Kriminalsoziologie

Forschung mit Schönheitsfehlern

Sonja Burger | aus HEUREKA 5/11 vom 23.11.2011

Mit der neuen Forschungsstelle ALES (Austrian Center for Law Enforcement Studies) scheint es, als ob der Mangel an Polizei- und Justizforschung in Österreich ausgeglichen werden soll. Dass sie nicht unbedingt mit Interdisziplinarität brilliert, ist nur einer der Kritikpunkte des Kriminalsoziologen Arno Pilgram. Er rät zu gezielten Kooperationen und interdisziplinärer Öffnung.

"Dass ein Bedarf an Polizei- und Justizforschung besteht, kann ich bejahen“, sagt Arno Pilgram, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) Wien. Er hält jedoch den Anspruch, dass mit der neuen Forschungsstelle alle Defizite behoben wären, "für verwegen“. Angesiedelt an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien, versteht sich ALES als Schnittstelle zwischen Polizei, Justiz und Wissenschaft. Neben Forschung und Evaluierung sind Aus- und Weiterbildung vor allem für Angehörige von Polizei und Justiz sowie Veranstaltungen geplant. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter sind mehrheitlich Strafrechtsexperten, aber auch Kriminologen.

Unter Interdisziplinarität versteht man dort die Kombination von Rechtsdogmatik, Kriminologie und Kriminalistik, angereichert um verschiedene Querschnittsmaterien. Für Pilgram ist dies weder innovativ noch interdisziplinär, sondern "alter Wein in neuen Schläuchen“. Besonders kritisiert er den Mangel an sozialwissenschaftlichen Ansätzen. Das könne seiner Meinung nach durch Kooperation und interdisziplinäre Öffnung ausgeglichen werden. Selbst wenn Auftragsforschung, wie dies bei ALES der Fall ist, direkt an einer Universität durchgeführt werde, sei allein deshalb die Gefahr der Gefälligkeit und Kritiklosigkeit für ihn nicht geringer als andernorts.

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