Was am Ende bleibt

Erich Klein | aus HEUREKA 5/11 vom 23.11.2011

Unser Weg in die Arbeit

Arbeit macht frei. Die Aufschrift an den Konzentrationslagern war nicht allein eine Erfindung der Nazis. Die mörderische Parodie auf den biblischen Spruch, wonach der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen solle, stellt in Verbindung mit dem energischen Gebot "Macht euch die Erde untertan!“ einen zentralen Ursprungsmythos Europas dar. Der Kapitalismus entstand aus dem Geiste neuzeitlicher, protestantischer Arbeitsethik - darüber herrscht Einigkeit; kein Zweifel besteht an der Richtigkeit dessen, was Marx und Engels im "Kapital“ schrieben: "Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“

Mit der biologisch-physiologischen Metapher des "Stoffwechsels“ hatten die Analytiker des Kapitals einen grundlegenden Paradigmenwechsel des 19. Jahrhunderts erfasst, der jenseits von Arbeitsteilung, Privateigentum und Entfremdung bis heute Gültigkeit besitzt. Wissenschaft, Technik und Industrie überwölben jegliches Verständnis von Arbeit. Die Fabrik löste vor gut hundertfünfzig Jahren Kirche und Tempel als zentralen Ort von Welt- und Lebensverhältnissen ab.

Inbegriff dieser neuen Form der Entfremdung wurde Chaplins Tramp, der vom Fließband der "Modern Times“ erfasst und von ihrem Räderwerk verschlungen wird. Zur selben Zeit wie Chaplins filmische Parodie des Taylorismus, der wissenschaftlichen Steuerung von Arbeitsprozessen, griffen Nazis und Kommunisten zu Bildern aus der Vergangenheit: Militarisierte Athleten bauen die Reichsautobahn; die Kommunistin steuert einen Mähdrescher.

Was bei aller totalen Vergesellschaftung dem Einzelnen geschieht, beschreibt Wenedikt Jerofejew in seiner Parabel "Reise nach Petuschki“ mit Blick auf die monumentalen, erstmals auf der Pariser Weltausstelllung 1937 gezeigten Figuren eines stählernen Arbeiters mit erhobenem Hammer und einer sichelschwingenden Kolchosbäuerin: "Mit dem Hammer haut er mir den Schädel ein, mit der Sichel schneidet sie mir die Eier ab.“

Wer aber wagte nach Wiederaufbau und Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit heute noch daran zu erinnern, dass einst auch ein "Lob der Faulheit“ gesungen wurde, oder eine Utopie vom befreiten Leben lautete: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen“?

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige