Wie steht es mit der Arbeit?

Katharina Fritsch, Werner Sturmberger | aus HEUREKA 5/11 vom 23.11.2011

Die Arbeit hat sich verändert, verschwunden ist sie auf keinen Fall. Trotz verstärkten technologischen Fortschritts arbeiten wir mehr denn je

Mit 65 wieder arbeiten und das bei McDonald’s? Aber es macht mir so viel Spaß!” Die derzeitige McDonald’s-Werbung verspricht Karriere-, Ausbildungs- und Weiterbildungschancen für alle, egal ob Lehrling, Studentin oder Pensionistin. Arbeit soll Spaß machen, Frau und Mann sollen sich mit ihr identifizieren. Anders als bei den Fließbandarbeiterinnen der Sechzigerjahre wird Arbeit heute immer mehr mit Selbstverwirklichung gleichgesetzt.

Arbeit aus gesellschaftlicher und persönlicher Perspektive

Arbeit ist ein ambivalenter Begriff. Als solcher deckt er viele Bereiche ab, reicht von Erwerbs- bis hin zu Beziehungs-, Bildungs- oder Trauerarbeit, hat ethische, philosophische, wirtschaftliche und soziologische Dimensionen und ist gespalten zwischen körperlichem Überleben und Sinnstiftung.

Generell bezeichnet Arbeit eine körperliche, geistige und nicht zuletzt soziale Tätigkeit. Der Arbeitspsychologe Theo Wehner von der ETH Zürich sagt: "Das Tätigsein, das Tun ist das Entscheidende in der Arbeit, und das verlieren so viele, da sie immer mehr zum Interaktionspartner zwischen Mensch und Computer werden und immer reduzierter in der Aktion zwischen Menschen.“ Arbeit bildet das funktionale Gerüst der Gesellschaft und zunehmend auch die alleinige Grundlage des Selbstwertgefühls. Sie bedeutet in einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive nichts anderes als die Reproduktion von Gesellschaft. Aus individueller Sicht betrachtet, ist sie die Veränderung von Lebenschancen durch deren beständige Realisierung.

Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit

Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit sind dabei die beiden zentralen Instanzen, die das gesellschaftliche Überleben sichern. Während letztgenannte Variante noch immer vor allem von Frauen und weitgehend unbezahlt geleistet wird, ist Erwerbsarbeit jene Form, die unseren Alltag strukturiert. Sie tut dies unabhängig davon, ob wir selbst Erwerbsarbeit verrichten oder nicht: Denn sie definiert Arbeits- und Erholungsphasen, nach denen es alle anderen Lebensbereiche auszurichten gilt. Nicht bloß Tagesabläufe, auch die einzelnen Lebensabschnitte sind an ihr orientiert - beginnend mit der schulischen Primärbildung bis zum Ausscheiden aus der Erwerbsarbeit mit der Pensionierung.

"Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen“, schrieb Friedrich Engels.

Mit der bürgerlichen Gesellschaft wurde die individuelle Leistung immer mehr zur tragenden Säule des Sozialstatus und minderte die Bedeutung von Familie und Herkunft. Auch auf persönlicher Ebene entscheidet Erwerbsarbeit über Chancen der sozialen Teilhabe und Selbstwertgefühl. Dies umso umfassender, je mehr vor allem Erwerbsarbeit mit Selbstverwirklichung in Verbindung gebracht und damit positiv bewertet wird.

Dies war sie jedoch lange Zeit nicht, sondern das, was den Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies erwartete: "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ (Moses, 3.19) - Arbeit als ein beständiger Kampf ums Überleben, als Mühsal und Qual. Diese Bedeutung haftete ihr über die Antike bis hin zum Mittelalter an.

Im Zeitalter der Reformation erfuhr sie in der protestantischen Ethik eine positive Umdeutung als allgemein verbindliches Arbeitsethos. Dies ging so weit, dass Hegel und Marx zur Zeit der aufkeimenden Industrialisierung in diesem bereits die Bestimmung des Menschen zu erkennen meinten. Während Arbeit für Hegel der Weg zur Freiheit des Menschen war, schrieb Marx, dass die Arbeit immer gesellschaftlichen Zwängen unterworfen bleibt. Sie führe eben nicht notwendigerweise zu Freiheit, sondern zur Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit. Das Produkt der Arbeit gehöre nicht den Arbeitenden und die Beziehungen der Menschen würden kommerzialisiert. Die Arbeitsteilung würde die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Arbeit verdecken und führe vor allem in der Hochphase der Industrialisierung zu einer enormen Effizienzsteigerung, aber eben auch zu atomisierten Einzeltätigkeiten, die eine ganzheitliche Sinnerfahrung völlig konterkarieren. Gerade dieser Aspekt der Entfremdung wurde im Fordismus stark kritisiert.

