Wenn dich das Wissen schafft

Katharina Fritsch, Werner Sturmberger | aus HEUREKA 4/11 vom 27.10.2011

Die anstehenden Hochschulreformen in Österreich im Kontext der Wissensgesellschaft

Universitäten müssten sich nach den "kontinuierlich steigenden Anforderungen in unserer Wissensgesellschaft“ orientieren, sagt Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. Zugleich ist von Studiengebühren, Zugangsbeschränkungen, lebenslangem Lernen, Steigerung des Humankapitals und der Autonomie der Universitäten die Rede. Im Zentrum steht der Begriff der Wissensgesellschaft.

Wissen als die neue Produktivkraft

Laut dem deutschen Vordenker des Wissensgesellschaftsbegriffs Nico Stehr sind Wissensgesellschaften keine moderne Entwicklung. So fungierten schon "das religiös-gesetzliche Thorawissen“ in der altisraelitischen Gesellschaft und "das religiös-astronomische“ und agrarische Wissen in der altägyptischen Gesellschaft als Organisationsprinzipien.

Der entscheidende Unterschied unserer derzeitigen Wissensgesellschaft liege "am unbestreitbaren Vordringen der modernen Wissenschaft und Technik in alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und Institutionen“. Dieses Vordringen ist eng mit einer zentralen Wende kapitalistischer Strukturen verbunden: mit der Verschiebung von materieller zu immaterieller Arbeit.

Seit den 1980ern seien nicht mehr Industrie-, sondern WissensarbeiterInnen die für den Markt relevanten Arbeitskräfte. Marketing und Werbung werden zu zentralen Wissensindustrien, Wissen zum zentralen Machtfaktor, indem für bestimmte Produkte "angebrachte“ Sehnsüchte, Gefühle und Wertvorstellungen produziert werden. Institutionen wie Staat, Kirche oder Militär verlören an Einfluss, meint Stehr. Wissensgesellschaften hätten handlungsermächtigende und demokratisierende Auswirkungen.

Anders der britische Sozialwissenschafter Bob Jessop: Es gehe um die Verankerung neoliberaler Normen und Prinzipien der Wettbewerbsfähigkeit in Regierung, Management, Massenmedien und akademischer Welt; der Fachbegriff dafür lautet Benchmarking, worunter der Vergleich verschiedener Institutionen an der jeweils besten verstanden wird.

Wissen wird, laut dem französischen Sozialphilosophen André Gorz, immer mehr mit Sach- und Fachkenntnis verwechselt, die Unternehmen produzieren und verkaufen. Aus dem natürlichen Gemeingut Wissen entsteht eine verwertbare Ware. Wissensgesellschaften bringen enorme Umstrukturierungen bestehender Verhältnisse mit sich. Teamarbeit, flache Hierarchien, flexible Arbeitszeiten und mehr Eigenverantwortung prägen diese Veränderungsprozesse. Man ist jemand, wenn man das "richtige“ Wissen hat und dieses "richtig“ einsetzen kann. Die Frage, was dieses "richtige, verwertbare“ Wissen ist, spiegelt sich in den derzeitigen Diskussionen um anstehende Hochschulreformen wider.

Hochschulen sind als Orte der Produktion von Wissen Fokalpunkt dieser Debatte. In einem Bericht des BMWF finden sich viele Versatzstücke der Wissensgesellschaft wieder; er lässt auch ahnen, in welche Richtung die Hochschulreform zielt.

Die Universität als Unternehmen

Zentral ist die Neudefinierung der Autonomie der Unis: "Autonomie und Wettbewerb sind (...) dann am größten, wenn die Hochschulen ihre Studierenden aussuchen, ihre Mitarbeitenden frei wählen, ihre Studienangebote selbst bestimmen können und ein Wettbewerb um Finanzierungsquellen herrscht.“ Zugleich wird darauf hingewiesen, dass "wissenschaftliche Redundanzen“ von einer zentralen Planungsstelle vermieden werden sollen. Als oberstes Gremium dient ein aus Mitgliedern der Bundes- und Länderregierungen zusammengesetztes Gremium. Vertreter-Innen der Hochschulen sind in einem untergeordneten Gremium nur mehr mit einer koordinierenden Funktion betraut.

