Interdisziplinäre Forschung

Verliebtsein in die eigene Hypothese ist kurzsichtig

Sonja Dries | aus HEUREKA 2/11 vom 25.05.2011

In Wien gibt es eine neue interdisziplinäre Forschungs-plattform. Sie folgt einer Forderung von Carl Djerassi

Ob Interdisziplinarität ohne intellektuelle Promiskuität überhaupt möglich ist?“ fragte Carl Djerassi im Rahmen der IDee Lecture, einer neuen Vortragsreihe des interdisziplinären Dialogforums, in Wien.

Für Djerassi, emeritierter Professor für Chemie an der Stanford University, Schriftsteller und Dramatiker, der sich selbst als "intellektuellen Polygamisten“ bezeichnet, war dies klar zu verneinen. Interdisziplinarität hatte bei seinen naturwissenschaftlichen Forschungen große Bedeutung. Er verband vor allem Chemie, Biologie und Technologie, um maßgeblich an der Entwicklung der ersten Antibabypille mitzuwirken.

Außerdem war die Überschreitung von Fachgrenzen im Bezug auf seine Karriere als Dramatiker sehr wichtig. In zahlreichen seiner Theaterstücke verschmelzen Kunst und Naturwissenschaft zu Dramen über künstliche Befruchtung, mathematische Formeln und chemische Prozesse.

In Zusammenarbeit mit Chemie-Nobelpreisträger Roald Hoffmann entstand das Stück "Oxygen“. Darin steht der Streit zwischen den Chemikern Scheele, Priestley und Lavoisier im Mittelpunkt, die sich jeweils als Entdecker des Sauerstoffs bezeichneten. Der interdisziplinäre Höhepunkt war für Djerassi die Inszenierung des Stückes als Kammeroper durch den Komponisten Werner Schulze.

"Radikal interdisziplinär“ nennt Markus Peschl vom Institut für Philosophie der Universität Wien eine neue, von ihm und Helmut Leder geleitete Forschungsplattform.

Der Name der neuen Plattform lautet "Cognitive Science: Entwicklung der Kognition“. Peschl und Leder, Vorstand des Instituts für psychologische Grundlagenforschung an der Uni Wien, widmen sich im Rahmen der neuen Forschungsplattform dem menschlichen Wahrnehmungs- und Denkapparat. Verschiedene Wissenschaften wie Neurobiologie, Psychologie, Philosophie, Linguistik und Kunstgeschichte sollen sich in einem Dialog verbinden.

Peschl und Leder wollen neuen Raum für die Kognitionsforschung schaffen und ein "Wiener Profil der Cognitive Science“ entwickeln.

Die momentan für drei Jahre geplanten Forschungsarbeiten umfassen drei Themenbereiche.

Im ersten Jahr soll "Kognition und Kunst“ im Vordergrund stehen. So wird beispielsweise mit einer Eye-Tracking-Maschine untersucht, worauf wir bei Kunstwerken achten und wie unser Blick über Bilder schweift.

Das bessere Verstehen der menschlichen Kognition im Vergleich mit der tierischen soll als zweiter Schwerpunkt in die Plattform einfließen. Abgerundet wird das Spektrum mit dem Thema "Kognition, Sprache und Kreativität“, also etwa auch der Frage, wie Wissen entsteht.

Ausgangspunkt der Plattform war das interdisziplinäre Joint-Degree-Studium MEi:CogSci. Das Masterprogramm der Kognitionswissenschaften wird von den Universitäten Wien, Bratislava, Zagreb, Budapest und Ljubljana angeboten. Studierende des MEi:CogSci werden in die Arbeit der Forschungsplattform eingebunden.

"Das Verlieben in die eigene Hypothese, die einen alle anderen wissenschaftlichen Fakten ignorieren lässt“, ist für Carl Djerassi die schlimmste intellektuelle Krankheit. Interdisziplinarität ist für ihn heute aus guter Forschung nicht mehr wegzudenken.

Informationen zur Forschungsplattform Cognitive Science: http://cogsci.univie.ac.at

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