Was am Ende bleibt

Wiener Phantasmen

Erich Klein | aus HEUREKA 3/11 vom 22.06.2011

Wie viele Gelähmte und Gehörlose mussten aufstehen und hörend werden, um den Drohungen des Glaubens Genüge zu tun? Oder um in den Genuss seiner Versprechungen zu gelangen? Wie viele Blinde wurden vom Licht der Wahrheit erst niedergeworfen oder geblendet, um Einsicht zu erlangen? Die Geschichte des Abendlandes ist eine Geschichte frivoler Vergleiche.

Man nehme das Wort "Irrenhaus“. Mag sein, dass Religion und Philosophie keine andere Sprache hatten, heutzutage wären derartige Allegorien politisch inkorrekt! Eine Ausnahme zur Bestätigung der Regel ist Kunst. Die Metaphern von Krankheit, Abweichung von der Norm oder Zerstörung wurde zum Zwecke der Erleuchtung zur Kulturtechnik.

Bezeichnend, dass im 20. Jahrhundert, das die größten Gemetzel der Menschheitsgeschichte zustande brachte, die Kunst der sogenannten "Irren“ bisweilen zur wahren Kunst erklärt wurde. War es Zufall, dass Freud bis zu seiner Vertreibung im untergehenden Wien praktizierte, wo der Tanz auf dem Vulkan als fröhliche Apokalypse angesehen wurde?

Zum Verständnis von Ort und Zeit ist ein Besuch im MUSA dienlich, der Kunstsammlung der Stadt Wien. Hier werden die Abgründe austriakischer Seelen als Kunstgeschichte der Zweiten Republik aufgerollt. Zurzeit geht es um die "Phantastische Moderne“ der Sechzigerjahre.

Den Clash der Generationen zwischen "Phantasten“, der Wiener Spielart der Popart aus dem Geiste altmeisterlicher Malerei, und den jüngeren "Aktionisten“ haben Letztere für sich entschieden: Günther Brus, der weiß beschmiert den Heldenplatz überquert und von der Polizei gestellt wird; Arnulf Rainers schwarze Übermalungen, übertroffen nur durch Valie Exports Drohgeste in Leder, mit Anspielung auf Porno und Terror.

Die Genesungsversuche der Künstler durch "abnormes“ Verhalten aller Art wurden dabei von Staat und Gesellschaft nicht immer goutiert: Die Akteure von "Kunst und Revolution“, der "Uniferkelei“ vom 7. Juni 1968, sperrte man ein, der vom Gericht bestellte Gutachter war der einstige Nazi-Doktor Heinrich Gross.

Zur selben Zeit gab die Wiener Internationale Gartenschau bei Rudolf Hausner eine eher offizielle Ansicht von Wien in Auftrag: Die Stadt, eine Kugel wie durch ein Fischauge gesehen, umgibt ein einziges Grün. Aber auch hier brannte in der Mitte der Garten lichterloh. www.musa.at

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige