Klima-Killer: Nachwachsende Rohstoffe

Martina Weinbacher | aus HEUREKA 4/11 vom 27.10.2011

Ein Rechenfehler hat nachwachsenden Rohstoffen fälschlich Klimaneutralität bescheinigt, sagt die Umweltagentur der EU

Der wissenschaftliche Beirat der Europäischen Umweltagentur (EEA) warnte im September vor den "immensen“ Folgen eines Umstiegs von fossilen auf nachwachsende Rohstoffe (NR) und fordert ein Umdenken in der europäischen Bioenergiepolitik.

Sie setzt darauf, den Anteil von Bio-kraftstoffen bis 2020 von derzeit 5,75 auf 10 Prozent zu erhöhen. Doch Bioenergie, etwa aus Mais, könnte zu einer stärkeren globalen Erwärmung führen.

Denn laut dem Beirat der EEA basieren die Berechnungen zur Einsparung von Treibhausgasen durch Energie aus nachwachsenden Rohstoffen einem fatalen Fehler: Sie gehen davon aus, dass NR klimaneutral sind, weil CO2, das bei der Verbrennung der Pflanzen freigesetzt wird, bereits während des Wachstums in derselben Pflanze gebunden würde.

Unter dieser Annahme, so der Beirat der EEA, werden Treibhauseffekt reduzierende Vorgänge doppelt erfasst. Denn würden man auf dem vorgesehenen Land keine Pflanzen für Bioenergie produzieren, wüchsen dort andere Pflanzen, die ohnedies Treibhausgase binden. So sind die CO2-Emissionen per Energieeinheit von NR sogar höher als bei Mineralöl, weil Biomasse mit geringerer Effizienz verbrannt wird.

Zusätzlich kritisieren die Wissenschafter die unzureichend einberechneten Folgen von Landnutzungsänderungen. "Eine gleich große Fläche Wald kann viel mehr Klimagase aufnehmen, als etwa eine Plantage für Biomasse“, sagt Johannes Wahlmüller, Klimaexperte bei Global 2000. Besonders kritisch sei die Situation, wenn es sich um die Rodung von Regenwäldern handelt: "Abgesehen vom Verlust an Biodiversität und Lebensraum der indigenen Bevölkerung werden durch die Umwidmung im Boden gebundene Klimagase freigesetzt.“ Als Beispiel nennt der Klimaexperte Indonesien, mittlerweile der drittgrößte CO2-Emittent weltweit. Grund dafür sind Palmölplantagen, die im großen Stil auf den Torfböden des ursprünglichen Urwaldgebiets angelegt wurden.

Bernhard Obermayer von Greenpeace bestätigt dies und zitiert eine Greenpeace-Studie, aus der hervorgeht, dass eine Tonne auf Torfboden produziertem Palmöl fast 20 Mal so hohe Emissionen erzeugt, wie die Verbrennung einer Tonne Rohöl.

Der enorme Landverbrauch durch NR macht Regenwäldern ebenso Konkurrenz wie den Anbauflächen für Nahrungsmittel. "Die indirekten Landnutzungseffekte haben besonders in den armen Ländern katas-trophale Auswirkungen auf die Nahrungsversorgung“, sagt Helmut Haberl vom Institute of Social Ecology Vienna. "Nur wenn Bioenergie von Biomasse stammt, die ohnehin CO2 an die Atmosphäre abgegeben hätte, wie tierische Fäkalien, dann ist die Gewinnung sinnvoll.“ Dass die Berechnungsfehler erst jetzt Aufmerksamkeit erregen, könnte auch politisch motiviert sein, sind sich alle Interviewpartner einig. Denn, erklärt Haberl am Beispiel der Biokraftstoffe: "Es ist nun einmal einfacher, den Kraftstoff zu tauschen, als das Mobilitätssystem grundlegend zu verändern.“

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