Sind Sie attraktiv genug für einen Job?

Emily Walton | aus HEUREKA 5/11 vom 23.11.2011

Attraktivität entscheidet auch darüber, ob man einen guten Arbeitsplatz und ein besseres Gehalt bekommt

Schönheit ist kein Kriterium, nach dem Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter ausgesucht werden. Genauer gesagt: Es ist kein explizit ausgesprochenes Kriterium. Niemand bekommt am Ende eines Vorstellungsgesprächs zu hören: "So fesch wie Sie sind, müssen wir Sie natürlich einstellen“ - oder, schlimmer: "Tut uns leid, Sie sind zwar fachlich gut qualifiziert, aber leider zu hässlich!“

Wegen einer solchen Begründung einen Job (nicht) zu bekommen, wäre zwar seltsam, mitunter aber wohl ehrlicher. Denn die Attraktivität als ein Faktor für beruflichen Erfolg ist wissenschaftlich belegt.

Was macht attraktiv - und wie wichtig ist das für den Job?

"Attraktivität beeinflusst den Erfolg, das wissen wir aus Studien“, sagt Andreas Hergovich vom Institut für Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation an der Universität Wien. Er beschreibt eine simple Versuchsanordnung: "Legt man einem Bewerbungsschreiben einmal ein attraktives Foto bei und einmal ein weniger attraktives, so werden die Bewerbungen unterschiedlich bewertet. Attraktivität macht sich, bis auf ganz seltene Ausnahmen, immer bezahlt.“

Was aber macht Attraktivität aus? Und wie kann jemand, der von der Natur weniger gesegnet wurde als andere, dieses Defizit ausgleichen?

Zunächst gibt es das, was die Sozialpsychologie als "universale Schönheitskriterien“ bezeichnet: "Ein symmetrisches Gesicht etwa gilt zeit- und kulturunabhängig als schön“, sagt Kornelia Hahn, Leiterin der Abteilung für Soziologie an der Universität Salzburg.

"Prinzipiell“, sagt Hergovich, "sind es in erster Linie Dinge, die genetisch bestimmt sind und auch eine biologische Signalwirkung haben, wie Jugendlichkeit oder bestimmte Merkmale, die bei Frauen als Zeichen von Fruchtbarkeit gesehen werden, wie ein optimales Taillen-Hüftenverhältnis“.

Andere Kriterien unterliegen "kulturspezifischen Schwankungen“. Im 17. und 18. Jahrhundert hat man sich etwa noch mit toxischen Stoffen gepudert, um schön auszusehen. Was gilt 2011 als attraktiv?

"Bei uns setzen heute ganz schlanke Menschen die Standards“, sagt Hahn. "Wir erleben eine Disziplinierung des Alltags bis in die Körperbewegungen hinein.“

Das hat vor allem auch die Ansprüche an Männer in die Höhe geschraubt, sagt Forscherin Hahn. Der alte Spruch der Tante Jolesch,, Was ein Mann schöner is wie ein Aff, is ein Luxus’, stimmt heute so nicht mehr. Konnte man(n) vor einigen Jahren noch mit einem teuren Anzug punkten, so muss heute auch der Körper darunter passen. Die Statur kommuniziert für sich: "Sie muss ästhetisch ansprechen“, sagt Hahn, "Schlankheit steht symbolisch für Zielorientiertheit, Selbstdisziplin und Rationalität. Das wird auf die beruflichen Kompetenzen übertragen.“

Vereinfacht gesagt: Wer seinen Körper im Griff hat, dem schreibt man auch im Job Disziplin zu; wer hingegen aussieht, als würde er Heißhungerattacken nicht standhalten, dem wird nicht zugetraut, unter Stress zu brillieren.

Ein neues Kapital am Markt: erotisches Kapital

"Schönheit färbt auf andere Eigenschaften ab. Das lässt sich kaum vermeiden. Schöne Menschen werden als intelligenter und sympathischer bewertet. Das beginnt bei den Kindern: Schöne Kinder bekommen mehr Aufmerksamkeit von Lehrern und Eltern. Das ist ungerecht, aber es ist so. Bei zwei fachlich gleich fähigen Personen wird die attraktivere mehr Erfolg haben“, sagt Psychologe Hergovich. Er fasst dies unter dem "Heiligenschein-Effekt“ zusammen.

