Kommentar

Zwei Bachelor zum Preis von einem!

Werner Hasitschka | aus HEUREKA 4/11 vom 27.10.2011

Ein "Jahr der Bildung 2011“ haben sich die beiden Koalitionsparteien vorgenommen. Doch gemäß der jüngsten OECD-Studie hat Bildung in Österreich keine Priorität. Die durchgängige Diagnose, vom EU-Bildungskommissar bis zu ministeriellen "Weisenräten“: die Unis sind unterfinanziert und überreguliert (u. a. durch Over-reporting) und, wie ich hinzufügen darf, untervisioniert.

Entsprechend werden nun endlich Nägel mit Köpfen gemacht. Regierungsbeschlüsse (Erhöhung des Budgetanteils am BIP von 1,3 auf 2 Prozent, Erhöhung des AbsolventInnenanteils, offene Dialoge mit allen "Stakeholders“ etc.) werden zügig und mutig umgesetzt. Doch Halt! Zunächst werden mit bewundernswerter altphilologischer Stoik ebenso bekannte und politisch unrealisierbare Vorschläge eingebracht. Und täglich grüßt, nein, nicht das Murmeltier, sondern die Studiengebühr. Diesmal in einer raffinierteren Version: Die Rektorate dürfen nun handelsbetriebliche Preisdifferenzierung betreiben, d.h. je nach Nachfrage, Fach, Nation, Tageszeit, "Employability“ etc.

Verlockend auch die mögliche Gewinnmaximierung bei Studierenden aus "Drittstaaten“. So könnte etwa die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) mit traditionell hohem Studierendenanteil aus dem asiatischen Raum "absahnen“: Hat nicht der Vizekanzler die eminente Bedeutung der "Kultur als Botschafter Österreichs“ ausgelobt? Außenpolitische Relevanz oder studiengebührliches Greißlerdenken?

Ähnlich verstörend mutet die Idee von politischen Gegengeschäften an: Universitätsmilliarde (dividiert durch 3 Jahre, minus Fachhochschulen, minus FWF, minus, minus …) gegen Hochschulplan? Bildungspolitisch verhaltensoriginell sind auch jüngste Sanierungsvorschläge in Richtung flächendeckende Fernstudien bzw. E-learning. Sollen so die künftigen NobelpreisträgerInnen und PhilharmonikerInnen ausgebildet werden?

Wie wäre es mit einer ergebnisoffenen Denkpause? Etwa: Bildungspolitische und kulturbetriebliche Visionen im echten Dialog entwickeln, vorzugsweise mit der HochschülerInnenschaft; radikalen Bürokratieabbau betreiben (durch ein Evaluierungs-, Rankings-, Akkreditierungsmoratorium); alternative Finanzierungsmodelle präsentieren wie etwa Umschichtungen vom Tiefbau (Tunnels) zum Hochbau an Bildung, BIG-Gewinne an die Unis, etc. Lieber Herr Minister: "Alles Lob nämlich der Tugend besteht im Handeln, in dem es freilich oft Unterbrechungen gibt und von dem vielfach Rückkehr zu den Studien vergönnt ist“ (Cicero).

Werner Hasitschka ist Rektor der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw)

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