"Die ÖAW muss zusperren lernen“

Florian Petautschnig | aus HEUREKA 1/12 vom 02.05.2012

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat eine Sonderstellung. Sie wird vom Bund finanziert, muss aber anders als Universitäten weder Studierende aufnehmen noch lehren. Nun soll sie sparen

Es gibt kaum eine Forschungseinrichtung in diesem Land, die derzeit nicht den Sparstift ansetzen muss. Bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist das nicht anders. Doch im Gegensatz zu den Universitäten, wo auch gelehrt wird, kann sie den größten Teil der ihr zur Verfügung stehenden Mittel - und das sind rund 100 Millionen Euro im Jahr - rein für die Forschung einsetzen. Genießt die Akademie also eine Sonderstellung? Und warum entsteht eine derartige Einrichtung überhaupt?

Die Idee einer vom Staat unabhängigen Forschung

Es begann im 19. Jahrhundert. Wissenschaft passierte damals vornehmlich an den Universitäten. Diese hatten nur einen Zweck: "Sie sollten das forschen und lehren, was im Sinne des Staates war“, sagt der Präsident der ÖAW, Helmut Denk. Im Jahr 1837 kam die Idee auf, in Wien eine Institution zu gründen, die Wissenschaft und Forschung betreiben soll, und zwar unabhängig vom Staat.

1847 war es dann soweit: Die Akademie der Wissenschaften (zuerst als "Kaiserliche Akademie der Wissenschaften“) wurde als "oberste Behörde“ der Wissenschaft gegründet; als Ort, der ausschließlich dafür bestimmt war, neues Wissen unabhängig zu generieren. Zunächst als Gelehrtengesellschaft, also als Verbund von Wissenschaftern, die laut Denk "neben Forschung eine Mittlerrolle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft spielen soll“. So gesehen wäre es falsch zu behaupten, die Akademie betreibe keine Lehre. Die Gelehrtengesellschaft steht auch heute noch Gesellschaft und Politik als beratende Instanz zur Seite. Nach und nach übernahm die Akademie auch immer mehr Forschungsaufgaben und wurde damit zu einem Träger der Forschung.

Eigene Forschung und Beratung - das sind zwei Hauptaufgaben der ÖAW heute. Aber was unterscheidet die Akademie der Wissenschaften von Universitäten, an denen ebenso Wissen vermittelt und geforscht wird?

"Bei den Universitäten ändern sich die Schwerpunkte bisweilen schneller. Es gibt eine höhere Fluktuation des Personals“, sagt Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. "Die ÖAW kann Forschungen längerfristig anlegen.“ Und ÖAW-Präsident Denk meint: "Wir müssen das tun, was an den Unis nicht leicht gemacht werden kann. Wir müssen auch Langzeitprojekte und risikoreiche Forschung betreiben, wir müssen in vielen Bereichen mehr in die Tiefe gehen.“

Außerdem seien manche Forscher weniger für die Lehre an Universitäten geeignet, aber trotzdem fachlich äußerst kompetente und erfolgreiche Wissenschafter. Solche gelte es an die Akademie zu holen, damit sie sich hier rein auf ihre Forschung konzentrieren können. Das trage Früchte, meint Wissenschaftsminister Töchterle: "Es gibt an der Akademie einige Top-Institute, wie zum Beispiel das Institute of Molecular Biotechnology IMBA, das Institut für Demographie, das Center for Molecular Medicine CEMM oder das Institut für Quanteninformation und Quantenoptik, die sich international wirklich sehen lassen können.“

Erste Leistungsvereinbarung der ÖAW mit dem Bund

"Die Akademie hat in den letzten Jahren ein enormes Wachstum erlebt“, erklärt Töchterle. "Seit dem Jahr 2000 hat sich ihr Budget in etwa verdoppelt.“ In dieser Dimension könne es nicht weitergehen.