Die von Karlheinz Töchterle progagierte Autonomie der Unis stellt demnach nicht mehr als eine Scheinautonomie dar. Sie umfasst Studiengebühren, Studieneingangsphasen bzw. Zugangsbeschränkungen und Drittmittel. Autonom impliziert die Möglichkeit, marktorientiert im Wettbewerb mitspielen zu können, nicht aber ökonomisch, inhaltlich oder organsiatorisch unabhängig zu sein.

Die von Finanzministerin Maria Fekter angekündigte Hochschulmilliarde weist in dieselbe Richtung: Sie ist an die unternehmerische Umstrukturierung der Unis, sprich an die oben genannten Maßnahmen, gekoppelt. So heißt es auf der Homepage BMWF: "Diese Hochschulmilliarde wird ganz klar leistungsorientiert und nach den Kriterien von Effizienz und Wirkung vergeben werden.”

Das betrifft auch die angedachte Studienplatzfinanzierung: Für die Ausbildungskosten von Studierenden wird ein Durchschnittswert berechnet, der abhängig von der Studienrichtung verschieden multipliziert wird. Der Fokus liegt dabei auf den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Die Sozial- und Geisteswissenschaften bleiben unterfinanziert. In der Logik des Modells würde ihnen aufgrund der schlechten Betreuungslage mehr Finanzierung zustehen. Es ist jedoch absehbar, dass den Mängeln wohl mit Zugangsbeschränkungen begegnet werden wird.

Im Bericht des BMWF wird empfohlen, den Zugang zur Universität "differenziert“ zu gestalten, und zwar bevor Studierende die Studieneingangsphase absolvieren, denn: "Insbesondere in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Massenfächern erweist sich das Fehlen von Zulassungsregeln als ein schlechtes Geschäft für das Individuum und die Gesellschaft.“ Zulassungsregeln würden zu kürzeren Studienzeiten führen, die Studierenden könnten so früher "ordentlichen Erwerbarbeitsverhältnissen“ nachgehen. Die Empfehlungen des Berichts gehen dabei an der Lebensrealität der AbsolventInnen und Studierenden vorbei. Sie konterkarieren die Forderungen der uni.brennt-Bewegung nach freier, emanzipatorischer Bildung und demokratischer Mitbestimmung.

Ein Blick in den Uni-Alltag

Die Bachelor-Master-Umstellung brachte eine erhebliche Verschulung des Studienalltags mit sich. Studierende sind einem verstärktem Leistungs- und Zeitdruck unterworfen. Die Studierenden-Sozialerhebung 2009 im Auftrag des BMWF ergab, dass 61 Prozent der Studierenden nebenerwerbstätig sind. Hinzu kommen oft weitere Tätigkeiten wie un- oder unterbezahlte Praktika. Die Uni wird immer mehr zur Schule fürs Erwerbsarbeitsleben: für zeitlich befristete, projektbezogene Arbeitsverhältnisse.

Vor allem unter Sozial- und GeisteswissenschafterInnen sind prekäre Arbeitsverhältnisse verbreitet. Am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien bestreiten externe Lehrende 70 Prozent der Lehre. Sie werden dafür knapp über der Geringfügigkeitsgrenze entlohnt und erhalten meistens keine fixen Arbeitsverträge.

"Tatsächlich ist das Unterrichten an der Uni ein Hobby, das es zu finanzieren gilt“, sagt Mario Becksteiner, Vorstandsmitglied der IG-Lehrenden. "Man muss anderweitig Geld verdienen, um sich das Lehren leisten zu können. Viele talentierte Lehrende scheiden daher aus dem Unibetrieb aus.“ Becksteiner selbst unterrichtet aus diesen Gründen dieses Semester nicht an der Uni.

Diese Verhältnisse wurden bereits während der Uni-Proteste 1996 thematisiert. Damals formierte sich die nunmehrige IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen. Sie vertritt die Interessen wissenschaftlich Tätiger, deren Arbeitsverhältnisse als prekarisiert zu bezeichnen sind.

In der zum 15-jährigen Bestehen veröffentlichten Broschüre "Wissensarbeit: Prekär: Organisiert“ wird nun der Begriff Wissensarbeit im Spannungsfeld zwischen dem Idealbild von Wissenschaft und der Selbstausbeutung in realen, prekären Arbeitsverhältnissen diskutiert.

Offen bleibt, auf welche Widerstände die angestrebte Hochschulreform treffen wird. Weltweit gibt es Protestbewegungen gegen die Ökonomisierung der Bildung. Im Zentrum der Proteste steht die Frage, was Wissen beinhaltet, wem es zugute kommen und inwiefern es verwertbar sein soll.

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