Haidingers Hort der Wissenschaft

Nachhaltig Grün?

Martin Haidinger | aus HEUREKA 1/12 vom 02.05.2012

Wer wie der Autor als politisch waches Büblein die frühen Achtzigerjahre in Österreich erlebt hat, erkannte schon bald, dass die neuen "Grünen“ die Gesichtszüge eines verrückten Professors trugen.

Zwar wehte damals noch nicht der filterlose Atem Van der Bellens über die alternativen Gewässer, doch gab sich ein "Vereinter Grüner“ abseits anderer Verhaltensorigineller wie Nenninghirsch und Reiherlötsch, Tante Freda, Cheferot Fux, Emanzokratin Komlosy und Schlaubauer Kaspanaze betont edel-akademisch: Alberne Witzeleien mit Namen mögen erbärmlich sein, aber Professor Alexander Tollmann hatte tatsächlich den tollen Blick des irrlichternden Wissenschafters, des Borderline-Geologen.

Indes sprach er nicht für die Schleimschnepfe in Forst und Au, nicht für den wendigen Waldkormoran oder die Rettung von Krötenwanderwegen und Kaninchenumzugsrouten, sondern seine Sorge galt neben der Atomkraft mit steigendem Alter dem Meteoriteneinschlag, der Apokalypse, dem Weltuntergang.

Den Weltuntergang erwartete er 1999 in seinem Waldviertler Bunker. Der wackere Mann hielt sich nicht mit Details auf, sondern kümmerte sich gleich ums Ganze, um Götter, Tod und Teufel.

Sein politischer Fußabdruck mag verweht sein, Tollmann ist tot; allerdings ist den heutigen Grünen auch nicht wirklich wohl.

Ob’s ihnen passt oder nicht - es stand an der Wiege ihrer Bewegung ein Künder des nahenden Weltuntergangs. Doch gerade darin urteilte er nicht nachhaltig, denn die Erde war auch nach 1999 noch da, und die Glaubwürdigkeit des Eingebunkerten dahin. Dabei hatte alles so schön geklungen …

Das Lästige an Prophezeiungen ist, dass sie stets die Zukunft betreffen.

Wozu dann heute noch wissenschaftlich aufgemotzte Kassandrarufe von grünen Parteien? Noch dazu, wo auch gut gerüstete Gegner von Öko-Katastrophenszenarien auf Kommando alle möglichen akademischen Gutachter aufbieten können, die das Gerede von Klimazielen und Treibhausgasen als Quatsch niederzuwürgen verstehen.

Vielleicht kann man an einem verschwiegenen Wegstück das eine oder andere Experterl aus der Kurve fliegen lassen, und sich grünerseits dazu bekennen, dass man Ziele einfach deshalb verfolgt, weil sie dem eigenen politischen Willen entsprechen, und nicht, weil sie auftragsgemäß in irgendeinem befreundeten Gutachten stehen?

Ich mein’ ja nur - wäre vielleicht nachhaltiger.

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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