Letzten November wurde die erste Leistungsvereinbarung in der Geschichte der ÖAW mit dem Bund unterzeichnet. Also eine Art Vertrag, der festschreibt, welche Mittel die Akademie in den nächsten drei Jahren vom Bund erhält. Im Rahmen dieser Vereinbarung ist festgelegt, dass die Akademie eine sogenannte Planungssicherheit über drei Jahre erhält. Ein Globalbudget von insgesamt 224 Millionen Euro ist ihr für die nächsten drei Jahre sicher.

Gleichzeitig muss die Akademie gewisse Leistungen erbringen, die ebenfalls in der Leistungsvereinbarung definiert sind - etwa bestimmte Forschungsschwerpunkte mit dem Geld, das ihr vom Bund zur Verfügung steht, gezielt forcieren.

Auch muss die ÖAW ihre Aktivität in manchen Disziplinen etwas zurücknehmen oder sich gänzlich von ihnen trennen: So sollen im Laufe der nächsten Jahre mehrere Institute zusammengelegt oder an Universitäten abgegeben werden. Bei drei Instituten ist diese Übertragung schon erfolgt: Das Institut für europäische Integrationsforschung, die Kommission für Rechtsgeschichte und Teile der Kommission für Linguistik und Kommunikationsforschung sind seit dem 1. April 2012 Teil der Universität Wien.

Bei den anderen Instituten gibt es bislang nur (wenn auch teilweise sehr vielversprechende) Verhandlungen und Spekulationen, aber noch nichts Konkretes. Aus Expertenkreisen hört man, dass etwa das Institut für Limnologie an die Universität Innsbruck kommen soll. Allerdings betonen Insider auch, dass sich die Namen dieser "Übertragungskandidaten“ laufend ändern können.

Kann sich die ÖAW auf internationalem Niveau halten?

Das budgetäre Problem, das derzeit an der Akademie herrscht, werde nicht so schnell gelöst werden können, meint der Präsident des Wissenschaftsfonds, Christoph Kratky. "Klar hat die Akademie einige sehr starke Bereiche, aber es gibt auch einige Institute, die nicht so gut sind und nicht den Anspruch international wissenschaftlicher Exzellenz erfüllen.“

Forschung an einer Institution, die sich ausschließlich dieser widmet, müsse exzellent und international auf Top-Niveau sein, meint Kratky. "Wenn die Akademie ihre weniger guten Institute weiter schleppen muss, bleibt nichts anderes übrig als das Notprogramm.“ Das hieße, alle befristeten Verträge auslaufen zu lassen und keine Neuanstellungen. Das Problem dabei, so Kratky: "Man sichert sich dann aber die Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Die Akademie muss das Zusperren von Instituten lernen.“

Gelingen der Akademie die entsprechenden Vorhaben, braucht sie sich in den nächsten Jahren um ihre Existenz theoretisch keine Sorgen zu machen. "Wenn alle Maßnahmen gelingen, wird in drei Jahren unterm Strich eine schwarze Null stehen“, sagt Helmut Denk.

Im Idealfall wären dann zumindest im wissenschaftlichen Bereich keine Kündigungen notwendig. Doch man müsse damit rechnen, dass nach entsprechender Bedarfsanalyse befristete Verträge nicht mehr verlängert werden.

Um diesen "Idealzustand“ zu erreichen, ist es Voraussetzung, dass die Übertragung einiger Institute an Universitäten klappt. Und wenn das nicht der Fall ist? "Dann muss man evaluieren, inwiefern die Arbeit, die an den betroffenen Instituten gemacht wird, zukunftsträchtig ist und sich in die Forschungslandschaft der ÖAW einfügen kann“, erklärt Wissenschaftsminister Töchterle. "Beispielsweise durch eine Bewertung durch internationale Wissenschafter.“

Bleibt dahingestellt, ob dann nicht doch die eine oder andere Schließung eines Instituts vorgeschlagen wird.

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