Des Kind lernt ned richtig

Anja-Marie Paul | aus HEUREKA 3/11 vom 22.06.2011

Was manchen als bloße Faulheit im Unterricht gilt, kann eine psychologische Störung sein. Lerntherapien sollen Kindern helfen und langfristige Leistungsstörungen verhindern

Menschen lernen von Geburt an. Ab dem Schuleintritt mit sechs Jahren wird Lernen in direkte Beziehung zu Leistung gesetzt und unterliegt Bewertungskriterien. Mangelnde und fehlende Leistungen werden dabei als Versagen wahrgenommen. Selten wird erkannt, dass hinter der mangelnden Leistung Störungen stecken können.

Lernstörungen sind "ein schwierig zu fassender Begriff“ meint Pia Deimann, Entwicklungspsychologin an der Uni Wien. Sie werden im internationalen Klassifikationssystem psychischer Störungen, dem ICD 10, nicht als eigenständige Kategorie geführt. Intelligenzminderungen (IQ unter 85) hingegen schon. Deimann grenzt diese deshalb von Lernstörungen ab.

Lernstörungen als Ursache

Lernstörungen gelten als psychologisch und neuropsychologisch bedingte Beeinträchtigungen. "Bei durchschnittlicher Begabung müssen ein oder mehrere Leistungsbereiche beeinträchtigt sein“, sagt Deimann. "Zu den Lernstörungen zählen Lese- und Rechtschreib- sowie Rechenstörung, hyperkinetische Störung (ADHS) und Problematiken, die sich auf Frustrationstoleranz und Leistungsmotivation beziehen. Etwa die Anstrengungsvermeidung.

Die Lese- und Rechtschreibstörung, die Rechenstörung und das ADHS sind durch standardisiertes psychologisches Vorgehen von klinischen Psychologen eindeutig diagnostizierbar. Als Behandlung der Wahl stellt sich für Lernstörungen eine psychologische Behandlung, zum Beispiel die Lerntherapie, dar.

Was ist Anstrengungsvermeidung?

Für die Anstrengungsvermeidung existiert im ICD 10 keine Störungskategorie. Die allgemeine Anerkennung als Beeinträchtigung und daher als behandlungswürdig ist nicht weit verbreitet. Das Konzept der Anstrengungsvermeidung sowie die entsprechende Behandlungsmethode der Lerntherapie basieren auf der Forschungsarbeit von Brigitte Rollett, emeritierte Entwicklungspsychologin an der Uni Wien.

Sie erklärt Anstrengungsvermeidung als Schutzfunktion des menschlichen Organismus vor Überlastung. "Neurotische Anstrengungsvermeidung ist durch das aktive Einsetzen von Vermeidungsstrategien gegenüber Anforderungen der sozialen Umwelt geprägt.“ Sie zeigt sich an Symptomen wie: Ein Kind wird für gut erbrachte Leistungen gelobt: "Als Reaktion sinkt seine Leistung rapide ab. Weiters zeigt kein Interesse oder Freude am Erfolg.“ Diese Kinder erbringen laut Rollett nur "ein minimales Maß an Anstrengung“. Bei geforderter Leistungserbringung "empfinden sie intensive negative Gefühle, die körperlichen Schmerzen gleichen können.“ Um Anstrengungsvermeidung diagnostisch erheben zu können, entwickelte Rollett gemeinsam mit Mathias Bartram von der Uni Osnabrück den Anstrengungsvermeidungstest AVT.

"Wenn der Betroffene in einem Schneckentempo arbeitet, das sich auch durch Anreize nicht ändert; wenn bestimmte Tätigkeiten stetig an andere delegiert, elaborierte Ausreden eingesetzt werden und unverhältnismäßiger Widerstand gegen Leistungserbringung geboten wird, z. B. toben, jammern, schimpfen“, sind das Anzeichen für Anstrengungsvermeidung. Diese Anzeichen stoßen meist auf "Unverständnis der Erwachsenen“.

Wie therapiert man sie?