Der Weg durch die Arbeit zum modernen Wohlfahrtsstaat

"Postfordimus“, "new economy“, "wissensbasierte Gesellschaft“ - alles Begriffe, die die Veränderungen des Wirtschaftssystems seit den Siebzigerjahren im Westen zu erfassen versuchen. Die Referenz dazu stellt das fordistische System dar, welches sich mit den USA als Ausgangsort seit den Zwanzigerjahren und insbesondere nach dem New Deal herausbildete.

Alain Liepitz, französischer Ökonom, führt drei zentrale Merkmale des fordistischen Systems an: Tayloristische Arbeitsorganisation - auf der Basis wissenschaftlicher Studien sollten Arbeitsprozesse durch klare Arbeitsteilung und strikte Organisierung optimiert werden; institutionelle Kompromisse zur Aufteilung von Produktivitätszuwächsen zwischen Arbeit und Kapital - in Österreich als Sozialpartnerschaft bekannt -, und wohlfahrtsstaatliche Absicherung, die die Teilnahme aller am Markt ermöglicht.

"Gute Arbeit, soziale Absicherung und Teilhabe an der Konsumgesellschaft - für die meisten Menschen in Westeuropa war dies die Errungenschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts”, beschreibt Andreas Novy, Wirtschafts- und Sozialwissenschafter an der WU Wien, diese wirtschaftliche und politische Epoche.

Massenkonsum und Massenproduktion wurden aneinander gekoppelt, das wirtschaftliche Wohl einer Gesellschaft war vom produktiven Wachstum und der Beschäftigung abhängig. So entstand der keynesianische, westlich geprägte Wohlfahrtsstaat.

Von der Krise zur Hoffnung auf Selbstverwirklichung und ins Casino

Doch in den Siebzigerjahren geriet das fordistische System in eine Krise. Ein Grund dafür war die verschärfte Konkurrenz der USA mit Westeuropa, das in den Sechzigerjahren die fordistische Umstrukturierung des Arbeitsprozesses und der Konsumformen inkorporierte.

Dies veranlasste die USA zu einer erneuten Umstrukturierung ihrer Industrie, die Bob Jessop, britischer Ökonom, Soziologe und Politologe als "wissenbasierte Ökonomie“ beschreibt. Informationstechnologien wurden zum zentralen wirtschaftlichen Motor, Wissen zum primären Produktionsfaktor.

Manuel Castells, spanischer Soziologie, hält für diesen Prozess Folgendes fest: "In einem circulus virtuosus interagieren die Wissensgrundlagen der Technologie und die Anwendung der Technologie miteinander zur Verbesserung der Wissensproduktion und Informationsverarbeitung.“

Diese ist auch als Reaktion auf fehlende technische Abstimmung der Produktionsprozesse, die zu sinkenden Produktivitätsgewinnen und starker Verschuldung der Unternehmen führte, zu betrachten. Das Schichtarbeitsmodell war an seine Grenzen gestoßen, und tayloristische Prinzipien wie die Fließbandarbeit führten zu Widerständen innerhalb der Belegschaften. Arbeit sollte mehr mit Selbstverwirklichung verbunden werden, war eine wichtige Forderung der 68er-Bewegung, welche im postfordistischen System jedoch zugunsten des Kapitals aufgenommen wurde.

Elektronisierung und Automatisierung industrieller Produktionsprozesse schufen die Möglichkeit einer flexibilisierten Produktion, die eine Entkoppelung der Produktion vom Massenkonsum mit sich brachte. Dies führte zu gewaltigen ökonomischen Umwälzungen. Vor allem die USA verzeichneten eine Phase starker Überakkumulation, die Kapazitäten der Produktion überstiegen jene der Nachfrage. Dies resultierte in den USA und in Großbritannien in einer deutlichen De-Industrialisierung und einer Stärkung der Finanzmärkte. Überschüssiges Kapital wurde auf die Weltfinanzmärkte verlagert, das Weltwährungssystem liberalisiert. Der "Casino-Kapitalismus” war geboren.

