Das Netz für die Forscher der Zukunft

Gunnar Heinsohn | aus HEUREKA 2/12 vom 23.05.2012

Das Internet revolutioniert die Forschung und Entwicklung weltweit

Wer Rätsel des Altertums lösen will, sollte Jahre für das Erlernen toter Sprachen aufwenden oder wenigstens Kontakte mit Philologen pflegen, die ihm die fremden Idiome übersetzen. Schon innerhalb einer Universität braucht so etwas Wochen, außerhalb gelingt es so gut wie nie.

Noch vor Kurzem hätte man selbst unstrittigen Talenten von solchen Forschungen abgeraten. Doch 1991 geht die erste Website online. Und 2012 stehen fast alle Texte, die jemals aus Hieroglyphen, Keilschrift, Hebräisch, Persisch oder Altgriechisch übersetzt worden sind, zumindest auf Englisch im Netz. Ausgrabungsberichte aus der ganzen Welt kommen hinzu. Aus Jahren der Stoffaufbereitung werden Minuten. In einem Dutzend alten Sprachen gleichzeitig kann jetzt jeder nach - sagen wir - Berichten über kulturstürzende Himmelskörper fahnden und Querverbindungen erkennen, auf die unschuldige Übersetzer niemals verfallen.

Um große Geschäfte geht es bei solcher Recherche fast nie. Die werden immer noch in der Industrie gemacht. Obwohl sie etwa in den USA nur 11 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beisteuert, gibt sie 68 Prozent der Gelder für Forschung und Entwicklung (Susan Helper, Cleveland Case Western Reserve University) aus. Diese Arbeit ist von Konkurrenz und Geheimhaltung geprägt. Fast immer geht es um Materialen, also um die Qualitäten von Werkstoffen, was sie aushalten, wie sie bis in Nanogrößen kombinierbar sind, und welche noch nie bedachten Verbindungen möglich werden.

Selbst bei den Weltfirmen gibt es nur eine Handvoll Materialpäpste. Auch ihre Throne wackeln: Seit März 2012 ist auf Initiative von Gerbrand Ceder, MIT, das Materials Project online und macht die Eigenschaften von mehr als 20.000 Komponenten verfügbar. Das geht bis hin zu Bakterien, die mit den passenden Substanzen Batteriestrom erzeugen können.

Bis dato schwer zugängliche Befunde stehen damit weltweit bereit. Nationen ohne Grundlagenforschung können überholen, ohne einzuholen. Die Epoche endloser Rechtfertigungen für Rückständigkeit ist bald vorüber. Wer jetzt nicht nach vorne kommt, ist seines Unglücks eigener Schmied.

Entscheidend bleibt, wie gescheit solche Schätze zu Innovationen kombiniert werden. Fleiß und Wollen sind wichtig, aber entscheidend bleibt Kompetenz. Es ist kein Zufall, dass zwei chinesische Firmen zu den drei patentreichsten weltweit gehören (ZTE/1. und Huawei/3.). Da ihre Forscher erst einmal fremde Alphabete und Sprachen lernen müssen, bevor es mit dem Browsen losgeht, hilft nun einmal die Differenz zwischen einem IQ von 105 dort und 100 bei den Europäiden. Vor dem Kopieren muss man kapieren können - weshalb auch schon beim Nachahmen Verbesserungen erfolgen.

Virtuelle Cluster bis hin zu Erstellung von Prototypen entstehen. Denn die Geschwindigkeit bei deren Bereitstellung für die produktive Umsetzung determiniert das Firmenüberleben.

Was früher zeitraubend war, kann heute ein Einzelner entwerfen und dreidimensional gezeichnet an Spezialisten mailen. Die stellen mit dreidimensionalen Druckern zum Preis von einer Million Euro nach wenigen Stunden das fertige Modell einer Produktionsabteilung zu. Die 2007 in Eindhoven gegründete 3D-Druckfirma Shapeways versandte bereits 2011 eine Dreiviertelmillion solcher Objekte. Kleine Teams von Leuten, die man in Großeinrichtungen deckelt, bestimmen die zukünftigen Netze. Selbst die kreative Arbeit der in den Konzernen bisher Unberührbaren aus Forschung und Entwicklung wird fremdvergeben.

Gunnar Heinsohn ist Soziologe und Ökonom

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