Bäume zählen war gestern

Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 1/12 vom 02.05.2012

Der Erfinder der Nachhaltigkeit zählte und pflanzte Bäume. Doch was bedeutet sie heute - außer Marketing?

Am Anfang war das Holz. 1713 formulierte Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz am kursächsischen Hof in Freiberg in Sachsen als Erster den forstwirtschaftlichen Grundsatz, nicht mehr Bäume zu fällen, als wieder nachwachsen können. Von Carlowitz wollte damit den Holzbestand für den Bau von Silberminen sichern. Ganz nebenbei machte ihn das quasi zum "Erfinder“ der Nachhaltigkeit.

Hans Carl von Carlowitz‘ klare und nachvollziehbare Idee vom Erhalt des Verbrauchten hat in den letzten drei Jahrzehnten groß Karriere gemacht.

Nicht zuletzt das 1992 auf der UNO-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro verabschiedete Aktionsprogramm Agenda 21, das nachhaltige Entwicklung als globales Leitprinzip verankert, zeichnet dafür verantwortlich. Längst hat die Nachhaltigkeit in fast jeden Lebensbereich Einzug gehalten - scheinbar überall wird nachhaltig investiert, produziert, konsumiert.

Mit dem Sprung auf die Weltbühne sieht sich das Konzept allerdings auch erweiterten, komplexen Anforderungen gegenüber. Wo von Carlowitz Bäume zählen und pflanzen konnte, gilt es heute, diffizile Wirkungen und Wechselwirkungen auf ökologischer, ökonomischer und sozialer Ebene unter einen Hut zu bringen.

Schon eine simple Entscheidung wie etwa über die Verpackungsgröße eines Produkts kann eine Menge relevanter Größen beeinflussen, etwa Materialeinsatz, Absatzwege, mögliche Transport- und nötige Treibstoffmengen, usw. So ist aus dem ursprünglichen Wald von 1713 langsam, aber sicher ein Dschungel geworden, in dem es immer schwieriger wird, Nachhaltigkeit in der Gesamtheit klar zu definieren und zu messen.

Einzelne Dimensionen der Nachhaltigkeit sind indes sehr wohl quantifizierbar: CO2-Emissionen, Energieverbrauch, Abfallmengen, Arbeitsunfälle, Krankenstandstage, etc.

Jedoch ist nicht jeder Nachhaltigkeitsaspekt für jedes Tätigkeitsfeld von Bedeutung. Deswegen wird auf unternehmerischer Ebene individuell entschieden, welche der unzähligen Aspekte für eine einzelne Firma wesentlich sind. Das heißt, ein Unternehmen legt fest, ob und was es misst - und vor allen Dingen auch, welche Daten es (nicht) veröffentlicht.

Momentan fällt es schwer, zwischen Umweltberichten, Kennzahlen und Nachhaltigkeitsratings den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Es bleibt zu hoffen, dass die Nachhaltigkeit nicht nur in aller Munde, sondern auch in allen Köpfen ihren Platz finden wird.

Hans Carl von Carlowitz, "Erfinder“ der Nachhaltigkeit

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