Der neue Blick auf "Behinderung“

Verena Ahne | aus HEUREKA 3/11 vom 22.06.2011

Die Forschungsgruppe DISTA (Disability Studies Austria) stellt unser Konzept von "Behinderung“ in Frage

Gauvin (10) ist ein Wunschkind. Seine Mütter, ein lesbisches Paar im amerikanischen Bethesda, hatten sich ein Baby gewünscht, das sein sollte wie sie selbst. Gehörlos. Sie baten einen Freund um eine Samenspende, der in fünfter Generation gehörlos ist. Gauvin wurde wie vor ihm seine Schwester Jeheanne mit schweren Gehörschäden geboren. Er wächst in einer eigenen Welt heran: jener der selbstbewussten Gehörlosen-Gemeinschaft "Deaf“ (engl. für taub), die "Taubheit“ nicht als Behinderung empfindet, sondern als Teil ihrer kulturellen Identität.

In Spanien erhielt Pablo Pineda vor zwei Jahren eine Anstellung als Lehrer. Pineda wurde mit Down-Syndrom geboren. Doch seine Eltern haben ihn von Anfang an wie ein "normales“ Kind behandelt. Mit vier Jahren konnte er lesen, hat, wie 85 Prozent aller Kinder mit Down-Syndrom im sonderschulfreien Spanien, eine Regelschule besucht und schließlich studiert.

Gauvin wie Pablo haben große mediale Aufmerksamkeit erregt - symptomatisch für eine Welt, die "Behinderung“ als etwas zu Vermeidendes sieht (Pränataldiagnostik), aus medizinischer Sicht als zu Behandelndes, aus Bildungsperspektive als Sonder(schul)fall.

Aus einer Bewegung, die sich seit Jahrzehnten gegen diese Sichtweise auflehnt, ist in den Achtzigerjahren im angloamerikanischen Raum eine Forschungsrichtung entstanden: Disability Studies (DS). Sie kehrt die Frage der "Behinderung“ um: Nicht die betroffene Person ist behindert, sie wird behindert: von der Gesellschaft mit ihren Normvorstellungen, von räumlichen Gegebenheiten, von der Politik.

DS wollen einen Perspektivenwechsel: Nicht die "Behinderung“ steht im Zentrum des Interesses, sondern der gesellschaftliche Umgang damit: Was verhindert eine gleichwertige Behandlung, eine gleichwertige Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, wie es die UN-Konvention der "Rechte von Menschen mit Behinderung“ aus 2006 festschreibt?

Noch existiert in Österreich beides nicht: Mit einem Chromosomensatz wie Pablo Pineda hat man kaum die Chance, geboren zu werden. Wer sich beim Lernen schwer tut, kommt in Sonderschulen. Wer im Rollstuhl sitzt, steht hilflos vor Treppen zu Schulen und Hörsälen. "Dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen nicht gleichmäßig in allen gesellschaftlichen Gruppen anzutreffen sind“, sagt die Soziologin Angela Wegscheider von der Johannes Kepler Uni Linz, "ist nicht auf ihre mangelnden Fähigkeiten zurückzuführen, sondern auf gesellschaftliche Barrieren“.

Im Rahmen der DS sollen die Mechanismen der Ausgrenzung herausgearbeitet, hinterfragt und verändert werden. Eine Querschnittmaterie: Es gilt im Architekturstudium Behinderung ebenso mitzudenken wie in der Pädagogik, historische Entwicklungen und gesellschaftliche Positionen aufzuarbeiten - bis hin zu einer kritischen Beleuchtung von Medizin und Biologie.

"DS haben einen starken emanzipatorischen Hintergrund“, so Wegscheider, die über Behindertenpolitik in Österreich dissertiert hat. "Sie sollen für die Menschen da sein.“ Und auch von den Betroffenen selbst gemacht werden.

Diesbezüglich ist Österreich ein Entwicklungsland. Mittlerweile gibt es die Forschungsgruppe DISTA (Disability Studies Austria), von Menschen "mit sehr unterschiedlichem akademischen Hintergrund“, so eine ihrer Proponentinnen, die Politikwissenschafterin Ursula Naue von der Uni Wien. DISTA hat eine Ringvorlesung initiiert, die im Herbst in Linz startet. Daraus, so hofft Naue, sollte ein Lehrstuhl erwachsen, vielleicht sogar ein Institut.

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