De-Industialisierung? Nicht in Deutschland und Österreich

Die De-Industrialisierung nahm in Japan, Deutschland und Österreich dagegen den Charakter einer Umstrukturierung an. Alle drei Länder verfügen nach wie vor über starke exportorientierte Industrien.

Ein Viertel der österreichischen Erwerbstätigen arbeitet weiterhin in diesem Sektor. Seit dem EU-Beitritt ist lediglich der Anteil der Erwerbstätigen im primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft, Bergbau) zugunsten von Industrie und Dienstleistungen leicht gesunken. Die Anteile der drei Sektoren am BIP sind dagegen weitgehend stabil geblieben.

Was sich jedoch verändert hat, ist die Anzahl der Erwerbstätigen: Waren 1985 in Österreich knapp 3,2 Millionen Menschen erwerbstätig, sind dies nunmehr etwa mehr als 4,1 Millionen.

Industrielle Arbeit sei nicht einfach verschwunden, sondern verlagert worden, erklärt Karin Steiner, Geschäftsführerin des Vereins abif (analyse beratung und interdisziplinäre forschung). Irgendwo müsste ja unsere Zahnbürste produziert werden.

Laut Goldman Sachs tragen die BRICS-Länder, Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, mit steigender Tendenz mittlerweile zu einem Viertel des weltweiten BIP bei. Die Auslagerung bringe eine Veränderung des klassischen Zentrum-Peripherie-Modells mit sich, meint Novy. Vormals charakteristische Merkmale der Peripherie wie flexibilisierte, informalisierte Arbeit hätten Einzug in die Metropolen gehalten.

Arbeit heute: zwischen Burn-Out und Bore-Out

Durch den Einsatz von Technologie bei der Gewinnung von Rohstoffen und in der Verarbeitung konnte eine deutliche Effizienzsteigerung erzielt werden. Dadurch ist der menschliche Arbeitsaufwand, der notwendig ist, um unser materielles Überleben zu sichern, deutlich gesunken. Doch entgegen diesen Tendenzen ist unsere Arbeitsbelastung gestiegen.

"Es gab kein Jahrzehnt, das so viel Stress am Arbeitsplatz kennt wie das letzte Jahrzehnt. Wir haben viel Technologie in der Arbeitswelt integriert, aber es ist nicht belastungsärmer geworden“, erklärt Arbeitspsychologe Theo Wehner dazu. Er meint, unsere Arbeitsverhältnisse würden sich vermehrt zwischen den beiden Polen Burn-Out und Bore-Out aufgrund stupider Tätigkeiten bewegen. Jede zehnte Krankschreibung am Arbeitsplatz weise das Merkmal der Depression auf.

Dies stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen. "Die Bereitschaft zur Flexibilität und das Gespür für zukünftige Veränderungen müssen sich zwangsläufig auch in den Arbeitsbedingungen widerspiegeln“, erklärt Helwig Aubauer, Leiter der Abteilung Arbeit und Soziales der Industriellenvereinigung.

Entwicklungen wie Corporate Social Responsability (CSR) stellen einen Ausdruck solcher Optimierungstrends des Arbeitsumfeldes zum Zwecke der Produktivitätssteigerung dar. "Je mehr CSR als integrierte Managementstrategie im Unternehmen verfolgt wird, desto besser erfolgt die Implementierung neuer Arbeitszeitmodelle, wird mehr auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie Rücksicht genommen, werden Programme für ältere Arbeitnehmer entwickelt und Gesundheitsprogramme für Mitarbeiter angeboten“, sagt Aubauer. Hingegen warnt Peter Kampits, Alt-Dekan der Fakultät für Philosophie der Universität Wien, davor, dass gerade CSR zu einem bloßen Etikett verkommen könne.

Das Repertoire der Maßnahmen folgt schlussendlich auch dem Diktat der Effizienzsteigerung. Verstärkte Teamarbeit, flache und teils verschleierte Hierarchien, Netzwerkorganisationen sollen auch die Kreativität und Leistung der Mitarbeitenden steigern, meint der Soziologe Castells.