Die Krux dabei: Die Effekte des Aussehens lassen sich nie ausblenden. "Unser Aussehen fließt in jede Interaktion ein“, sagt Soziologin Hahn, "die visuelle Wahrnehmung einer Person ermöglicht uns, sie zu identifizieren: Wir sehen Frau Müller - und erkennen sie über ihr Aussehen als Frau Müller.“ Ob wir Frau Müller nun besonders attraktiv finden oder nicht, wird dabei gleich mittransportiert.

Bevor wir uns nun kritisch im Spiegel betrachten, eine kleine Einschränkung: Attraktivität ist ein Faktor für beruflichen Erfolg, nicht der Faktor.

Man kann die Potenziale von Individuen, wie das der französische Soziologe Pierre Bourdieu getan hat, in verschiedene Typen von Kapital einteilen: Vereinfacht gesagt, gibt es ökonomisches Kapital (was man besitzt), soziales Kapital (wen man kennt) und humanes Kapital (was man weiß).

Geht es nach der britischen Soziologin Catherine Hakim von der London School of Economics, so soll bald ein vierter Typus als ebenbürtig anerkannt werden: das erotische Kapital. In ihrem gleichnamigen Buch (Campus Verlag, 2011) beschreibt sie dieses als "lange verschmähtes menschliches Gut, das bestimmt, wie wir leben, arbeiten und miteinander umgehen. Nicht nur Intelligenz bringt uns weiter - wir müssen neu lernen, Sex-Appeal und Schönheit für uns zu nutzen.“

"Sich hochzuschlafen ist nichts Böses“, provoziert Hakim. Oft würde aber schon ein geringerer Einsatz reichen: ein passenderer Haarschnitt etwa, oder ein besserer Anzug. Jeder hat die Möglichkeit, mehr aus sich zu machen, sagt Hakim.

Eine Schönheits-OP für eine ordentliche Gehaltserhöhung?

Wie groß ist der Anteil an Attraktivität, den wir selbst beeinflussen können? Hakim schätzt das Verhältnis von Startkapital und erarbeitetem Kapital bei der Schönheit 50 zu 50. Ein wesentlicher Teil des "erotischen Kapitals“ sei es nämlich, sich gut zu präsentieren. Und das, so Hakim, "hat nichts zu tun mit tiefem Ausschnitt oder kurzem Rock“ - jedenfalls nicht zwangsläufig.

Wie viel monetärer Gewinn lässt sich nun aus dem erotischen Kapital schlagen? Hakim zitiert in ihrem Buch Studien, darunter eine britische, die zum Ergebnis kommt, dass attraktive Männer um bis zu 20 Prozent, attraktive Frauen um bis zu 13 Prozent mehr verdienen. Plausibel? Oder absurd? "Derartige Zahlen können durchaus stimmen“, sagt der Wiener Attraktivitätsforscher Hergovich. Die Studien seien aber mit Vorsicht zu genießen. "Die Zahlen sind kaum auf einzelne Personen übertragbar und gelten nur im statistischen Durchschnitt.“ Es gibt auch Erhebungen, die folgende Resultate bringen: "10 Zentimeter Körpergröße bringen bei gleicher Qualifikation 2000 Euro mehr Gehalt.“

"Das kann schon der Fall sein“, meint Hergovich. "Man muss aber immer aufpassen, was dahinter steckt: Woran liegt es etwa, dass Personen, die größer sind, im Durchschnitt mehr verdienen? Sind sie besser ernährt worden und in der Kindheit mehr umsorgt? Hat sie das vielleicht ehrgeiziger und intelligenter gemacht? Dann wäre das der eigentlich ausschlaggebende Faktor für den Erfolg.“

Auch Soziologin Kornelia Hahn meint: "Größere Personen könnten schon auch mehr verdienen, weil sie präsenter im Raum sind.“ Sie will den "Schönheits-Faktor“ aber nicht in Geld oder prozentuellem Gehaltsplus ausdrücken: "Einen quantifizierbaren Automatismus kann man hier nicht so leicht herleiten.“ An der Grundaussage gibt es aber nicht viel zu rütteln, ob es nun ausgesprochen wird oder nicht, es gilt: Attraktive BewerberInnen bevorzugt.

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