Was am Ende bleibt

Der letzte Tropfen Öl

Erich Klein | aus HEUREKA 2/11 vom 25.05.2011

Identität verlangt nach griffigen Formeln. Das Bedürfnis danach scheint in Österreich nicht mehr vorhanden zu sein. AEIOU - "Alle Erde ist Oesterreich untertan“ wurde verschämt in der Ramschkiste der Kulturgeschichte abgelegt, kein Volksschüler kennt das mehr. Am ehesten passt noch "Die Donau fließt ins Schwarze Meer“. Die Komplexität der Idylle übersteigt nicht den Geografieunterricht nach Seydlitz - vielleicht der Grund, warum einige an der "Donau-Strategie“ der EU derart großen Gefallen finden.

Die letzte populäre Formel, in der es ums "Eingemachte“ ging, verdient erinnert zu werden, weil sie mit einem demnächst anstehenden Gedenktag zu tun hat: Vor siebzig Jahren, am 22. Juni 1941, überfiel NaziDeutschland die Sowjetunion. Hitler, im üblichen Gaunerjargon: "Wenn Barbarossa steigt, hält die Welt den Atem an.“

Das tat sie - allein Russland war in der Folge um 30 bis 40 Millionen Kriegstote ärmer, das Land ausgeplündert. Auch die anderen "Ergebnisse“ sind bekannt. Bruno Kreisky sagte dazu: "Deutsche und Österreicher marschierten bis Moskau, sie brauchten sich nicht wundern, dass Stalin nach Berlin und Wien kam.“ Allerdings war es weder diese Denkfigur noch die Frage, ob Österreich Hitlers "erstes Opfer“ war, was das Land beschäftigte - austriakisch bedauerte man jahrzehntelang: "Wären die Russen nicht gekommen, hätten wir Öl bis 2012 gehabt.“

Damit war klar, auf wessen Seiten man im Kalten Krieg stand. In der Studie "Die sowjetische Mineralölverwaltung in Österreich“ des Grazer Historikers Walter M. Iber steht dazu alles: Über die Entdeckung der Ölfelder in den Zwanzigerjahren, Shell und die internationalen Konsortien; Göring sah in Niederdonau schon ein "zweites Pennsylvania“. "Bei Kriegsende war Österreich neben der UdSSR und Rumänien das drittgrößte Erdölförderland in Europa.“

Nach anfänglich sinnlosen Demontagen schafften die Sowjets später amerikanische Bohranlagen heran - allerdings floss das schwarze Gold ins Paradies der Werktätigen.

Insgesamt hatten die Reparationen einen Gegenwert von 16 Milliarden Dollar - ungefähr jene Summe, die der Marshall-Plan für Österreich betrug. Der letzte Tropfen Öl floss erst 1963, lange nach dem Staatsvertrag, nach Russland. Um eine Frage der Identität handelte sich dabei nicht mehr.

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