McMoments des Wissens und der Selbstverwirklichung

Im Postfordismus der Gegenwart entstehen neue Formen und Bereiche der Arbeit. Bildung und Wissen rücken vermehrt in den Mittelpunkt. Immaterielle Arbeit, Humankapital oder Wissensarbeiter sind die Stichworte dieser wissensbasierten Wirtschaft, lebenslanges Lernen und eine lernende Gesellschaft das Resultat einer sinkenden Halbwertszeit von Wissen.

Dieses verändere sich ständig, erklärt Karin Steiner: "Wenn Sie ein Studium in vier Jahren abschließen, ist das, was sie im ersten Semester gelernt haben, mitunter nicht mehr aktuell.“ Dies gelte nicht nur für hoch qualifizierte Bereiche wie jene der Computerbranche oder Medizin, sondern auch für sogenannte niedrigqualifizierte wie Handel, Tourismus und Gastgewerbe.

Wissen ist einer der zentralen Eckpfeiler postfordistischer Wirtschaft, Selbstverwirklichung ein anderer. Diese findet sich nun auch im Sortiment von McDonald’s. In der Werbung erleben die Mitarbeitenden Augenblicke bestätigender Selbstverwirklichung als "McMoments“: Ob zufriedene Kindergesichter oder Schichtleitung, Selbstverwirklichung scheint kein Privileg hochqualifizierter Arbeit mehr zu sein.

Das neoliberale Glücksversprechen ruht nun nicht nur auf der Säule scheinbar individualisierten Konsums, sondern baut auch auf Arbeit als Form der Selbstverwirklichung auf. Beispielsweise bieten McDonald’s und andere Unternehmen in Korporation mit einem zur Universität Wien gehörenden Karriereportal Studierenden die Chance, sich unentgeltlich an der Entwicklung einer Social-Media-Strategie zu beteiligen. Im Gegenzug erhalten Teilnehmende Management-Trainings und einen Eintrag mehr im Lebenslauf.

Arbeitslosigkeit, Präkarität und Sinnstiftung ohne Arbeit

So vermischen sich die vormals hervorstechenden Eigenschaften von niedrig- und hochqualifizierter Arbeit immer mehr. Während sich Menschen in niedrigqualifizierten Tätigkeiten nun auch dazu gedrängt sehen, sich in ihrem Beruf verwirklichen zu müssen, ist eine steigende Zahl von Hochqualifizierten mit prekären Arbeitsverhältnissen konfrontiert. Diese drückt sich vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie in der Kunst- und Kulturindustrie in Form unbezahlter Praktika, Projektarbeiten, Werksverträgen und befristeten Dienstverhältnissen aus.

Hochqualifizierte Arbeit in diesen Bereichen hat oftmals ihren Preis: schlecht oder unbezahlt. Vormals "Lebensphasen abhängige Prekarität“, d. h. in Übergangsphasen zwischen Ausbildung und Beruf, würde in manchen Bereichen zur Normalität, meint Steiner. Während prekäre Arbeitsverhältnisse im akademischen Milieu steigen, haben Akademiker dennoch immer noch mehr Chancen am Arbeitsmarkt. So liegt die Arbeitslosenrate für Pflichtschulabsolventen laut Statistik Austria im zweiten Quartal 2011 bei 8,9 Prozent, bei Akademikern nur bei 2,2 Prozent.

"Erwerbskarrieren werden so sein, dass man immer wieder Phasen der Arbeitslosigkeit hat, die man mit Weiterbildung füllt. Wir werden länger arbeiten und möglicherweise auch neben der eigenen Pension geringfügig erwerbstätig sein müssen”, wirft Karin Steiner einen Blick in die nahe Zukunft.

"Ich glaube, es ist ein ethisches Problem, hier eine Grenze zu finden, die den Antrieb, den man zur Selbstverwirklichung hat, unterscheidet von dem, wo man sich wirklich selbst ausbeutet“, sagt der Philosoph Kampits. Daher sei es eine ethische Verpflichtung, Prinzipien einzuführen, die ein bestimmtes Maß wiederherstellen würden. Eine Reflexion des Stellenwerts der Arbeit sei notwendig.

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