Kommentar

Wozu Wissenschaftsjournalismus?

Elisabeth J. Nöstlinger | aus HEUREKA 1/12 vom 02.05.2012

Copy and pasted“ - dazu verkomme mitunter der Wissenschaftsjournalismus, beklagte eine Kollegin aus Madrid bei der EUSJA Generalversammlung in Leiden bei Amsterdam. Was dort europäische Wissenschaftsjournalisten diskutierten, rüttelte an den Grundfesten demokratischer Praxis. In der Schweiz etwa setzte die "Grande Dame“ des Wissenschaftsjournalismus, Rosmarie Waldner, während ihrer Zeit als verantwortliche Redakteurin des Tages-Anzeiger fünf Anstellungen durch. Mit ihren Analysen, Berichten und Kommentaren befähigen sie die Schweizer, kenntnisreich zu den Urnen zu gehen und über Gentechnik, Atomkraft etc. abzustimmen. Die Schweizer nehmen ihr Stimmrecht wahr, entscheiden mit.

In Österreich sieht es anders aus. Für mehr als die Hälfte aller ÖsterreicherInnen ist Wissenschaft und Forschung bedeutungslos, und etwa die Hälfte hält Grundlagenforschung weder für notwendig noch für unterstützenswert. Die Zahlen stammen vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung 2011. Bis heute haben sie sich wohl kaum verändert.

Schaffen hier aufgerüstete Wissensagenturen und zahlreiche PR-Stäbe der Universitäten, die Wissenschaftsjournalisten mit News versorgen, einen Wandel? Die stilistisch gut gemachten Beiträge sind Platzfüller für schwach dotierte Redaktionen und für manche Journalisten eine willkommene Vorlage für "Copy and pasted“.

Sind Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus eine wertvolle Synergie oder unheilvolle Allianz? Manche Wissenschafter meinen wohl, Wissenschaftsjournalismus sei eine Art PR-Service, dessen einzige Aufgabe sei, wissenschaftliche Erkenntnisse den Menschen vereinfacht zu erklären.

Andere sehen Wissenschaftsjournalisten als Verbündete. Einige erkennen den tiefgehenden Wert von Journalismus und schätzen einen ausgewogenen und skeptischen Blick geschulter Journalisten und ihre Kritik als vertrauensbildenden Nutzen für die Gesellschaft. Außerdem sind beide einander nicht völlig fremd. Immerhin stehen sie auf demselben Fundament: Sie vertrauen darauf, dass Schlussfolgerungen Beweise bedürfen und alles hinterfragt werden kann. Dafür bedarf es qualifizierter, unabhängiger Journalisten. Ein zu diskutierender contrat éthique zwischen Wissenschaftern, Wissenschaftskommunikatoren und Wissenschaftsjournalisten könnte die Spielregeln in der Wissensgesellschaft neu ordnen.

Elisabeth J. Nöstlinger, Wissenschaftsredakteurin Ö 1 und Vorsitzende des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten

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