Kommentar Grundeinkommen

Ist es möglich?

Werner Sturmberger | aus HEUREKA 5/11 vom 23.11.2011

Was würden wir mit unserem Leben machen wollen, wenn für unsere grundlegenden Bedürfnisse gesorgt wäre? Wenn wir nicht mehr vorrangig für die Reproduktion unserer Arbeitskraft arbeiten würden?

Die Antwort ist nur scheinbar einfach - wir hätten andere Sorgen und die wären dann wirklich herausfordernd. Wir müssten darüber nachdenken, was wir aus unserem Leben machen wollen.

Das Grundeinkommen könnte diese Situation schaffen. Gemeint ist damit ein rechtlich verbrieftes, bedingungsloses Einkommen, das jeder und jedem eine volle soziale Teilhabe ermöglicht.

In welcher Höhe oder in welcher Form es ausbezahlt werden könnte, hängt dabei von vielen Faktoren ab, etwa von inkludierten Sozialleistungen (Krankenversicherung, Bildung) und vor allem vom Willen, uns gegenseitig so viel Freiheit zuzumuten. Die im Jahr 2010 eingeführte bedarfsorientierte Mindestsicherung hat damit also rein gar nichts zu tun.

Die Konsequenzen, die sich aus der Einführung des Grundeinkommens ergeben, sind dabei nicht im Detail vorhersehbar. Reproduktionsarbeit wäre aber plötzlich auch bezahlte Arbeit.

Erwerbsarbeit würde ihre Funktion als Schibboleth der sozialen Teilhabe verlieren und somit auch als Werkzeug der Disziplinierung unnütz werden. Für jene 220.000 Menschen in Österreich, die im Moment von ihr ausgeschlossen sind, würde sie ihren Stachel verlieren. Armut wäre schlagartig ein historisches Phänomen: rund eine Million Menschen sind armutsgefährdet, knapp die Hälfte davon manifest arm.

Bereits jetzt stammen mehr als ein Drittel des Einkommens der privaten Haushalte aus der öffentlichen Hand; die Finanzierung eines Grundeinkommens ist daher kein Ding der Unmöglichkeit, sondern eine Frage des Willens.

Aber gerade der hat unter der neoliberalen Propaganda massiv gelitten - auf der kulturellen Ebene hat man uns erklärt, dass wir uns nur auf uns selbst verlassen können, auf der politischen gleich den Beweis dazu geliefert. Der Preis dieser Entsolidarisierung ist nicht absehbar, die Folgen aber spürbar.

Daniel Häni, Schweizer Vorkämpfer für das Grundeinkommen, hat gefragt, ob Menschen nach dessen Einführung weiterarbeiten würden, was neun von zehn Befragten bejahten. Acht von zehn Befragten derselben Gruppe glauben aber auch, dass die anderen Menschen dann aufhören würden zu arbeiten. Vielleicht ist das auch gut so, denn, wie Daniel Häni augenzwinkernd meint: "Mit bedingungslosem Grundeinkommen wird das Leben sowieso viel schwieriger.“

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige