Wie grün ist uns die Wissenschaft?

Werner Sturmberger | aus HEUREKA 1/12 vom 02.05.2012

Dem Begriff "grüne Wissenschaft“ stehen Wissenschafter mit Skepsis oder Unverständnis gegenüber. Also eine gute Gelegenheit, mit ihnen darüber zu reden, um mögliche Bedeutungen auszuloten

Grüne Wissenschaft? Man könnte sich vieles darunter vorstellen.“ Markus Wissen, Politikwissenschafter an der Uni Wien, legt sich nicht fest. Verena Winiwarter, Dekanin der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung an der Uni Klagenfurt, präzisiert: ",Grün‘ ist keine wissenschaftsinterne Bezeichnung. Es ist eine Außenzuschreibung.“

Diese Annahme scheint auch Martin Schlatzer zu vertreten, Ernährungsökologe am Institut für Meteorologie des Departments Wasser-Atmosphäre-Umwelt an der BOKU. "Meines Wissens gibt es keine einheitliche Definition. Am ehesten würde ich es mit Nachhaltigkeit assoziieren, obwohl Nachhaltigkeit selbst nicht so präzise gefasst wird und oft zum, green-washing‘ missbraucht wird.“

Grün ist es, wenn es nachhaltig wirkt

Eine klarere Vorstellung von grüner Wissenschaft vertritt Elisabeth Grabenweger, Pressesprecherin des Wissenschaftsministeriums. Dort werde der Begriff "als Wissenschaft und Forschung für nachhaltige Entwicklung verstanden, also thematisch sehr viele Felder betreffend. Darunter fallen zahlreiche Bemühungen von Wissenschaftern, die im Bereich der nachhaltigen Entwicklung forschen.“

Der Physiker Serdar Sariciftci, Leiter des Instituts für Organische Solarzellen an der Uni Linz, betont einen weiteren Aspekt. Der Begriff müsse nicht nur Ziel einer Forschung für eine nachhaltige Gesellschaft beinhalten, sondern auch eine angemessne Methodik: "Die Substanzen und Verfahren der Wissenschaft und Technologie der Zukunft sollten umweltfreundlicher und nachhaltiger werden.“

Obgleich "grüne Wissenschaft“ als Begriff nicht präzise gefasst ist, lässt sich eins mit Gewissheit festhalten: Die Häufigkeit, mit welcher der Begriff "Nachhaltigkeit“ beim Versuch der Beantwortung verwendet wird, legt nahe, dass dieser eine gewisse Relevanz besitzt.

In den letzten Jahren lässt sich eine Konjunktur des Begriffes erkennen. Und wie es mit Konjunkturen so ist, verringert sich ihr medialer Wert immer dann, wenn das andere K-Wort die Runde macht: nein, nicht Klima - Krise.

Die Konvergenz der Krisen

Die aktuelle Situation ist qualitativ und nicht bloß quantitativ völlig neuartig. Serdar Sariciftci spricht davon, dass wir am Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend eine Konvergenz der Krisen erleben. Ihm folgend lassen sich vier Phänomene beschreiben: Knappheit von Ressourcen und Senken, Bevölkerungswachstum und das Ende des Neoliberalismus. Als Senken versteht man (Öko-)Systeme, die der Umwelt Schadstoffe entziehen - im Falle von CO2 sind das vor allem Regenwälder, Weltmeere und Böden als primäre Aufnahmemedien der globalen Emissionen.

Die ersten beiden Phänomene beschreiben die materiellen Austauschbeziehungen der Menschen mit der Natur. Sie haben sich beginnend mit der Industrialisierung seit Beginn des 20. Jahrhunderts massiv gesteigert.

"Wir haben eine wesentlich größere Materialumsatzmenge als jemals zuvor. Das ist völlig einzigartig und gründet in der fossilen Energie“, führt Verena Winiwarter aus. Diese Energie droht uns in ihrer fossilen Form auszugehen.

Auch Markus Wissen kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: "Es sprechen alle Fakten dafür, dass wir mit einer qualitativ neuen Situation konfrontiert sind. Sowohl ressourcen- als auch senkenseitig durch den Aufstieg der Schwellenländer, aber auch durch die Tatsache, dass der Norden auf seinem industriellen Wachstumspfad voranschreitet.“

Dieser Pfad führt zunehmend nach Indien und China. Im Rahmen einer globalen Arbeitsteilung ist die Bedeutung Chinas als Industriestandort beträchtlich gewachsen. Damit steigt aber auch der globale Bedarf an Ressourcen und Senken.

Zusätzlich führt der durch die Industrialisierung geförderte Wohlstand einzelner Bevölkerungsgruppen der Schwellenländer zu einer Verbreitung "fossilistischer“ Konsummuster nach dem Zuschnitt der etablierten Industriestaaten. "Fossilistisch“ sind besonders ressourcen- und emissionsintensive Formen des Konsums: automobiler Individualverkehr, Flugreisen und hoher Fleischkonsum.

Fleischkonsum als Bedrohung

Wer weiß schon, dass Fleischproduktion besonders ressourcen- und emissionsintensiv ist? Fleisch ist ein sehr ineffizientes Nahrungsmittel, wenn man wie in der industriellen Massentierhaltung Tiere mit Getreide und nicht mit agrarischen Abfallprodukten füttert.

Für ein Kilo Fleisch benötigt man ca. drei Kilogramm Getreide, wobei ein Kilogramm Fleisch lediglich halb so viele Kalorien enthält wie eine entsprechende Menge Getreide. Mit den Kalorien, die bei der industriellen Fleischproduktion verlorengehen, könnte man hochgerechnet 3,5 Milliarden Menschen ernähren.

Martin Schlatzer führt weiter aus: "Bereits jetzt werden 40 Prozent der Weltgetreideernte verfüttert. Bei der Weltsojaernte sind es sogar 90 Prozent. Wenn die Prognosen über den steigenden Fleischkonsum eintreffen, werden wir noch mehr Getreide zur Fleischproduktion benötigen.“

Der Druck auf die Ernährungssicherung steigt mit dem wachsenden Konsum von Fleisch. Auch wenn es fraglich ist, was Ernährungssicherheit bedeutet, wenn rund eine Milliarde Menschen auf der Welt Hunger leidet.

Während die Nachfrage nach Fleisch wächst, schrumpfen gleichzeitig die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Die Gründe dafür: Klimawandel, Verschlechterung der Fruchtbarkeit der Böden, Flächennutzung durch Suburbanisierung, Anbau von Baumwolle oder von Pflanzen für die Biosprit-Produktion.

Sind wir bald zehn Milliarden?

Die Weltbevölkerung wird in Zukunft weiter wachsen. Sie hat sich im 20. Jahrhundert nahezu vervierfacht. Bis zum Jahr 2050 rechnet man mit einem Wachstum auf etwa 9,7 Milliarden Menschen. Subsahara-Afrika ist dabei eine jener Regionen, für die ein besonders hohes Bevölkerungswachstum angenommen wird. Afrika aber ist bereits jetzt von Mangelernährung betroffen. "Selbst bei einem Szenario, in dem man von einer perfekten Anpassung an den Klimawandel ausgeht, was etwa die Wahl der angebauten Sorten betrifft, werden die Ernteerträge beeinträchtigt werden“, sagt Schlatzer.

Wie sich die Situation tatsächlich entwickeln wird, ist schwierig vorherzusehen, meint Anton Huber, Chemiker am Kunststoff-Labor CePoL der TU Graz: "Natur ist kein technisches, sondern ein selbstorganisierendes System, das sich durch zunehmende Kausal-Entkopplung von der Umgebung auszeichnet.“ Eine optimistische Annahme bezüglich der Steuerungsfähigkeit des Klimas durch den Menschen kann daher als unrealistisch gelten.

Leben wir im eigenen Endzeitalter?

Wie sehr die Menschheit in ihre biologischen Grundlagen eingegriffen hat, zeigt die noch recht junge Debatte um den Begriff "Anthropozän“. Geht es nach dem US-amerikanischen Biologen Eugene Stoermer, der den Begriff prägte, und dem niederländischen Atmosphärenphysiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen, der ihn popularisierte, leben wir in einem neuen Erdzeitalter.

Bereits im Jahr 2008 befand die stratigraphische Kommission der Geological Society of London, dass hinreichend Beweise für einen erdzeitalterlichen Abschnitt vorliegen, der ohne bisherige Entsprechung sei. Das schrieb der italienische Geologe Antonio Stoppani bereits 1873. Er sprach, jedoch ohne Gehör zu finden, vom Anthropozän, von einer "neuen tellurischen Macht, die es an Kraft und Universalität mit den großen Gewalten der Natur“ aufnehmen könne.

Diese Macht ist die Spezies Mensch selbst. Wir leben nicht nur im Anthropozän, wir haben es sogar selbst erschaffen; nicht bloß als Begriff oder Konzept, sondern als faktische Realität. "Das Anthropozän anzuerkennen bedeutet, dass wir uns selbst in dem Bild, das wir uns von der Natur machen, bewusst berücksichtigen. Nun können wir, statt anzunehmen, dass wir keinen großen Einfluss auf die Natur ausüben, entscheiden, wie wir diesen gestalten“, meint Erle Ellis, Professor am Departement of Geology & Environmental System der University of Maryland.

Bruch mit der Naturbeherrschung

Damit ist ein Auftrag formuliert. Und der erste Schritt könnte der Bruch mit dem Paradigma der Naturbeherrschung sein - oder wie Verena Winiwarter sagt, mit "technologischen Fantasien von Naturbeherrschung. Wir beherrschen die Natur bei Weitem nicht so gut, wie wir das gern täten. Globale und lokale Umweltprobleme sind vor allem Ausdruck dessen, dass wir sie nicht beherrschen.“

Im Angesicht der Umweltkrise greifen technische Lösungen zu kurz. Die Stellschraube der Ressourceneffizienz allein ist ein tückisches Instrument: Effizientere Technologie führt meist zu ihrer Mehrnutzung. Diesen Rebound-Effekt beschrieb der englische Ökonom William Stanley Jevons im Jahr 1865: Er stellte fest, dass die technischen Neuerungen bei Dampfmaschinen ihren Kohleverbrauch deutlich senkten. So wurde Kohle zu einer günstigen Energiequelle, worauf der Gesamtverbrauch deutlich anstieg.

Die technologischen Neuerungen erlauben, mit weniger Ressourcen mehr Güter herzustellen. Doch diese relative Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum wurde durch Letzteres überkompensiert. Das heißt, der Verbrauch stieg an. "Allerdings hat eine absolute Entkopplung, und das ist das einzige, was zählt, nicht stattgefunden. Alle Studien weisen darauf hin, dass mehr Effizienz allein nicht ausreicht“, erklärt Wissen.

Auf Kohle folgte Erdöl, was dann?

William Stanley Jevons Befürchtung, die ihn zu seiner Studie veranlasste, nämlich der Zusammenbruch der Kohleförderung, sollte sich erst hundert Jahre später bewahrheiten. Der Grund für die Verzögerung: das Erdöl. Nun nähert sich auch die Geschichte der Erdölnutzung ihrem Schlussakt.

Eine fixe Zweitbesetzung für die Rolle des Erdöls in der globalen Ökonomie gibt es nicht, nur ein Ersatzensemble alternativer Energien. Das reicht von Biosprit, der Klimaprobleme verstärkt und vor allem den Ländern des reichen Nordens hilft, gängige Konsummuster aufrecht zu erhalten, bis hin zu Wind- oder Solarenergie.

Letztere stellen für Serdar Sariciftci das Rückgrat einer nachhaltigen Energieversorgung dar: "Die dezentrale und delokalisierte Energieversorgung mit Solarenergie und/oder Windenergie, teilweise unterstützt mit delokalisierter Geothermie, ist die vernünftige Antwort auf diese konvergierenden Krisen.“

Dass wir diese Technologien entwickeln konnten, liegt paradoxerweise an der fossilen Energie, erklärt Verena Winiwarter: "Den Innovationsfortschritt, den uns die fossile Energie liefert, werden wir in einer postfossilen Ära dafür nutzen, eine wesentlich technischere Zivilisation haben zu können. Wir werden vielleicht nicht auf alle Annehmlichkeiten, die wir jetzt haben, verzichten müssen.“

Fällt das Paradigma vom Wachstum?

Nimmt man die Definition im Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung für Nachhaltigkeit ernst, heißt dies mit den Rahmenbedingungen zu brechen, in denen der Begriff verortet ist: "Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Wie Markus Wissen erklärt, ist der Begriff Ausdruck des Bemühens, Entwicklung verstanden als Wachstum mit Umweltschutz zu versöhnen. Festhalten am Wachstumsparadigma steht einer nachhaltigen Entwicklung und einem umfassenden gesellschaftlichem Wandel zusehends im Weg. Ohne diesen wird jedoch ein bewusster Umgang mit der Natur, eine bewusste Gestaltung von Naturverhältnissen nicht zu haben sein.

"Man bräuchte eine sozialökologische Transformation. Da müssten Fragen gestellt werden, die in der aktuellen Debatte nicht vorkommen: die Suffizienzfrage - was brauchen wir zu einem guten Leben? Die Frage der Demokratie - wie gestalten wir die Aneignung von Natur demokratisch?“ Nur dort, wo Ressourcen nicht exklusiv zugunsten meist ökonomisch mächtiger Akteure verwendet werden, sei diese Aneignung auch nachhaltig.

Grün ist keine Frage der Technik

Die technischen Wissenschaften haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht, folgt man Serdar Sariciftci: "Wissenschaft und Technologie statten uns mit Instrumenten aus, aber die Anwendung dieser Instrumente wird die Gesellschaft verantworten. Falls wir als Gesellschaft eine weise und kluge Wahl treffen, wie Aristoteles schreibt, dann sind die Instrumente heute schon vorhanden.“

Das lenkt den Fokus einer grünen Wissenschaft auf geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen. Elisabeth Grabenweger erläutert dies so: "Fortschritte in der Entwicklung und im Einsatz innovativer Technologien können Krisen entschärfen. Doch wichtig ist auch Forschung zur Frage, wie die Transformation der Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit gelingen kann - sind doch gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen weitaus schwieriger zu bewirken als beispielsweise eine reine Effizienzsteigerung in technischen Prozessen.“

Weder Markt noch Staat

Wie kann die Gesellschaft angeregt werden, eine kluge Wahl zu treffen? Reichen Markt und Staat als Taktgeber einer solchen Umstrukturierung aus?

Das ist aus mehreren Gründen zweifelhaft. Der Markt ist weitgehend blind gegenüber seinen ökologischen und sozialen Grundlagen - Profitmaximierung und Ressourcenschonung schließen sich weitgehend aus.

Der Wandel des Neoliberalismus hin zu einer "green economy“ könne daher nicht als gesamtgesellschaftliche Transformation, sondern eher als selektive ökologische Modernisierung gelten, so Markus Wissen. Ebenfalls skeptisch betrachtet er die Rolle des Staates: dieser sei ja nie bloß neutraler Akteur - der Staat als Terrain würde einzelnen Akteuren bessere Chancen einräumen, ihre Interessen zu formulieren, während andere und ihre Themen praktisch völlig ausgeschlossen sind - darunter etwa auch das der Suffizienz. Sein Schluss daher: "Ich denke, dass Veränderungen sehr stark von unten ausgehen müssen, dass sie erkämpft werden müssen, statt allzu sehr auf staatliche Politik zu hoffen.“

In diesem Kontext ist auch die Rolle einer emanzipatorischen, sozialökologischen Wissenschaft angesiedelt, wie sie Markus Wissen vorschwebt: "Wissenschaft hat eine wichtige Funktion, wenn es darum geht, nachhaltige Formen des Umgangs mit Natur sichtbar zu machen, Konflikte zu untersuchen, Widersprüche von vorherrschenden Formen der Naturaneignung herauszuarbeiten und dabei auch Ansatzpunkte für emanzipatorisches Handeln zu identifizieren.“ Ähnlich Verena Winiwarter, die ihre Arbeitsweise wie folgt beschreibt: ",Meine‘ Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung steht dafür, dass man sich nicht zuerst Wissen ausdenkt und es dann transferiert, sondern dass robustes und gesellschaftlich relevantes Wissen am besten dann entsteht, wenn man diejenigen, die dieses Wissen nutzen sollen, schon an seiner Herstellung beteiligt.“

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