahl, die den Ressourcenverbrauch durch eine andere Berechnungsmethode darstellt, ist der Ökologische Rucksack.

Auch dieser zeigt aktuelle globale Schieflagen auf: So konsumiert ein Durchschnitts-US-Bürger derzeit 88 Kilogramm an Ressourcen pro Tag. Ein Afrikaner hingegen nur zehn Kilogramm. 15 Kilogramm täglich wären laut Ökologischem Rucksack pro Person weltweit möglich.

"Nachhaltige Kennzahlen und Indizes sind unumgänglich, um ökologische und soziale Lenkungsmechanismen in die wirtschaftliche Gesamtrechnung einzubeziehen“, sagt Wolfgang Pekny.

Er geht davon aus, dass das Errechnen von nachhaltigem Datenmaterial in Zukunft weitgehend in den Wirtschaftskreislauf integriert wird: "Irgendwann wird das in den Aufgabenbereich der Buchhalter übergehen. Mit jedem gekauften Bleistift wird dieser wissen, wie viel Wasser, Fläche und Bäume er gleichzeitig verbraucht.“

"Derzeit gibt es bei Firmen einen Wildwuchs von Labels für Nachhaltigkeitsbilanzen. Wir hoffen, dass die EU hier regelnd eingreift“, sagt der wissenschaftliche Leiter des SERI, Friedrich Hinterberger. "Nur ein Drittel der Maßnahmen der österreichischen Klimastrategie von 2002 wurden umgesetzt“, sagt die Ökologin Lisa Kernegger. "Grund dafür ist der mangelnde politische Wille.“

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige