Momentan haben wir noch genug Arbeit

Martina Weinbacher | aus HEUREKA 5/11 vom 23.11.2011

Wirkt sich die Euro-Krise auf die Arbeitsplätze der Österreicherinnen und Österreicher aus?

Im Zuge des weltweiten Konjunktureinbruchs sind hierzulande im Jahr 2009 rund 50.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Allerdings hat sich die heimische Wirtschaft rasch erholt. Bereits 2010 legte die österreichische Wirtschaftsleistung wieder um 2,3 Prozent zu. 2011 wird das Wachstum voraussichtlich drei Prozent betragen. Gleichzeitig ist die Anzahl der Arbeitslosen deutlich gesunken. Mit 3,9 Prozent war Österreich im September 2011 das EU-Land mit der geringsten Arbeitslosigkeit.

Noch herrscht in Österreich Rekordbeschäftigung

"Es herrscht Rekordbeschäftigung“, sagt Helmut Hofer, Arbeitsmarktökonom des Instituts für Höhere Studien IHS. Doch angesichts der hoch überschuldeten Staatshaushalte in den USA und Europa, allen voran Griechenland, zieht schon die nächste große Gewitterwolke am Konjunkturhimmel heran. "Die vorliegenden Indikatoren deuten darauf hin, dass sich das Wirtschaftswachstum in der Eurozone und damit auch in Österreich im nächsten Jahr deutlich verlangsamen wird“, so Hofer.

Gegenwärtig wird für 2012 ein Wachstum von rund einem Prozent erwartet. Was das für das Beschäftigungsniveau bedeutet, erklärt Rudolf Winter-Ebmer, Ökonom an der Universität Linz und Koordinator des Austrian Center for Labor Economics and the Analysis oft the Welfare State: "Die Arbeitslosenrate ist sehr stark mit dem Wachstum des BIP verknüpft. Wenn die Wachstumsrate unter zwei oder zweieinhalb Prozent fällt, ist eine Reduzierung der Arbeitslosenrate typischerweise nicht möglich.“

Jüngere Arbeitskräfte sind stärker von Jobverlust bedroht

Die derzeitigen Rekordbeschäftigungswerte in Zukunft aufrecht zu erhalten, wird also ein schwieriges Unterfangen. Sollte es erneut zu einem Konjunktureinbruch kommen, trifft es zuerst Beschäftigte in exportorientierten Industrien bzw. im Sachgüterbereich.

Das zeigte schon die letzte Krise. Regionen mit starker Industrie und Exporttätigkeit wie Oberösterreich waren laut Winter-Ebmer stärker von Personalkürzungen in Mitleidenschaft gezogen als etwa Wien, wo vorherrschend Administrations- und Dienstleistungsfirmen ansässig sind. Auch die Baubranche, der Großhandel und der Tourismus sind rasch von Krisenentwicklungen betroffen.

Dauert eine Krise länger und greift auf die Inlandsnachfrage über, sinkt zusätzlich die Zahl der Arbeitsplätze im Handel und im Dienstleistungssektor. Generell sind gering qualifizierte Arbeitnehmer sowie Randbelegschaften und jüngere Arbeitskräfte stärker durch Jobverlust gefährdet.

Zum einen sind diese schlechter in die Unternehmen integriert, es gilt das Prinzip "last in first out“. Zum anderen versuchen Unternehmen auch in Krisenzeiten, Fachkräfte zu behalten, weil deren Schlüsselkompetenzen nur schwierig zu ersetzen sind.

Auch bei älteren Arbeitskräften kann es im Falle größerer Kündigungswellen zum Verlust des Arbeitsplatzes kommen. Interessant ist, dass Männer früher von einer Krise betroffen sind als Frauen. Thomas Horvath vom Institut für Wirtschaftsforschung WIFO erklärt das so: "Aufgrund der geschlechtsspezifischen Segregation am Arbeitsmarkt sind Männer häufig in der exportorientierten Sachgütererzeugung und in der Leiharbeit tätig, während Frauen eher im Dienstleistungssektor beschäftigt sind.“

Hilft Kurzarbeit, in Krisen Arbeitsplätze zu halten?

Damit ein wirtschaftlicher Abwärtstrend nicht an Schwung gewinnt, seien staatliche Lenkungsmechanismen und vor allem eine aktive Arbeitsmarktpolitik wünschenswert, meint Horvath: "Wichtig ist, in einer beginnenden Wirtschaftskrise Arbeitsplatzverluste möglichst gering zu halten.“ Auf diese Weise könne ein vitaler Gesamtkreislauf erhalten bleiben, weil Haushalte und Unternehmen weiterhin konsumieren und investieren.

Genau das geschah 2009. Damals wurde die Krise in Österreich mit expansiver Wirtschaftspolitik bekämpft. "Die Konjunkturpakete, das Vorziehen der Steuerreform und die Wirkung automatischer Stabilisatoren, etwa der Arbeitslosenunterstützung, haben die österreichische Volkswirtschaft stabilisiert“, sagt Hofer. Zusätzlich hätten die Ausweitung der Qualifizierungsmaßnahmen und die Einführung von Kurzarbeit und Zeitarbeitskonten dazu beigetragen, dass die Folgen der Krise am Arbeitsmarkt begrenzt blieben, sind sich alle drei Experten einig.

Kurzfristig können Kurzarbeit und andere Formen der Arbeitszeitanpassung auf Betriebsebene Kündigungen vermeiden und betriebliches Humankapital erhalten.

Weniger Unsicherheit durch staatliche Eingriffe

Trotz zunehmender Exportverflechtung und eingeschränkter Lenkungsmöglichkeiten kommt dem Sozialstaat besonders in Krisenzeiten eine wichtige Rolle zu. Denn während er negative Auswirkungen durch wirtschaftspolitische Maßnahmen limitieren kann, hat er zusätzlich eine erwartungsstabilisierende Wirkung, erklärt Horvath: "Der Sozialstaat sichert Menschen gegen unerwartete Risiken wie Arbeitslosigkeit und Krankheit ab. Dadurch leben die Menschen in einem Umfeld geringerer Unsicherheit.“

Dies gälte auch für Unternehmen, ergänzt Winter-Ebmer: "Wenn Unternehmen überzeugt werden können, dass die Wirtschaftspolitik wirkungsvolle Maßnahmen gegen die Rezession ergreift, werden auch sie konjunkturstützende Schritte tätigen und versuchen, Arbeitskräfte im Betrieb zu behalten.“

Dank Euro-Krise kein großer Spielraum mehr für den Staat

Während die einzelnen Staaten bei der letzten Krise abfedernd eingreifen konnten, sind die Mittel der Wirtschaftspolitik heute beschränkt: "Der Unterschied zur Krise von 2008/09 ist, dass zur Krise der Finanzmärkte nun auch noch größere budgetäre Probleme der einzelnen Staaten kommen“, erklärt Horvath. Diese beschränken sich nicht nur auf Griechenland. Daher würde die Bekämpfung einer nächsten Rezession erschwert.

Aber noch befinden wir uns in keiner Krise, auch da stimmen alle drei Ökonomen überein. Denn trotz Unsicherheiten zeigen die Wirtschaftsbarometer bis dato noch in die "richtige“ Richtung. "Falls die Wirtschaft nicht deutlich stärker als erwartet einbricht, ist im nächsten Jahr mit keinem Beschäftigungsrückgang in Österreich zu rechnen“, meint Hofer. Er sieht auch noch keine Euro-, sondern eine Vertrauenskrise bezüglich der Solvenz von einigen Staaten im Euroraum, etwa Griechenland oder Portugal. Dies sei mit starken Rückgängen an den Börsen verbunden und verschlechtere die Stimmung der Unternehmer und Konsumenten. Deshalb sei es in dem derzeitigen Umfeld gestiegener Unsicherheiten besonders wichtig, dass die einzelnen Staaten das Vertrauen aller Marktteilnehmer wieder gewinnen.

Weitere Anstrengungen in der Bildungspolitik unumgänglich

Damit die Erwartungshaltungen von Haushalten und Unternehmen steigen, ist eine stabilisierende Finanzpolitik unumgänglich. Neben einer Budgetkonsolidierung sind in Österreich insbesondere weitere Anstrengungen im Bereich der Bildungs- und Innovationspolitik notwendig, sind die Ökonomen überzeugt.

Denn die "Humanressourcen“ bestimmen auch in Zeiten der Krise die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Daher sind Investitionen in den Bereich Forschung und Entwicklung ebenso wichtig wie in Aus- und Fortbildung. Nicht zuletzt werden der Erfolg einer Bildungsreform die künftige Beschäftigungsrate und die Chancen Österreichs am internationalen Markt maßgeblich beeinflussen.

Tipp

Alle Forschungsberichte des Austrian Center for Labor Economics and the Analysis oft the Welfare State sind online abrufbar auf www.labornrn.at

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