Mathematik als Stolperstein

Sonja Burger | aus HEUREKA 3/11 vom 22.06.2011

Im Projekt "Schulbuch Barrierefrei“ entwickelte eine Gruppe von Experten u.a. einen neuen Mathematik-Code, den "Austrian School Book Code for Mathematics“ als Verbesserung für blinde und sehbehinderte Menschen

D ie Welt von Blinden und Sehbehinderten ist in Details oft unbekannt. Wer weiß beispielsweise, dass in der 6-Punkt-Braille keine Symbole für die Ziffern von 0 bis 9 existieren? Stattdessen gibt es eine Kombination aus einem Zeichen, das die Ziffer ankündigt, gefolgt von einem der ersten Buchstaben des Alphabets (a bis j).

Was sind Mathematik-Codes?

Dieses Detail ist wichtig, um überhaupt ermessen zu können, wo die Unterschiede zwischen Sehenden und Blinden im Bereich der Mathematik beginnen.

Die größte Herausforderung besteht darin, zweidimensionale Darstellungen (zum Beispiel √(a²+2)/4) linear abzubilden, damit sie für Blinde und Sehbehinderte lesbar werden.

Die Marburger Mathematikschrift (6-Punkt-Braille) war im deutschsprachigen Raum jahrzehntelang die einzige Methode, um mit Mathematik zu arbeiten. Für zig Zeichen gibt es eine Entsprechung in diesem Code, die der Anwender erst erlernen muss. In anderen Ländern wurden ebenfalls Mathematik-Schriften entwickelt (der Nemeth-Code in den USA). Im Gegensatz zur international gültigen Braille-Musikschrift gibt es bis heute allerdings keinen einheitlichen Mathematik-Code.

Computer und Software für Blinde

Der Pädagoge Erich Schmid unterrichtet am Bundes-Blindenerziehungsinstitut (BBI) hauptsächlich IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie), aber auch Mathematik oder Schach.

Im Gegensatz zu seiner Schulzeit in den Siebzigerjahren, die der blinde Experte als "wilde Integration“ bezeichnet, ist der Computer heute nicht mehr aus den Klassenzimmern wegzudenken. Anders als bei Sehenden sind für Blinde die Tastatur (Eingabe), die Braillezeile (Ausgabe) und die Sprachausgabe die wichtigsten Werkzeuge. Die Braillezeile (8-Punkt) funktioniert mithilfe einer geeigneten Software, nämlich dem Screen Reader (z.B. JAWS, COBRA, Window-Eyes).

Dieses Ausgabegerät brachte Vorteile. Beispielsweise konnte im Gegensatz zur 6-Punkt-Braille jeder Ziffer zwischen 0 und 9 ein eigenes Zeichen statt einer Zeichenkombination zugewiesen werden.

Mathematik bleibt schwierig

Im Mathematikunterricht benutzen Sehende wie auch Blinde und Sehbehinderte in ganz Österreich dieselben Schulbücher.

Das Projekt "Schulbuch Barrierefrei“ strebt deren Verbesserung durch die Erarbeitung neuer Richtlinien für die Verfasser von Schulbüchern an. Die Konvertierung von Zusatzliteratur via Internet wird zukünftig durch ein weiteres Projekt, nämlich "MathInBraille“, möglich sein.

Jedes Schulbuch durchläuft normalerweise einen dreistufigen Aufbereitungsprozess, der in Österreich vom Verein Book Access abgewickelt wird.

Von zentraler Bedeutung ist dabei, die Inhalte in ein geeignetes Format, also eine lineare Textschrift (z.B. MathML oder LaTeX) zu bringen, von der sie in eine für Blinde und Sehbehinderte lesbare Mathematik-Schrift (z.B. Marburger Mathematikschrift) oder in Kürze auch in den neuen Code konvertiert werden.

Die Eingabe von mathematischen Operationen ist ein Problem. Braille-Zeichen können nicht eingetippt werden und LaTeX (sprich: Latech) ist eine komplizierte lineare Texteingabe, die allerdings im wissenschaftlichen Bereich üblich ist.

Zur Veranschaulichung: Der Bruch (5-7)/(2+2) sieht in LaTeX so aus: \frac{5-7}{2+2}. Das Ergebnis ist auch für Sehende lesbar, "wenn es sich jedoch um einen Bruch handelt, kann ihn der Blinde nicht lesen“, betont Schmid.

