Was tut die Wis senschaft für uns?

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 3/11 vom 22.06.2011

Menschen mit besonderen Bedürfnissen werden als "Behinderte“ bezeichnet. Dabei behindert die Achtlosigkeit der Gesellschaft sie in ihren Lebensvollzügen

Im Wintersemester 2009 waren 16.000 Studierende an der Uni Wien zugelassen. 530 von ihnen - etwa 0,6 Prozent - ließen sich aufgrund einer "Behinderung“ oder Krankheit vom Studienbeitrag befreien. So steht es in der Broschüre "Barrierefrei studieren“ des student point. Dort heißt es außerdem, dass die Dunkelziffer der tatsächlich physisch und psychisch beeinträchtigten Studierenden höher liege, da sich nicht alle vom Studienbeitrag befreien ließen.

Die Uni Wien und ihre Angestellten

In einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung von 2006 zur sozialen Lage gesundheitlich beeinträchtigter Studierender wird ihre Größe mit 20,7 Prozent angegeben. Inkludiert sind Studierende mit besonderen Bedürfnissen, chronischer Krankheit und sonstiger gesundheitlicher Beeinträchtigung. Darunter fallen auch Studierende mit Allergien - mit 14 Prozent die größte Gruppe.

Für Studierende mit besonderen Bedürfnissen gibt es keine Quote. Für das Universitätspersonal sehr wohl. Diese Quote ist im "Behinderteneinstellungsgesetz“ festgeschrieben. Es sieht vor, dass alle Dienstgeber, die 25 oder mehr Dienstnehmer beschäftigen, pro 25 Personen einen "begünstigten Behinderten“ (eine Person mit einem amtlich festgestellten Grad an besonderen Bedürfnissen von über 50 Prozent) einstellen müssen. Die vom Gesetz vorgeschriebene Quote beträgt also vier Prozent.

Bei den 8900 Beschäftigten der Uni Wien beträgt die Gesamtquote begünstigter Menschen mit besonderen Bedürfnissen derzeit 0,7 Prozent: bei den 392 Professoren Null Prozent, beim gesamten wissenschaftlichen Personal 0,16 Prozent (elf Personen von rund 6700) und beim allgemeinen Personal 2,2 Prozent (52 Personen von rund 2300).

Lieber Strafe zahlen als anstellen

Die Uni Wien verhält sich wie die Mehrzahl der Dienstgeber: Sie zahlt lieber die Ausgleichstaxe, als dass sie die Quote erfüllt. Die Strafhöhe wurde für Betriebe mit mehr als 400 Angestellten per 1. Jänner um fünfzig Prozent erhöht- von 223 Euro auf 336 Euro. Zahlbar pro fehlender Person pro Monat. Würde die gesetzliche Quote eingehalten, gäbe es an der Uni Wien 250 wissenschaftliche Angestellte mit besonderen Bedürfnissen - statt elf. Doch selbst wenn die Uni die Quote erfüllen würde - ein repräsentativer Anteil wäre auch das nicht. Denn der Anteil von Menschen mit besonderen Bedürfnissen an der Gesamtbevölkerung beträgt je nach Definition 10 bis 15 Prozent.

Laut Gesundheitsstatistik 2009 der Statistik Austria beträgt die Zahl der Menschen mit besonderen Bedürfnissen "im engeren Sinn (länger als sechs Monate beeinträchtigt) in Österreich 633.000 Personen bzw. neun Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren. [...] Eine Behinderung im weiteren Sinn weisen rund eine Million Menschen auf. Insgesamt weisen also rund 1,6 Mio. Menschen dauerhafte Beeinträchtigungen unterschiedlichen Grades auf.“

Diese Beeinträchtigungen reichen von Problemen bei der Mobilität bis hin zu Problemen beim Sprechen. In einer anderen, 2007 im Auftrag des Sozialministeriums erstellten Studie verwendete die Statistik Austria eine weiter gefasste Definition von Beeinträchtigung. Diese reichte von leichter Sehbeeinträchtigung bis zu völliger Immobilität. So kam man auf eine Zahl von 1,7 Millionen Menschen, die sich als "dauerhaft eingeschränkt“ bezeichnen. Am häufigsten waren Probleme in der Beweglichkeit, wovon eine Million Menschen (13 Prozent) betroffen sind.

