Kann man sich versichern?

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 4/11 vom 27.10.2011

Der Klimawandel kann Naturkatastrophen auslösen. Die wiederum setzen Versicherungen und Rückversicherungen unter Druck

Für die Munich Re ist er "Fokusthema“, für die Swiss Re "Featured Topic“: Als Verursacher von Naturkatastrophen kommt am Klimawandel keine Versicherung vorbei. So war der Hurrikan Katrina im Jahr 2005 mit einem verursachten Gesamtschaden von über 100 Milliarden US-Dollar der größte Fall von Versicherungsverlusten in der bisherigen Geschichte.

Auch das Jahr 2011 weist einige traurige Negativrekorde aus. Dem aktuellen Sigma-Report der weltweit zweitgrößten Rückversicherung Swiss Re zufolge haben Naturkatastrophen die Versicherungsindustrie im ersten Halbjahr 2011 bereits 70 Milliarden US-Dollar gekostet.

Auf Basis der ersten Jahreshälfte lässt sich schon jetzt sagen, dass 2011 das Jahr mit den höchsten versicherten Erdbebenschäden der Geschichte sein wird. Das Jahr 2011 rangiert damit an zweiter Stelle bei der Höhe der durch Naturkatastrophen ausgelösten Versicherungsschäden - also den versicherten Schäden.

Wenn von Schadenfällen nach (Natur-)Katastrophen die Rede ist, muss zwischen versicherten und nicht versicherten Schäden unterschieden werden. Die Höhe der versicherten Schäden sagt also nicht notwendig etwas über die tatsächlichen Schäden (beziehungsweise deren Folgeschäden in der Zukunft) aus.

Der Gesamtschaden ist nicht gleich dem versicherten Schaden

Anhand der Schäden von Fukushima wird dies deutlich. Das Erdbeben sowie der infolge des Erdbebens ausgelöste Tsunami am 11. März 2011 haben laut Swiss Re einen Gesamtschaden von 210 Milliarden US-Dollar verursacht. Der versicherte Schaden beträgt jedoch "nur“ 31 Milliarden US-Dollar, also ein Siebentel.

Welche Arten von Versicherung gibt es überhaupt? Wann ist welche Versicherung sinnvoll? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Bereich Risk Management, der zur Betriebswirtschaftslehre zählt, eine Schnittstelle zwischen Mathematik und Ökonomie.

Versichern heißt, Risiken auf die Gemeinschaft aufzuteilen

Alexander Mürmann, Versicherungsökonom an der Wirtschaftsuniversität Wien, erklärt die Prinzipien des Risk Management: "Jeder von uns ist gewissen Risiken ausgesetzt: Gesundheitsrisiko, Einkommensrisiko, und wenn ich ein Haus baue, Sturmschaden-Risiko. Die Frage ist: Trägt jeder das Risiko selber, oder teilen wir das Risiko in einer Gemeinschaft? Der klare Vorteil des Teilens in der Gemeinschaft ist, dass der Einzelne an allen Risiken der anderen partizipiert und umgekehrt. Das Risiko wird vorhersehbarer, weil es über die Gemeinschaft gestreut ist.“ Nichts anderes mache der Aktienmarkt. "Dort werden Geschäftsrisiken auf eine Investoren-Gemeinschaft transferiert.“

Bei Naturkatastrophen wie Erdbeben und Hurrikans treten Risiken gebündelt auf, die Korrelation ist extrem. "Da hat man auf einmal einen Riesenschaden. Das bedeutet eine zusätzliche Schwierigkeit für die Versicherung. Gegensteuern kann man hier, indem die Versicherung die Risiken weiter streut, also diversifiziert.“ - Dies geschieht entweder in geografischer Hinsicht, oder auch über die Zeit. Vor allem Rückversicherer bieten diese globale Risikostreuung an. An den Geldern, die Rückversicherer nach Hurrikanschäden zahlen, sind über Portfolios auch (österreichische) Erstversicherer beteiligt.

Die Grenzen der Versicherbarkeit: adverse selection

Ein Problem, so der Versicherungsökonom Alexander Mürmann, gebe es erst, wenn Risiken beeinflusst werden können oder die Risiken unterschiedlich sind, und das Versicherungsunternehmen dies nicht verifizieren kann. Durch diese Informationsasymmetrien stoßen wir an die Grenzen der Risikoteilung, der Versicherbarkeit: "Das ist dann der Fall, wenn ich als Mensch mein Risiko selber beeinflussen kann, wie etwa durch ungesunde Ernährung oder Rauchen, und das Versicherungsunternehmen dies nicht nachweisen und somit nicht in der Prämie entsprechend berücksichtigen kann.“

Auch, wenn man durch die familiäre Vorgeschichte mehr über das Gesundheitsrisiko weiß als das Versicherungsunternehmen, herrsche eine Informations-Asymmetrie. Das nennt man "adverse Selektion“.

Wer in gefährdeten Gebieten lebt,

müsste höhere Prämien zahlen

Das trifft auch auf die Wahl des Wohnorts zu: Es gibt Regionen, die gefährdeter sind als andere. Mürmann, der sechs Jahre lang am Departement of Insurance and Risk Management der Wharton School an der Universität von Pennsylvania gelehrt hat, nennt ein amerikanisches Beispiel: "In den USA sind die gefährdetsten Gegenden die schönsten - Florida und Kalifornien. Während Kalifornien extrem erdbebengefährdet ist, herrscht in Florida eine überproportionale Hurrikangefahr. Trotz dieser Risiken ziehen viele Menschen in diese Regionen, weil sie sonnig sind.“

Da die Bewohner von Kalifornien und Florida nun einem höheren Katastrophenrisiko ausgesetzt sind als die US-Durchschnittsbevölkerung, müssten sie - risikobasiert - höhere Prämien für Erdbeben-, Sturm- und Überflutungsversicherungen bezahlen als jene Mehrheit, die außerhalb solcher Gefahrenzonen lebt. "Versicherungsökonomisch wäre das sinnvoll, um den Markt effizient zu gestalten.“

Dasselbe gilt für Österreich. Wer in der Wachau lebt, hat ein größeres Überschwemmungsrisiko als jemand, der im Weinviertel wohnt. Wenn alle die gleiche Durchschnitts-Versicherungsprämie zahlen, kommt der Kremser sehr billig zu seiner Versicherung, während sie für den Hollabrunner günstig ausfällt. Im privaten Versicherungsmarkt wird der Kremser dann sehr viel Versicherung kaufen, währenddessen der Hollabrunner sich eher entscheidet, keine Versicherung zu kaufen. Somit rechnet sich die Durchschnitts-Versicherungsprämie für das Versicherungsunternehmen nicht mehr - und die Prämien werden steigen.

Risikoteilung oder Quersubventionierung?

Die Frage sei, wie mit solchen Verzerrungen umgegangen werde. "Wenn ich Risikoteilung effizient gestalten will, muss ich risikogestaltete Prämien anbieten“, sagt Mürmann. "Sonst schlägt Risikoteilung in Quersubventionierung um.“

Dies geschehe dann, wenn der Staat - der durch sein riesiges Budget Risiken am besten abfedern kann - formal als Versicherer auftritt und praktisch nicht versicherbare Risiken übernimmt. In den USA geschieht dies etwa seit 1968 durch das National Flood Insurance Program (NFIP). Mit Stichtag April 2010 waren durch das NFIP rund 5,5 Millionen Häuser versichert; die Mehrzahl davon in Florida und Texas.

"Das hat gewisse ökonomische Vorteile, denn die Regierung kann über das Steuersystem die Risiken über Generationen hinweg aufteilen“, sagt dazu Experte Mürmann. Dennoch gebe es Nachteile, wenn der Staat als Versicherer agiert: "Es schafft die falschen Anreize. Im Prinzip handelt es sich um eine Subventionierung - zum Beispiel von Häuselbauern am Mississippi - oder in Florida. Dadurch werde die gegebene Situation perpetuiert; die Bevölkerung in diesen gefährdeten Regionen wächst.“

Die Menschen, die nicht in Florida oder am Mississippi wohnen, subventionierten dann jene, die sich dort ansiedeln. "So gesehen ist das eine Einkommensumverteilung“, sagt Mürmann. - Ein Begriff, den man in den USA nicht so gerne hört.

Weitere Infos, Links- und Lesetipps:

Limits to Growth: Update

Die 1972 erschienene, legendäre Club-of-Rome-Studie von Dennis Meadows wurde zum 30-jährigen Erscheinungsjubiläum einem Update unterzogen: Limits to Growth - The 30 Year Update.

www.clubofrome.at/archive/limits.html

China im 30-Jahre-Überblick

Die Munich Re hat eine Studie über Überflutungen in China von 1980 bis 2010 erstellt.

www.munichre.com/de/group/focus/climate_change/current/flooding_in_china/default.aspx

Versuche, den Klimawandel in Zahlen zu fassen:

1. Stern-Bericht

2006 veröffentlichte der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, im Auftrag der britischen Regierung den "Review on the Economics of Climate Change“. Die Reaktionen vor allem der Wissenschaft waren geteilt.

http://webarchive.nationalarchives.gov.uk/+/http://www.hm-treasury.gov.uk/stern_review_report.htm

2. Risk modeling companies

Als nach dem Hurrikan Andrew 1992 sechzig Versicherer pleite gingen, entwickelte sich die neue Industrie der Risk Modeling Companies. Sie simulieren Hurrikans und andere Katastrophen am Computer. Die Datenbanken dieser Firmen werden von den Versicherern genutzt.

http:// www.eqecat.com

http:// www.rms.com

http:// www.air-worldwide.com

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