Der blinde Informatik-Experte Mario Batusic vom Institut "Integriert Studieren“ der Johannes Kepler Uni Linz kritisiert, "dass die meisten universitären Mathematikinstitute den Studierenden pure LaTeX-Quelltexte ohne einer geeigneten Konvertierung in ein gut lesbares Format geben“.

Die Schwierigkeiten mit Mathematik enden nicht bei der Matura, sondern setzen sich derzeit in zahlreichen Studienfächern fort.

Neue Richtlinien für Lehrbücher

Sowohl Schmid wie auch Batusic können ein Lied davon singen, welche Hürde die Mathematik in der schulischen Laufbahn darstellt.

Batusic erblindete im Volksschulalter, studierte Theologie und Philosophie und begann mit dem Informatik-Studium. Nach drei Semestern war an der Uni Schluss, allerdings arbeitet er seit 1996 am Institut Integriert Studieren.

In der schulischen Praxis zeigte sich, dass der LaTeX-Code viel zu schwierig ist, um damit direkt zu arbeiten, weshalb einige Lehrer versuchten, den Code zu vereinfachen.

Damit die Mathematik in Zukunft für immer weniger Blinde und Sehbehinderte "der“ Stolperstein auf dem Weg zu einer höheren Schulbildung oder einem Hochschulabschluss ist, entwickelten die Experten gemeinsam mit Lehrern im Rahmen von "Schulbuch Barrierefrei“ den "Austrian School Book Code for Mathematics“ (ASBCM).

Batusic ist gerade dabei, den Code in UMCL (Universal Maths Conversion Library), einer kürzlich online gestellten Open Source Library, zu implementieren. Der neue Code beinhaltet neue, verbesserte Richtlinien für die Aufbereitung von Schulbüchern für den Mathematikunterricht bis zur 12./13. Schulstufe.

Neuer Code bringt Vereinfachung

"Wir arbeiten daran, geeignete Makros zu entwickeln, die es den Verfassern von Schulbüchern erleichtern sollen, direkt in MS-Word mit mathematischen Formeln zu arbeiten“, sagt Batusic. Da es sich beim neuen Code um linearen Text handelt, sind die Anwender an keine Braille-Tabelle mehr gebunden.

Egal, ob es sich um ein Word- oder ein XHTML-Dokument handelt, die mathematischen Operationen können dann entweder als eine 6-Punkt-Mathematikschrift oder als reiner Text am Computer ausgegeben werden. Somit kann jeder diesen Code mit den ihm zur Verfügung stehenden technischen Mitteln problemlos lesen.

Wenn das Projekt aller Voraussicht nach im Oktober endet, wird die Online-Plattform (MathInBraille) vollständig zur Verfügung stehen.

Die Zielgruppe dieser neuen Internet-Plattform sind vor allem Lehrer, Schüler und Studierende bzw. alle, die sich mit Mathematik befassen möchten.

Der neue Code bringt auch einige Minimalisierungen in der Schreibweise mit sich. Beispielsweise soll im Gegensatz zur komplizierten Schreibweise in LaTeX in Zukunft ein Bruch vereinfacht angekündigt werden, was speziell für Anfänger oder Volksschüler eine deutliche Verbesserung zur Folge hat. Der Informatiker Batusic hat aber noch mehr Pläne im Kopf.

Bis jetzt gibt es beispielsweise noch keinen akustischen Mathematik-Code für die Sprachausgabe in deutscher Sprache. "Daran arbeiten wir als nächstes“, freut sich Batusic. Denn gerade ältere Menschen, die zu einem späten Zeitpunkt erblinden, erlernen die Braille-Schrift nur schwer oder gar nicht. Für sie ist die Sprachausgabe besonders hilfreich.

Michael, 10 Jahre

Michael spricht nicht, sondern verständigt sich mit Bildern oder Piktogrammen.

Er liebt es, sich mit anderen gemeinsam Bücher anzusehen und Geschichten zu den Bildern zu hören.

Sein Lieblingsbuch ist "Beim Arzt“, ein Bilderbuch. Seine Lehrerin meint, dass er gerade dieses Buch so mag, weil er Arztbesuche selbst sehr gut kennt. Am glücklichsten ist er, wenn er im "Snoezelen-Raum“ der Schule liegen und entspannen kann.

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