Kommentar

Hochschulautonomie als Kostenfrage

Herbert Hrachovec | aus HEUREKA 2/12 vom 23.05.2012

Der hochgestellte Ministerialbeamte, ein stadtbekannter Intellektueller, benutzte seinen politischen Einfluss, um eine Professur einrichten zu lassen, für die er sich bewerben konnte. Beim zweiten Anlauf hat er es geschafft. Das ist ein Beispiel aus der Zeit vor der "Universitätsautonomie“. Heute haben wir eine unabhängige Generaldirektorin ("Rektorin“), die solche Transaktionen im eigenen Wirkungsbereich durchführen kann, vorausgesetzt, sie bringt sie durch die Kontrollgremien.

Diese Autonomie bedeutet eine einschneidende Akzentverschiebung zwischen den Akteuren des traditionellen akademischen Betriebs. In der alten Ordnung lag die fachliche Kompetenz bei den Fakultäten, das hochschulpolitische Mikromanagement konnte dagegen jederzeit vom Ministerium übernommen werden. Dazwischen war das Rektorat, ein Ehrenamt. Das UG2002 hat die Machtverhältnisse gedreht. Auf Kosten der Selbstbestimmung von Instituten, Fakultäten und Senat ist nun das Rektorenteam mit einem weitgehenden Durchgriffsrecht ausgestattet. Aus einer vom Staat alimentierten Gelehrtenrepublik wurde ein vom Staat alimentiertes akademisches Unternehmen.

Universitäten sollen am Bildungsmarkt miteinander konkurrieren. Ihre Autonomie ist vom Gesetzgeber als Handlungsspielraum im Wettbewerb gedacht. Das Ideal der Autodetermination auf Grundlage des wissenschaftlichen Sachverstandes ist von der Logik profitorientierter Agenten in Konkurrenzverhältnissen abgelöst worden. Diese Sichtweise erzeugt ein Problem. Das Geld für die "Markt“-Teilnehmer kommt nach wie vor vom Staat. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten müssen sich im ökonomischen Feld bewähren und dazu noch die Werte der Nation hochhalten. Vor einem ähnlichen Dilemma stehen die Hochschulen als Schauplätze der realpolitisch machbaren staatlichen Bildungspolitik.

Unis können im wirtschaftlichen Sinn bloß autonom sein, wenn sie ihre vollen Kosten privat durch freie Gestaltung ihres Bildungsangebotes hereinbringen dürfen. Solange das gesellschaftlich umstritten ist, besteht ein Konflikt zwischen den öffentlichen Finanzen und den Unis als staatsnahen, aus dem Wissenschaftsministerium ausgegliederten Unternehmen. Die Verwerfungen liegen in der Konstruktion. Dennoch kann man mit dem Interessensgegensatz klug und weniger klug umgehen. Die Studiengebühren dem lokalen Uni-Management zu überlassen, ist keine kluge Idee.

Herbert Hrachovec ist Philosoph und Mitglied des Senats der Universität Wien

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