Was am Ende bleibt

Kältetod und Erderwärmung

Erich Klein | aus HEUREKA 4/11 vom 27.10.2011

Auch Überlegungen zum Klimawandel unterliegen der politischen Konjunktur. Wurde zwischen den Siebziger- und den Neunzigerjahren vor dem "Kältetod“ gewarnt, folgte in den letzten Jahrzehnten die "Erderwärmung“. Mit den Kriegen und Revolutionen im Nahen Osten, vor allem aber mit der Wirtschaftskrise traten die Apokalyptiker des Umweltschutzes jüngst wieder in den Hintergrund.

An Aktualität hat das Thema nicht verloren, auch wenn dessen emotionale Aufgeladenheit sachliche Diskussion eher verhindert als befördert. Alle bleiben bei ihren Paradigmen: Umweltbewusste Europäer trauen sich wieder, Begriffe wie "staatliche Intervention“ zugunsten der Natur in die Diskussion einzubringen; Briten und Amerikaner setzen weiter unverdrossen auf den selbstregulierenden Markt. China wird abwechselnd gelobt und kritisiert, Brasilien und Indien pochen zunehmend lauter auf ihre Rechte auf gesteigerten Energieverbrauch, und in Russland brennt jedes Jahr noch mehr Wald nieder.

Soll man also bei den wahren Werten Trost suchen, dem interesselosen Wohlgefallen in Kunst und Kultur? Der Markt an Cultural Studies legt das nahe: Findige Manager, von der Unterhaltungs- bis zur Genussmittelindustrie, ziehen nach: Kein Bergdorf, das seinen Besuchern nicht die "Erfindung der Alpen“ samt Auswirkungen des Klimawandels erklärt. Red Bull inszeniert Hannibals Überquerung der Alpen als kleinen Nervenkitzel.

Mehr lohnt ein Gang ins Museum zu den traditionellen Freuden romantischen Eskapismus. Es müssen nicht gleich die Anfänge der Malerei in der Höhlenmalereien von Lascaux sein, die zu Beginn der Eiszeit entstanden; auch ein Blick auf die Landschaftsmalerei der frühen Neuzeit genügt. Etwa auf Pieter Brueghels "Düsterer Tag“ im Kunsthistorischen Museum. Da sind Wetterveränderungen und darauffolgende Überschwemmungen zu sehen. Oder auf die strenge Winterlandschaft "Die Heimkehr der Jäger“. Die "kleine Eiszeit“ ließ europäische Flüsse wie Rhein oder Rhone zufrieren. Der Maler erfasste bis ins kleinste Detail, was ein Kunsthistoriker so beschrieb: "Jede Form nimmt an der Wesenheit des Winters teil.“ Das klingt zwar mystisch, ist aber seit einem halben Jahrtausend unabdingbare Voraussetzung einer anderen Sichtweise auf Welt und Natur, was einzig eine veränderte Handlungsweise im Umgang mit diesen zur Folge haben könnte. Und ebenso lange hält sich niemand daran …

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