Neurotische Anstrengungsvermeidung hat laut Rollett eine multifaktorielle Genese: dazu gehören Persönlichkeitsvariable und die individuelle Lerngeschichte, zu der auch das Erziehungsverhalten der Eltern zählt. Vor allem Zwang als Erziehungsmaßnahme könne die Ausübung von Tätigkeiten verderben.

Ausgehend von der Psychotherapie, deren Erfolg das Funktionieren von Lernprozessen voraussetzt, entwickelte Rollett die um die Integration des Leistungsaspekts und die dafür erforderlichen komplexen Lernprozesse erweiterte Lerntherapie."Eine gute Lerntherapie ermöglicht positive Lernerfahrungen.“

Die Lerntherapie verfolgt dabei das langfristige Ziel, "ein inneres Belohnungssystem zu etablieren“, sich eigene Ziele zu setzen, diese zu erreichen und sich von Rückschlägen nicht beeindrucken zu lassen.

"Jeder muss seinen eigenen individuellen Lernstil entwickeln dürfen“, sagt Rollet. Das geschieht durch konsequente Förderung der Kompetenzen und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. "Eine außerpsychologische Behandlung verfehlt dabei ihr Ziel“, ergänzt sie. Es reiche eben nicht, ein Lernprogramm durchzuführen. Der Beziehung zwischen Lerntherapeut und Betroffenen komme dabei eine besondere Bedeutung zu.

Allerdings ist das Angebot von Lerntherapien mit Vorsicht zu betrachten. Denn die Bezeichnung ist nicht geschützt. Rollett verweist auf die Gesellschaft für Lerntherapie. Diese stellt Listen von ausgewiesenen Lerntherapeuten zur Verfügung.

Ziele und Verfahren der Lerntherapie

Nadine Aigner und Sabine Kainz sind klinische Psychologinnen und Lerntherapeutinnen. Meistens kommen Eltern in ihre kinderpsychologische Praxis, weil deren Kinder Probleme beim Lesen und Schreiben haben, gefolgt von Rechenschwierigkeiten und Aufmerksamkeitsdefiziten. Motivationsprobleme, "Interesselosigkeit“ oder "Mein Kind braucht ewig für seine schulischen Angelegenheiten“ seien auch dabei.

Kainz und Aigner sagen über ihre Behandlung von Lernstörungen: "Arbeitshaltungen sind in jeder Lerntherapie genauso zu behandeln wie die Durchführung gezielter Lernprogramme zum Üben des beeinträchtigten Leistungsbereiches.“ Voraussetzung dafür sei die Pflege der Beziehung mit dem Kind. Die Behandlung dauert mindestens ein Jahr, um langfristige Erfolge zu erzielen. Es geht um den Aufbau, die Stabilisierung und die Realisierung von erwünschtem Verhalten im Alltag.

Brigitte Rollett sieht als gesellschaftspolitisches Ziel, "dass gedeihliches Lernen für alle möglich sein soll. Dafür müssten auch alle Zugang zu dementsprechender Förderung erhalten.“ Eine Idee für die Schule der Zukunft könnte eine in der Ganztagsschule integrierte, allen Kindern zugängliche Lerntherapie darstellen. Denn wer will, dass alle "leisten“ können, muss auch in alle investieren.

Laura, 13 Jahre

"Mein größter Wunsch wäre ein eigenes Pferd.“

Laura liebt Pferde und ist begeistert vom Reiten. Im Moment freut sie sich auf die Sommerferien, weil sie dann öfter bei den Pferden sein kann.

Bettina, 15 Jahre

"Mein größter Wunsch wäre ein Freund.“

Bettina liebt es, lange zu schlafen und freut sich auf die Ferien. Die Schule mag sie nicht besonders, aber die Deutschstunde gefällt ihr immer. Mathe kann sie gar nicht leiden.

www.kinderpsychologinnen.at

Rollett, B. (1997). Lernen und Lehren. WUV.

Rollett, B., Bartram, M. (1998). AVT Anstrengungsvermeidungstest. Göttingen: Hogrefe

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