Brief aus Brüssel

Erasmus-Programm

Emily Walton | aus HEUREKA 2/12 vom 23.05.2012

Dieser Tage feierte das Studentenaustauschprogramm "Erasmus“ 20-jähriges Jubiläum in Österreich: Rund 5300 Studenten in Österreich nützen jährlich dieses Angebot; zu Beginn waren es knapp 900. Zum Jubiläum werden nun die Zuschüsse für Erasmus-Studenten um zehn Prozent erhöht.

Selbst war ich nie auf Erasmus. Während des Studiums hat sich der richtige Zeitpunkt nicht gefunden. Dennoch erlebte ich auch in Wien "Erasmus“: Ich hatte Austauschstudenten im Hörsaal und kannte die Welcome-Partys, die regelmäßig stattfanden.

Oft wird Erasmus mit einem Semester voll Ausgelassenheit in Verbindung gebracht. Wenn man einmal im Leben die Möglichkeit hat, in Madrid, Berlin oder Paris zu leben, sollte das auch genossen werden. (Spanien, Deutschland, England, Frankreich sind übrigens die beliebtesten Länder für ein Auslandssemester.) Der Studienerfolg ist zwar wichtig, aber oberstes Ziel ist es, in und über Europa zu lernen: Es geht um kulturellen Austausch, grenzüberschreitende Freundschaften und Mobilität.

Mit fast dreißig Jahren habe ich nun die Chance, Erfahrungen zu machen, die jenen der Erasmusstudenten gleichen könnten: In Brüssel, der Stadt, die meine neue Basis wird. Am ersten Abend soll ich eine Bekannte zum Place Luxembourg begleiten: Donnerstags geht es hier ähnlich zu wie auf einer Erasmusparty: Österreicher, Schweden, Deutsche, Franzosen usw. tummeln sich in den Bars.

"Brüssel ist ‚Erasmus‘ für Erwachsene“, sagt mir eine Polin, die im EU-Parlament arbeitet. Ich proste ihr mit meinem Plastikbecher weißen G‘spritzten zu - nachdem ich es geschafft habe, dem Kellner dieses Getränk zu erklären. Danach werde ich Menschen vorgestellt, die hier arbeiten - ein, zwei Jahre lang - und sich Eurocrats nennen.

Wie ich machen auch sie neue Erfahrungen (etwa in die vielen Schlaglöcher stolpern). Sie kennen meine Unsicherheit (Bestellen mit Händen und Füßen) und das Gefühl, mittendrin und doch nicht ganz dabei sein - die Eurokraten mischen sich nur selten mit den eingesessenen Brüsselern. Sie wissen, wie wichtig es ist, hart zu arbeiten. Und offen für Neues zu sein. Andersartigkeit schätzen zu lernen. Denn darum geht es in Brüssel - wie auch bei jedem anderen (beruflichen) Auslandsaufenthalt.

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