Nur zwei Anfragen in einem Jahr

Der Verhaltensbiologe Friedrich Ladich ist seit Mai vorigen Jahres Vertrauensperson für Menschen mit besonderen Bedürfnissen für das wissenschaftliche Personal der Uni Wien. Zwei Anfragen wurden bisher an ihn gerichtet. Bei der ersten ging es um die Finanzierung Lehrbeauftragter mit besonderen Bedürfnissen. Die zweite Anfrage betraf die Begünstigungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen und chronisch Kranke. Eine der Begünstigungen für Arbeitnehmer mit besonderen Bedürfnissen in Österreich ist ein je nach Prozentsatz der "Behinderung“ erhöhter Urlaubsanspruch.

In der am 18. November 2010 beschlossenen Satzung zur Gleichstellung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen an der Uni Wien ist von "Personen mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung“ die Rede.

Friedrich Ladich, der selbst aufgrund einer Polioerkrankung beim Gehen eingeschränkt ist, stört am meisten das Nichteinhalten der Quote: "Papier ist geduldig, Satzungen sind geduldig - ich aber bin ungeduldig! Ich bin müde, irgendwelche Listen und Änderungspläne zu besprechen, weil ich weiß, dass die nächsten zehn Jahre nichts passiert. Es endet immer in nebulosen Satzungsparagrafen.“ Paragraf 6 der Satzung etwa besagt, dass die ‚Zielsetzungen zur Verbesserung der Situation’ ‚im Entwicklungsplan festgelegt’ sind. "Was soll man mit so einem Satz anfangen?“, fragt sich Ladich. "So etwas wird bestenfalls abgenickt und dann vergessen. Gremien sind geduldig. Ich persönlich wünsche mir eine aktive Aufnahmepolitik, die zu einer Erhöhung der Quote führt. Einen behinderten Nobelpreisträger nimmt jeder gerne, aber ist das schon Politik?“

Das Quotendefizit soll nach außen transportiert werden, indem es in die Stellenausschreibungstexte hineingenommen wird - wie der Satz zur Erhöhung des Frauenanteils. "So einen Halbsatz sollte es auch für Uni-Angestellte mit besonderen Bedürfnissen geben“, sagt Ladich. "Ich habe das auch in Gremien gefordert, jedoch ohne Erfolg, wie neueste Stellenausschreibungen zeigen. Nicht einmal die Implementierung eines solchen Halbsatzes schaffe ich in meiner Funktion. Nicht um Goodwill zu zeigen, sondern nur, um die Gesetze einzuhalten! Ich hoffe, dass das noch passiert.“

In Österreich bloß Bittsteller

Die Politikwissenschafterin Ursula Naue von der Uni Wien wacht über die Einhaltung der Rechte von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Sie ist Mitglied im Unabhängigen Österreichischen Monitoring-Ausschuss zur Überwachung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. "Der Begriff Monitoring ist problematisch“, erklärt Naue: "Unsere Aufgabe ist es, zu überwachen, was sich tut und ob sich etwas tut. Wir haben aber keine Möglichkeit, konkret in die Politik gestaltend einzugreifen. Wir können nur Empfehlungen abgeben - und hoffen, dass eine NGO eine unserer Ideen aufgreift.“

Viele Staaten haben die UN-Konvention zwar unterzeichnet, aber vergleichsweise wenige haben sie auch ratifiziert, also in nationalstaatliche Gesetze gegossen. In Österreich war das mit der Etablierung des Monitoring-Ausschusses zwar sehr früh der Fall, doch dafür sind dem Monitoring-Ausschuss konkret politisch buchstäblich die Hände gebunden.

In Deutschland ist für das Monitoring das Institut für Menschenrechte zuständig. "Dieses Institut hat nicht nur ein großes Budget, sondern auch Angestellte“, sagt Ursula Naue. "Wir im österreichischen Monitoring-Ausschuss arbeiten ehrenamtlich; nur die Vorsitzende erhält eine Entschädigung. Das hat schon zu Debatten geführt, wie wir nach außen hin auftreten. Es gab Stimmen, die meinten, dass ehrenamtliche Tätigkeit zwar schön und gut sei, aber wie ernst wird sie genommen?“ Das Problem ist, dass die Konvention zwar ratifiziert sei, die Umsetzung aber dennoch in vielen Bereichen zu wünschen übrig ließe.

