Kommentar zu lija Trojanow

Öko-Wutbürger

Nicole Albiez | aus HEUREKA 4/11 vom 27.10.2011

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, lautete der Titel des ersten Romans (1996) von Ilija Trojanow.

Rettung scheint in seinem neuen Buch "EisTau“ für die Welt, die die unsere und keine erdachte ist, kaum denkbar. "Sein“ Gletscher stirbt, und Glaziologe Zeno (auf den Spuren von Zeno Cosini) zieht sich aus dem akademischen Betrieb zurück.

Sein neues Aufgabengebiet: Touristen auf einem Kreuzfahrtschiff die Wunder der Antarktis näherbringen. Das heißt, Urlauber zu betreuen, die keinerlei Respekt vor der Natur zeigen, die beim ersten Blick auf einen Eisberg und Pinguin noch euphorisch jauchzen, doch später nicht einmal mehr den Kopf heben. Sehr zu Zenos Ärger.

"Du bist nur Gerede“, wirft ihm gleich zu Beginn ein Bekannter vor. "Deine Empörung ist ein Furz. Du lässt Luft ab, du stänkerst herum, ansonsten bist du wie alle anderen, nein, schlimmer noch, du weißt Bescheid, und du lässt dir dein Wissen versilbern.“

Dieser Vorwurf gilt freilich nicht lange: Auf seiner vierten Reise wird Zeno handeln, angestachelt von der in Wut umgeschlagenen Trauer über die ausgebeutete Natur und die Ignoranz der Menschen.

Der Haupttext - in Form von Zenos Logbucheinträgen, die auch Biografisches verhandeln - wird durch Zwischenkapitel unterbrochen. Allerdings sind diese lose aneinander gereihten (Funkspruch-)Fetzen im Schnatterton, eine Kakofonie, die sich aus dem Lärm der Welt speist, dem Lesefluss des Romans nicht zuträglich.

Für seine jüngste Arbeit ist der Autor Ilija Trojanow zweimal in die Antarktis gereist. Der Klimawandel beschäftigt ihn offenbar, daher erhebt er in seinem neuen Buch die Stimme. Diese Stimme zeigt sich dem Politischen und dem Gesellschaftlichen verpflichtet - und doch fehlt es ihr an Kraft. Das Rufzeichen, zu dem sich sein träg gewordener, tragischer Held hinreißen lässt, ist umweltaktivistisch - und so auch der Imperativ des Romans. Dennoch wählt Trojanow dafür einen poetischen, ja sogar pathetischen Tonfall. Dabei verliert er sich in Spielereien, die oft auch bemüht wirken.

Seine Hauptfigur ist kein Kämpfer, sondern ein in Melancholie versunkener alternder Mann, der sich an seinen Sehnsuchtsort, das ewige Eis, zurückgezogen hat. Ein Wissender, der daran verzweifelt, dass die Forschung rein der Chronik zu dienen scheint, für eine bestens informierte Öffentlichkeit, die über die bloße Analyse nicht hinauskommt und offenen Auges ins Verderben rennt. Mitten in die Hölle, die laut "EisTau“ die Summe unserer Versäumnisse ist: Die Welt wird kleiner und an ihrer Rettung wäre zu arbeiten.

Ilija Trojanow.

"EisTau“. Roman. Hanser Verlag.

München 2011. 172 Seiten.

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