Exzellenzförderung

Wird vorhandene Exzellenz zu wenig geschätzt?

Uschi Sorz | aus HEUREKA 3/11 vom 22.06.2011

Das Erwin-Schrödinger-Institut für Mathema-tische Physik ESI dürfte unter dem Dach der Uni Wien vorläufig sicher sein. Mittel, um die Forschungsprogramme auf dem gewohnten Level zu halten, fehlen jedoch

Keine Frage: Exzellenz kostet etwas. Und die Mittel sind begrenzt. Exzellenz ist aber auch eine Frage der Prioritäten. Ein Blick auf Nachbarländer, die infolge der Wirtschaftskrise von ähnlichen Sparprogrammen betroffen sind wie Österreich, spricht für sich: In Deutschland etwa hätten bestimmte außeruniversitäre Institutionen die Garantie, dass ihr Budget jährlich um fünf Prozent erhöht wird, berichtete Alexander Van der Bellen unlängst im "Standard“.

"Als Österreicher kommen einem die Tränen, wenn man so was hört“, schreibt der Wiener Universitätssprecher. Darüber hinaus ist die - auch von der Bundesregierung viel beschworene - Exzellenz nicht etwas, das man durch Willensbeschlüsse aus dem Boden stampfen kann. Eine weltweite wissenschaftliche Reputation in der ersten Liga zu erwerben ist ein jahrelanger Prozess. Sollte man dessen Früchte daher nicht hegen und pflegen?

Das Wissenschaftsministerium hat nach der Budgetklausur im Oktober gleich einer Reihe hochrangiger außeruniversitärer Forschungseinrichtungen rigoros die Basisfinanzierung gestrichen. Dass Kaliber wie das Internationale Forschungszentrum für Kulturwissenschaften IFK, das Institut für die Wissenschaften vom Menschen IWM oder das Erwin-Schrödinger-Institut ESI noch existieren, ist vermutlich dem Aufschrei der Scientific Community zu verdanken.

Die renommiertesten Institute konnten sich mittlerweile unter das Dach verschiedener Universitäten "retten“. Aber heißt das nun Ende gut, alles gut?

Was ein Fortbestand auf reduziertem Niveau für eine exzellente Einrichtung bedeutet, zeigt ein Besuch im Erwin-Schrödinger-Institut für Mathematische Physik in der Wiener Boltzmanngasse. Dessen Rettungsanker: Das seit 1993 bestehende Institut ist seit Ende Mai Forschungsplattform der Universität Wien.

"Das Wissenschaftsministerium hat uns noch kurz vor der Streichung der Basisförderung in einer Presseaussendung bescheinigt, dass wir auf unserem Gebiet weltweit führend sind“, erinnert sich Klaus Schmidt, Präsident des ESI. "Genützt hat es uns nichts.“

Erste Auswirkung der Knall auf Fall gestrichenen Subventionen war die monatelange Unsicherheit hinsichtlich des Weiterbestehens und damit der Finanzierung der vorbereiteten Programme. "Das hat uns bei der Planung für die kommenden beiden Jahre sehr behindert.“

Die Förderung ist für die nunmehr universitäre Einrichtung jetzt zwar zumindest bis 2015 gesichert, wurde aber schmerzhaft reduziert. "Die effektive Kürzung gegenüber dem Vorjahr beträgt 200.000 Euro jährlich, darüber hinaus ist das Budget ab 2011 konstant ohne jede Abgeltung der Inflation seit 2002“, präzisiert Schmidt. "Das hat vielfältige Konsequenzen, die wir in ihrer Tragweite noch gar nicht überblicken können.“

Als internationale Begegnungsstätte von Mathematikern und Physikern hat sich das ESI einen erstklassigen Ruf erworben. Viele seiner wissenschaftlichen Veranstaltungen erreichen durch ihre mehrmonate Dauer eine besondere Konzentration. "International gibt es nicht viele, die solche langfristigen Programme haben“, so Schmidt.

Als Gastforscher und Vortragende finden sich regelmäßig Vertreter der wissenschaftlichen Weltspitze in Wien ein. Allein in den letzten Jahren gaben sich hier Größen wie Jean-Pierre Serre (College de France, Fields-Medaille), Don Zagier (MPI Bonn, College de France), David Ruelle (IHES, Henri-Poincaré-Preis), Cedric Villani (IHP Paris, Fields-Medaille, Henri-Poincaré-Preis, Fermat-Preis), Jürg Fröhlich (ETH Zürich, Max-Planck-Medaille) oder Maxim Kontsevich (IHES, Fields-Medaille, Henri-Poincaré-Preis) die Klinke in die Hand.

"Die besten Leute weltweit kommen hierher und bewegen etwas in unserem Fach“, bestätigt Schmidt.

Schmidt fürchtet um das hohe Niveau des ESI. "Unsere Aktivitäten und die Qualität sind bedroht“, konstatiert er. "Österreich ist ja keine Insel. Es ist ein Spieler auf dem internationalen wissenschaftlichen Parkett, und wenn andere Länder in der Lage sind, attraktivere Angebote zu machen, gehen die Besten eben dorthin.“

Zudem habe das Renommee des ESI in den vergangenen Jahren keine unwesentliche Rolle bei hervorragenden internationalen Berufungen an die Fakultäten für Mathematik und Physik eingenommen. Alles lange erarbeitete Errungenschaften, die man nun aufs Spiel setze, so Schmidt.

Positiv äußert sich der Leiter des ESI über die Kooperation mit der Uni Wien. "Die Universität zeigt sich sehr konstruktiv und lässt uns inhaltlich jede Freiheit.“ Geld könne es von dieser Seite aber sicherlich nicht geben, fehle es den Unis doch selbst an allen Ecken und Enden. Auch Drittmittelförderung, etwa durch den FWF, sei schwierig, denn dieser fördere rein themenspezifisch. "Wir stellen unsere Programme aber traditionell thematisch flexibel auf, um auf aktuelle Entwicklungen einzuspielen.“

Bleibt noch die Frage, ob das abrupte Abholzen einer reichen Forschungslandschaft überhaupt den erhofften Spareffekt fürs Staatsbudget bringen könne. "Wahrscheinlich keine nennenswerten Beträge“, vermutet Schmidt. "Der administrative Aufwand für solche Umstrukturierungen ist enorm.“ Dafür nehme man nun in Kauf, dass die Institute, die die sogenannte "Strukturbereinigung“ überlebt haben, nun ihrer Verpflichtung zur Exzellenz nicht mehr angemessen nachkommen können.

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