Sonderschulen: eigentlich verboten

Ursula Naue nennt ein Beispiel: "Die Existenz von Sonderschulen widerspricht der UN-Konvention. Aber das kann man nicht von heute auf morgen ändern. In Österreich mit seiner föderalen Struktur ist es besonders schwierig, Änderungen im schulpolitischen Bereich umzusetzen. Man müsste das Schulsystem so verändern, dass man keine Sonderschulen braucht. Aber da gibt es ein großes Manko: Der Wille zur Abschaffung der Sonderschulen ist derzeit noch sehr schwach ausgeprägt. Es gibt die unterschiedlichsten Bedürfnisse - Seh-, Körper- und Lernschwächen - und das alles wird immer im Sinne einer einzigen Gruppe, der Gruppe der ‚Behinderten’, abgehandelt. Man sollte aber zusehen, dass jeder ins Bildungssystem hineinkommt!“

Dass dies funktionierten kann, zeigen der schulische und universitäre Werdegang von Wolfgang Nowak und Volker Schönwiese.

Bildungsbereich: harte Verhältnisse

Schönwiese, Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Innsbruck, erkrankte mit zehn Jahren an Polyarthritis, die zu einer dauerhaften Beeinträchtigung führte. Das Gymnasium besuchte er als teilweise integrierter Externist. "Als Externist wurde ich zu Hause von Privatlehrern unterrichtet, war aber formell einer Schulklasse zugeordnet und bekam von Schülern regelmäßig Lehrstoff und Unterstützung. Jedes Trimester wurde ich über jeden Gegenstand von den Professoren meiner Klasse geprüft, großteils zu Hause; wenn ich wieder einen Krankheitsschub hatte, auch im Bett liegend. - Eine sehr ungewöhnliche Konstellation.“

Sein Studium der Psychologie und Pädagogik absolvierte Volker Schönwiese in den Siebzigerjahren in Innsbruck, unter extrem schwierigen Verhältnissen, wie er betont. "Ich war aber euphorisch genug, für alle Probleme persönliche Lösungen zu finden. Heute gibt es eine bestimmte Unterstützungsstruktur an den Hochschulen und Universitäten in Form von Behindertenbeauftragten, und Barrierefreiheit ist ein erklärtes Ziel - jenseits dessen, was davon schon umgesetzt ist.“

Experten in eigener Sache

Auch Wolfgang Nowaks Bildungsweg entspricht mehr der Ausnahme als der Regel. "Ich ging in eine öffentliche Schule in der Ungargasse - als erster Blinder“, sagt der jetzige Dissertant. "Dabei erhielt ich viel Unterstützung durch Kollegen und Freunde. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe - in einem inklusiven Schulsystem die Schule zu besuchen und nicht separiert zu sein.“

Während seines Studiums der Philosophie, Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft arbeitete Nowak als Experte in der Behindertenvertretung mit. 2008 wurde er zur Vertrauensperson von Menschen mit besonderen Bedürfnissen für das allgemeine Universitätspersonal gewählt.

Der Satzungsteil zur Gleichstellung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen und/oder chronisch Kranken ist Nowak ein großes Anliegen. "Die Uni Wien ist die erste Universität, die die UN-Konvention auf diese Weise verankert hat“, berichtet er. "Erklärtes Ziel ist die Inklusion im gesamten Studien-, Lehr- und Forschungsbetrieb auf allen Ebenen. Hier sind wir Experten in eigener Sache!“ Die von Friedrich Ladich geäußerte Kritik der unerfüllten Quoten teilt auch Wolfgang Nowak.

Oft scheitere Inklusion an banalen Dingen, wie ein von Nowak geschildertes Beispiel zeigt: Die Getränkeauswahl eines Kaffeeautomaten für Studierende und Personal funktionierte mittels Sensortasten - eine Barriere für blinde Studierende.

"Wichtig ist daher die Sensibilisierung - das beginnt bereits zu funktionieren, das freut mich“, so Nowak. Besonders wichtig ist aber: "Beim Abbau von Barrieren dürfen keine neuen Barrieren entstehen!“

Die schlimmste Hürde für Wolfgang Nowak während seines Studiums war die Zeit: die Dauer, die er benötigte, Infos zu bekommen, an die andere sehr viel schneller herankommen. Um Bücher mit dem Computer mit Sprachausgabe und Braillezeile lesen zu können, müssen diese digitalisiert sein. Das dauert. "Trotzdem war das Studium für mich gut bewältigbar“, sagt Nowak. "Es gab eine große Kollegialität, ich war gut vernetzt.“

Behindernde Bedingungen

Barrierefreiheit ist Wolfgang Nowak ein Anliegen. In seinen beiden Dissertationen beschäftigt er sich mit diesem Thema. Auf der Philosophie schreibt er mit Bezug auf Otto Neurath und dessen Bildersprachen-System ISOTYPE, wie blinde Menschen an der visualisierten Welt teilhaben können. Im Rahmen seiner Politikwissenschafts-Dissertation arbeitet er an der Etablierung eines Blindenleitsystems für die Uni Wien. Bis zum Jahr 2013 soll dieses System umgesetzt sein.

Sowohl die Betroffenen als auch der Monitoring-Ausschuss kritisieren die Art und Weise, wie Menschen mit besonderen Bedürfnissen von der Politik gesehen werden.

"Es gab in den letzten Jahrzehnten einen Paradigmenwechsel weg von der medizinischen, individualisierenden Sichtweise hin zum sozialen Modell, das ein Defizit nicht am Einzelnen sieht, sondern in der Gesellschaft, im gesellschaftlichen Umgang“, erklärt Ursula Naue. Die Frage laute demnach, welche Barrieren es gibt, die dem Einzelnen die gleichberechtigte Teilhabe verwehren. Das soziale Modell stammt aus Großbritannien, wurde dann in den USA und in Skandinavien übernommen - und jetzt in Anfängen auch bei uns.

Dennoch überwiegt hierzulande noch immer der medizinische Blick. "In den Gesetzestexten herrscht der Bezug auf die Defizite vor. Um etwa bestimmte Zuwendungen vom Staat zu erhalten, wird man in eine Kategorie gepresst, die auf eine nicht nur vorübergehende Funktionsbeeinträchtigung abzielt. Behinderung wird also an einem bestimmten Menschen festgemacht, und nicht daran, dass dieser Mensch von der Gesellschaft durch Barrieren am selbstbestimmten und gleichberechtigten Leben behindert wird. Das ist ein ganz klar medizinischer Blick“, sagt Ursula Naue.

"Der Wandel ist in der Theorieentwicklung sehr weit gediehen, praktisch aber weder in erziehungswissenschaftlicher Forschung noch in der realen Bildungsentwicklung abgeschlossen“, meint Volker Schönwiese.

Persönliche Assistenz statt Heim

Ein weiteres Problem sei die Frage der Deinstitutionalisierung. "In Skandinavien gibt es fast keine Menschen in Behindertenheimen. In Österreich nimmt diese Tendenz sogar wieder zu! Das Problem ist auch hier der Föderalismus. Die Lösung wäre Persönliche Assistenz. Man muss weg von der Pflege-Vorstellung, wo der oder die Pflegende bestimmt, was der oder die zu Pflegende zu tun hat. Bei der Persönlichen Assistenz hat die Person, die etwas benötigt, die Kompetenz zu bestimmen, wer wann was mit ihr macht. Das ist der user centered approach.“ Manfred Srb vom Zentrum für Selbstbestimmtes Leben BIZEPS sagt dazu: "Selbstbestimmt leben ist untrennbar verbunden mit Persönlicher Assistenz!“

Auch die paternalistische, also herablassende Herangehensweise von Aktionen à la Licht ins Dunkel ärgert viele Betroffene. Manfred Srb sagt dazu: "Der ORF hat ein gestörtes Verhältnis zu Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Auf allen anderen Sendern gibt es immer wieder Sachsendungen, Dokus, WG-Porträts, Magazine, etc. Im ORF gibt es zu Weihnachten Licht ins Dunkel und zu Allerheiligen und am Muttertag etwas Rührseliges zum Thema Behinderung. Das ist unerträglich! Dagegen kämpfen wir schon seit über 30 Jahren an.“

Linktipps

www.monitoringausschuss.at ¦ www.bizeps.or.at

http://barrierefrei.studentpoint.at

http://bvp.univie.ac.at (Homepage der Behindertenvertrauensperson der Uni Wien)

http://dista.uniability.org (Disability Studies Austria)

Erster "World Report on Disability“, Juni 2011

www.who.int/disabilities/world_report/2011/en/index.html

www.who.int/features/factfiles/disability/facts/en/index.html

Veranstaltungshinweis

An der Johannes-Kepler-Universität in Linz wird es im Wintersemester 2011/12 die Ringvorlesung "Disability Studies in Österreich. Einführung und Überblick zur österreichischen Forschungslage“ geben. Vortragende sind u. a. Ursula Naue und Volker Schönwiese. Die Vorlesung ist eine erste gemeinsame Aktion des Netzwerks für Behinderungsforschung DISTA - obwohl die Finanzierung noch nicht gesichert sei, wie Volker Schönwiese sagt.

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